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Laisser-faire am Montmartre

Im 18. Arrondissement können Besucher erleben, dass Paris nicht nur ewig schön, sondern auch immer wieder neu und spannend ist. Eine Tour durch das Einwandererviertel am Montmartre.

Von Harriet Wolff

Der Marabout spaziert mit Hut und silberschwarz gestreiften Schuhen über den Markt am Boulevard de la Chapelle und schwenkt seinen gedrechselten Zeremonienstab. Ein Mann im Boubou neigt sein Haupt vor ihm. Schließlich ist Ousmane N'doundou Sané als Marabout das Oberhaupt einer muslimischen Bruderschaft aus dem Senegal. Man behandelt ihn mit Respekt in der afrikanischen Gemeinde der Goutte d'Or, dem Einwandererviertel des 18. Arrondissements, das an den Ausläufern des Montmartre-Hügels liegt.

Der Gottesmann zeigt einen ausgeprägten Sinn für Mode. N'doundou Sané trägt ein schwarzweiß- grau kariertes Ensemble aus Hose, Hemd und knöchellangem Mantel und blickt durch eine Dandybrille auf die Welt.

Designerin mit Afrolocken

In der Goutte d'Or mischt sich afrikanische Kultur mit dem Pariser Talent, aus Stoff und Haltung Stil zu machen. So zieht es auch die Modeschöpferin Sakina M'Sa an diesen Ort. Er ist noch nicht so blankgeputzt wie der größere Teil des 18. Arrondissements, dessen Antlitz die Kirche Sacré-Coeur versüßt. Deren Baiser-Kuppeln lugen hinter den Häusern hervor, die hier im ehemaligen Arbeiterbezirk niedriger und bescheidener sind als in der großbürgerlichen Hälfte ein paar Straßen weiter.

Ich bin mit der Designerin auf dem Markt an einem Stoffstand unter der Hochbahn verabredet. Die 38-Jährige mit den Afrolocken und dem herzförmigen Gesicht inspiziert die Muster und lässt ihre Augen wandern. In ihrem roten Minikleid, mit Blazer und Chucks, läuft sie für sich selbst Reklame. Sakina M'Sa, die von den Komoren stammt und als Siebenjährige nach Frankreich kam, findet hier jenes Laisser-faire, das die Pariser sich selbst gern andichten, "dabei ticken sie ganz schön konventionell", sagt sie.

Von Touristen jahrzehntelang gemieden

Über uns rumpelt die Metrolinie 2 in die Station Barbès-Rochechouart. Der erdig-süße Geruch warmer Süßkartoffeln weht durch das Gemüse-Büstenhalter-Herrenhemden-Spalier. Für die Afrikaner von Paris ist dieser Markt wie ein Dorfplatz. Auch für die, die hier keine Wohnung ergattern konnten und aus den Vororten anreisen. "Die Muster, die Farben, der Stil der Besucher regen mich für meine Mode an", sagt Sakina.

Im Schatten des Künstlerviertels Montmartre, von Touristen, Einheimischen und der Stadtverwaltung über Jahrzehnte ignoriert und gefürchtet, hat sich La Goutte d'Or, der "Goldene Tropfen", immer wieder gewandelt. Aus einem Areal, auf dem einst Weißwein wuchs, wurde ein Arbeiterkiez, und seit den Sechzigerjahren zogen Menschen aus den früheren Kolonien im Maghreb und Westafrika her. Rund 40 Nationalitäten leben hier. Nahe der Kirche Saint Bernard de la Chapelle versammeln sich in der Al-Fath-Moschee mit ihrem Wellblechdach freitags tausend Muslime zum Gebet und noch einmal so viele breiten ihre Gebetsteppiche auf der Straße aus.

Frischer Minztee aus dem Blechkessel

50 Prozent aller Wohnungen sind Sozialbauten, viele wurden mit Fördergeldern saniert. Worauf eine kleine Sensation begann: Einige Français français, Franzosen ohne Migrationshintergrund, zogen ins Viertel, das lange mit Drogen, Prostitution, Kriminalität von sich reden machte. Die ersten Bürgerkinder kamen darauf, dass sich dort gar nicht schlecht und vor allem günstig wohnen ließe. Das war um 2005, sagt Sakina. Mittlerweile sei es in der Goutte d'Or nicht mehr billig, aber günstiger als anderswo in Paris.

Ein solches Französische-Franzosen-Pärchen sind Jules und Vera, die ich später auf einem Spielplatz anspreche. Er ist Kameramann, sie Cutterin. Ihnen gefällt die Goutte d'Or so sehr, dass sie für ihre Zwillinge beschlossen: "Wir wollen sie hier in die Schule geben, auch wenn es sozial manchmal schwierig ist. Es muss sich mischen. Sonst geht es mit dem Stadtteil nicht voran."

Sakina führt mich in Richtung Montmartre hinauf durch die Rue de Chartres. Am Straßenrand verkauft Hussein aus Marokko frischen Minztee aus einem Blechkessel. Eine Verkaufslizenz hat er ebenso wenig wie sein Landsmann, der auf einem Einkaufswagen Maiskolben röstet. Das Hotel ein paar Häuser weiter neben dem arabischen Buchladen könnte mit seinem Schieferdach und den Lamellen- Fensterläden als Kulisse für einen französischen Film dienen, in dem lange über die Liebe gesprochen wird, bevor sie passiert. Ein Viertel des wilden Kulturmixes - und doch wieder so pariserisch mit seinen schmiedeeisernen Laternen und scheckigen Platanen, dass es nicht wundert, wenn hinter einer Hallal-Metzgerei Sacré-Coeur aufblitzt. Es ist der Hügellage geschuldet, dass dieses Wahrzeichen der Stadt oft mit ins Bild rückt.

In der unscheinbaren Rue des Gardes hat Sakina M'SA ein Ladenatelier eröffnet. Die Miete subventioniert die Stadt. Doch die Modeschöpferin gibt dem Viertel dafür etwas zurück: Sechs Mitarbeiter beschäftigt sie. Drei Frauen aus der Nachbarschaft hat sie zu Schneiderinnen ausgebildet, die in der Werkstatt ihre Kreationen fertigen, von bezahlbaren T-Shirts über Röcke aus Blaumannresten bis zu kostspieligen Kleidern. Dass sie Haute Couture verkauft, die Miete jedoch von der Stadt bezuschusst wird, das ist für Sakina kein Widerspruch. "Wir beleben die Straße, die Menschen akzeptieren uns, auch wenn fast keiner etwas kaufen könnte." Aber abgucken können sie sich etwas.

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