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Königreich für gutes Englisch

Wer schon als Jugendlicher das Abenteuer Ausland wagt, hat viel zu tun: Spaß haben, Freunde finden, selbstsicher werden. Die Sprache lernt er nebenbei.

Von Helen Bömelburg

Erst mal shoppen bei H&M. Dann einen Latte macchiato bei Starbucks. Und dann? "Zu Poundland!", einer Ladenkette, in der alles - vom Glitzer-Nagellack bis zum Handy-Söckchen - nur ein Pfund kostet, etwas mehr als einen Euro. Das alles erhofft Pauline Weis, 16, für ihre Herbstferien, während sie im Bus sitzt, der von London Heathrow über die M3 Richtung Südwesten schnurrt. Draußen, für Stunden: graue Dörfer zwischen grünen Hügeln. Die Menschen werden seltener, die Schafe zahlreicher. Pauline schaut skeptisch aus dem Fenster. Sie ist unterwegs an die britische Küste, wo sie in den nächsten zwei Wochen einen Sprachkurs machen will. Den Ort haben ihre Eltern ausgewählt. "Er ist klein genug zum Lernen", hat ihr Vater beim Abschied gesagt. Klingt nicht gut, meint Pauline.

Wie die junge Berlinerin buchen jährlich etwa 135.000 Deutsche eine Reise, um ihr Englisch zu verbessern. Die meisten zieht es nach England, Irland und auf die Mittelmeerinsel Malta. Allein Großbritannien hat etwa 900 Sprachschulen, und das Angebot an Bildungsreisen ist riesig: Da gibt es Business- Kurse in schicken Tagungshotels, kombiniertes Reit- und Sprachtraining und Internatsferien in Harry-Potter-Schlössern. Viele deutsche Teenager verbringen den Sommer in den Küstenstädten Eastbourne, Bournemouth oder Brighton, wo sich die Sprachschulen ballen und das junge Leben brummt: Pyjama-Partys, Kinonächte und Romanzen am Strand.

Pauline hingegen hat es nach Sidmouth in die Grafschaft Devon verschlagen. Die Attraktion des 15.000-Einwohner-Städtchens ist das Donkey Sanctuary, ein Heim für altersschwache Esel. Und auch sonst spielt eine ergraute Gesellschaft hier eine unübersehbare Rolle. Wetterfeste Touristen erwandern die spektakuläre Steilküste, unten an der Strandpromenade atmen Kurgäste die feuchte Seeluft. Nach dem Fünfuhrtee sieht man weißhaarige Damen eine Runde Minigolf spielen. Die Stadtverwaltung will das altenglische Flair des Badeorts bewahren. Und so sind die Gassen noch nicht von internationalen Ladenketten erobert. Stattdessen verkauft Woolforde's Perfumery das Rasierwasser Napoleons und den Rosenduft der Queen nach Originalrezepten.

"Deutsche sind unkompliziert"

Montagmorgen, Pauline schlingt noch eine zweite Portion Frühstücksflocken herunter, bevor es losgeht zur Sprachschule. Ihre Gasteltern Kate und Tim Biggin nehmen regelmäßig Sprachschüler auf, seit ihre beiden Töchter aus dem Haus sind. "Das hält jung", sagt Tim, ein pensionierter Immobilienmakler. Er und seine Frau haben inzwischen viel Erfahrung mit Jugendlichen aus der ganzen Welt. "Die Deutschen sind unkompliziert. Höflich, selbstständig, sprechen gut Englisch", sagt Kate. "Japanische Mädchen weinen am Anfang viel. Die Eltern schicken sie her, wenn sie noch sehr jung sind - erst 12 oder 13 Jahre alt. Die versuchen wir abzulenken, machen Ausflüge, nehmen sie mit zum Einkaufen." Pauline fühlt sich wohl in dem großen Haus mit den dicken Teppichen und dem Nippes. Sie spielt mit Katze Kitty und schaut Quizshows mit Kates Mutter Ann, 93. "Englisch zu sprechen fällt mir jeden Tag leichter", sagt sie.

Die Sidmouth International School, die einzige Sprachschule am Ort, hat 140 Gastfamilien unter Vertrag. Schulleiter Darrell Dumenil kennt sie alle persönlich.

Pro Schüler und Woche verdienen die Familien umgerechnet 150 Euro. Doch Dumenil legt Wert darauf, dass sie kein Geschäft mit den Sprachreisenden machen, sondern ihnen ein authentisches Familienleben bieten. "Je tiefer unsere Schüler in den englischen Alltag eintauchen, desto schneller lernen sie die Sprache", sagt auch Vincent Smidowicz, akademischer Leiter der Schule. Gemeinsam mit sechs fest angestellten Lehrern und - zur Hochsaison - Dutzenden von Zeitkräften entwickelt er individuelle Sprachkurse: mal für eine Klasse österreichischer Grundschüler, mal für die Finanzexperten einer japanischen Bank oder die Angestellten eines Autokonzerns aus Schweden. Das Herzstück des Unterrichts sind jedoch die Standardkurse auf sechs verschiedenen Niveaus. Vor einigen Jahren hat die EU sie im "Europäischen Referenzrahmen für Sprachen" klar definiert. Die Leistungsstufen reichen von "A1" für Anfänger bis "C2", was für nahezu muttersprachliche Gewandtheit steht.

Der Test fürs Einstiegsniveau

Am Wochenbeginn werden alle neuen Schüler auf ihr Sprachniveau getestet, sechs verschiedene Aufgabenblätter stehen zur Wahl. Pauline wirft einen Blick auf ein rosafarbenes Blatt. Zu einfach, entscheidet sie schnell und greift zum blauen Formular für die Mittelstufe. Es folgt ein mündlicher Test, in dem sie stockend von ihrem Hund und ihrem Eiskunstlauftraining erzählt. "Figure skating" ist ein Wort, das Pauline behalten wird. Und nun hofft sie, dass sie in einen Kurs mit netten Leuten kommt. "Am liebsten Deutsche", sagt sie. Bisher hat sie in der Schule, die in mehreren Cottages untergebracht ist, allerdings nur eine Truppe lärmender Italiener entdeckt und zwei Elfjährige aus Hamburg. Die zählen nicht. Nach dem Lunch dann die Erleichterung: Paulines Mitschüler sind zwei Schwestern aus der französischen Schweiz sowie Alex und Bijam, beide 16, aus Deutschland. Als Pauline die Jungs sieht, reckt sie vor Freude beide Daumen hoch. Die Stunde beginnt mit artiger Konversation: Where do you come from? Do you like Sidmouth? Aber als Lehrerin Merryl wissen will, wer ein Haustier besitzt, und Alex antwortet "I have a pig. It's my brother", beginnen auch die anderen, unverkrampft ihr Englisch auszuprobieren.

Zwei Stockwerke höher diskutieren Friedrich, Lennard und Joost, alle elf Jahre alt, über die sieben Weltwunder. Sie zählen zu den Jüngsten, die die Sprachschule aufnimmt, und sind gemeinsam mit älteren Geschwistern nach Sidmouth gekommen. So erleben sie das Abenteuer Ausland mit Begleitschutz. "Sehr wirkungsvoll gegen Heimweh", sagt Schulleiter Dumenil.

Lennard nennt seine persönlichen Weltwunder: Internet, Raketen, Schnellzüge. Dabei kommt ihm ein Gedanke: "Trains are very…äh…umweltfreundlich!" Lehrerin Vicky runzelt die Stirn, woraufhin Lennard hastig nach einer englischen Umschreibung kramt: "Well, trains are good for the air." Dabei atmet er zur Illustration heftig ein und aus. "Ah", lobt Vicky, die speziell für jüngere Kinder ausgebildet ist, "Trains are good for the environment." Sie unterrichtet mit Tempo und lässt ihre Schüler nicht eine Sekunde abschweifen.

Strenge Regeln für die Pubs

Abends, als sich die erwachsenen Sprachschüler in ihre Pensionen zurückziehen, sind Pauline und die anderen Teenager noch topfit. Aber was tun? Minderjähriges Party-Volk muss ohne Alkohol auskommen, denn die Schule hat mit jedem Pub und den beiden Supermärkten eine strenge Abmachung. So lässt sich Betreuer Guy Russell, 25, jeden Abend etwas einfallen. Der smarte Surfertyp organisiert das Freizeitprogramm für die Jugendlichen. Heute lotst er sie in einen Schuppen neben der Schule, damit sie sich beim Kickern, bei Tischtennis und Karaoke besser kennenlernen. Die italienischen Mädchen hüpfen schon bald auf den durchgesessenen Sofas und trällern Abba-Songs mit heftigem Mittelmeerakzent: "Mamma mia, how can I rrresist you?" Pauline kämpft am Kicker, verabredet sich fürs Kino und fachsimpelt über Eiskunstlauf. Sie vergisst, dass man in Sidmouth nicht shoppen kann. Und dass sie in den letzten Stunden nur Englisch gesprochen hat.

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