Eine fremde Metropole, dazu eigene vier Wände mit Küche, Bad und Balkon - ein gemietetes Apartment macht einen Städtetrip fast zum Heimspiel. Unsere Autorin hat ein Zuhause auf Zeit in Spanien ausprobiert. Von Eva Lehnen

Was wäre Barcelona ohne den Architekten Antoni Gaudí! Neben seiner Sagrada-Kathedrale gehört der Parc Güell zum Pflichtprogramm© Eva Häberle
"Das hier", sagt Sarah, "ist nicht bloß der Schlüssel zu deinem Apartment. Wenn du ihn richtig nutzt, ist das der Schlüssel zur Stadt." Genau genommen überreicht sie mir mehrere Schlüssel: Haustür unten, Wohnungstür oben, Dachterrasse noch weiter oben. "Im Kühlschrank steht ein Flasche Cava. Für dich, ein kleiner Willkommensgruß. Viel Spaß." Weg ist sie - und ich bin allein zu Haus. In meinem neuen Zuhause auf Zeit. Fünf Tage Barcelona. Zum ersten Mal habe ich für eine Städtereise kein Hotelzimmer gebucht, sondern ein Apartment in einem Wohnhaus. Ich schiebe die schweren Holzblenden vor den Fenstern beiseite, die die Wohnung vor der Mittagssonne schützen sollen. Licht fällt ins Wohnzimmer, auf den großen Holztisch und das breite orangefarbene Sofa. Vom Flur aus geht es in die Küche, etwas weiter hinten liegt mein Schlafzimmer. Der Schrank, das Bett, alles in Weiß, klare Formen und funktional. Von der kleinen Balustrade vor dem Wohnzimmerfenster geht der Blick hinunter in die Carrer Jupi - ein schmales Gässchen am Rande des "Barri Gòtic", des gotischen Viertels im Süden Barcelonas.
Unten vor dem Haus hat sich eine schwarze Katze im Schatten zusammengerollt, die kleinen Geschäfte in der Nachbarschaft haben ihre Rollos heruntergelassen. Siesta, mein Viertel macht Mittagspause. Ich trage meine Reisetasche ins Schlafzimmer, packe aus und wundere mich dabei ein bisschen über mich selbst. Im Hotel käme ich nie auf die Idee, meine Sachen in den Schrank zu hängen. Aber hier ist das etwas anderes: "At home in" heißt die Agentur, die das Apartment vermietet. Der Name ist Programm. Der Gast soll sich im Urlaub wie in den eigenen vier Wänden fühlen - und zu Hause lebt man ja auch nicht aus dem Koffer. Und so hängt das blaue Wickelkleid bald auf dem Bügel, die T-Shirts kommen in die Schublade, die Flipflops neben die Haustür, und die leere Tasche verschwindet unterm Bett. "In einem Hotel sind Sie immer Tourist. In einem Apartment können Sie das Flair einer Stadt wie ein Einheimischer genießen", wirbt die Agentur auf ihrer Internetseite für die Vorzüge einer Städtereise mit eigenem Wohnungsschlüssel. Wer sich ein Apartment mietet, so das Versprechen von "At home in", sieht eine fremde Stadt schärfer, als es der Blickwinkel eines Hoteltouristen zulässt.
Stimmt das? Geht man anders mit einer Stadt um, bloß weil man in einer Wohnung und nicht in einem Hotelzimmer wohnt? Ich bin neugierig. Salud mit einem Cava, dem katalanischen Nationalgetränk. Auf Barcelona! Im Hotel hätte ich mich längst davongemacht. Bloß keine Zeit auf dem Zimmer verschwenden! Stattdessen beobachte ich vom Sofa die Frau im Haus gegenüber, wie sie Handtücher von der Wäscheleine vor ihrem Fenster pflückt. Kurzes nachbarschaftliches Zunicken, dann verschwindet sie im Dunkel ihrer Wohnung. Geschirr klappert. Essen? Irgendeine Kleinigkeit wäre jetzt in der Tat nicht verkehrt. Der Kühlschrank im Apartment ist völlig leer. Ein bisschen wie nach einem Umzug oder einem Stadtwechsel - alles auf Anfang. Ein schönes Gefühl. Es gilt nicht nur, einen Supermarkt zu finden, sondern man muss sich seinen Alltag, auch wenn es "nur" der Urlaubsalltag ist, erst einmal einrichten. Wo ist die nächste U-Bahn-Haltestelle? Wie der kürzeste Weg dorthin? Wie sind die Nachbarn? Wo ist der Bäcker? Welches Café taugt zum Wiederkommen? Und überhaupt: Wo bin ich hier eigentlich gelandet, wie tickt mein Viertel?
Kein Rezeptionist, der freundlich irgendwelche Routen erklärt, keine Amüsiertipps, vom Hotelservice in eine Mappe gepackt und im Zimmer ausgelegt. Zum Glück nicht! Es ist schön, mit meinem Stadtteil, mit Barcelona allein zu sein. Der Reiseführer bleibt auf dem Sofa zurück, nur der Stadtplan, den Sarah mir gegeben hat, kommt zur Sicherheit in die Tasche. Los geht’s, die vier Stockwerke hinunter zum kleinen Platz, dem Plaça dels Traginers, am Ende meiner Gasse. Vor der Bar "La Luna del Jupiter" stehen ein paar Plastiktische und Stühle unter Bäumen, dazwischen die bröckeligen Reste der alten Stadtmauer. Als der Kellner merkt, dass er bei mir weder mit dem hier üblichen Catalán noch mit Spanisch weit kommt, schwenkt er um auf Englisch. Er heißt Vincenco. Als er einen "café con leche" hinstellt, erklärt er, dass die Bar eher ein "local hangout" sei. Je länger ich hier sitze, desto besser verstehe ich, was er damit meint. Da ist der schräge Typ, der mit einem grünen Papagei auf der Schulter seine Runden ums "La Luna" dreht, der grantige Obdachlose, der auf der Mauer gegenüber täglich sein Schläfchen hält, die Jungs von der Fahrradwerkstatt, Marina, die Illustratorin, die ihre Zeichnungen nicht nur verkauft, sondern einige ihrer bunten Werke in die Bäume am Platz gehängt hat.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 45/2007