HOME

Beim Esten was Neues

In den alten Mauern von Tallinn flirtet eine junge Generation mit der Zukunft. Dieser Mix fasziniert die Besucher von Estlands Hauptstadt.

Von Jan-Philipp Sendker

Stillsitzen ist schwierig. Stillsitzen bedeutet für Kuno Tehva, eine Pause zu machen. Nicht ans nächste Projekt zu denken. Entspannen. Dafür hat er keine Zeit. Er wippt mit den Beinen, spielt mit Autoschlüssel oder Handy, rutscht auf dem Stuhl unruhig hin und her. Er dreht den Kopf mal hierhin, mal dorthin, hat seine blauen Augen überall. Kuno will sehen, ob die Kellnerinnen ihre Arbeit gut machen. Will wissen, welche Gäste kommen, wie lange sie bleiben, was sie essen.

Wir sitzen in der "Stereo Lounge", einem der angesagten Lokale in Estlands Hauptstadt Tallinn. Es gehört Kuno, und es war seine Idee, ein Restaurant zu eröffnen, das am Tag Café, am Abend Lounge und in der Nacht ein Klub mit Diskjockey ist. Außerdem besitzt er noch einen der besten Klubs der Stadt, organisiert das wichtigste Musikfestival, ist Importeur eines Motoröls und Mitinhaber eines Radiosenders. Der 34-Jährige wirkt in seiner Geschäftigkeit wie eine Art Botschafter des neuen Estlands. Vielseitig. Neugierig. Voller Optimismus und mit der Energie, Pläne umzusetzen. Er war gerade 20, als sich sein Land 1991 von der Sowjetunion die Unabhängigkeit ertrotzte. Wie viele seiner Generation nutzte er erst mal die Möglichkeiten des freien Reisens und ging für ein paar Jahre nach Amerika. Andere zogen nach Prag, Berlin oder London, kehrten zurück mit neuen Träumen und machten sich daran, ihre Heimat der Welt zu öffnen.

Wer heute nach Tallinn reist, erlebt, wie sie erfolgreich die Stadt verändern. Es ist das Nebeneinander von Alt und Neu, diese Mischung aus High Tech und Mittelalter, was Tallinn zu einem besonders interessanten Reiseziel in Europa macht.

Viele der Bars, Restaurants und Cafés sind so modern designed, dass sie auch in Berlin, Paris oder Barcelona bestehen könnten. An Türen und Hauswänden kleben "Wi-Fi"-Schilder, die auf ein drahtloses und kostenfreies Internet hinweisen. In Estland hat jeder Bürger per Gesetz ein Recht auf Zugang zum Internet. Dass diese junge, moderne, gut 400.000 Einwohner zählende Metropole sich dazu noch hinter wunderschönen alten Fassaden verbirgt, hat besonderen Reiz.

Der Besucher betritt den historischen Kern durch eines der imposanten Tore in der 750 Jahre alten, drei Meter dicken Festungsmauer. Fast zwei Kilometer der ehemals doppelt so langen Anlage sind noch erhalten. Es braucht nicht viel Fantasie, um in den schmalen Straßen das Geklapper von Pferdewagen und Hufen zu hören. Das Geschrei der Marktfrauen, das Quietschen der Seilwinden, mit denen Säcke in die oberen Stockwerke gehievt wurden. Tallinn war über Jahrhunderte Handelszentrum, stolzes Mitglied und östlichster Hafen des Hansebundes. In Straßen wie der Pikk erzählen opulente Häuser vom Reichtum der Kaufleute im früheren Reval.

Den schönsten Blick hat der Reisende vom Turm der Olaikirche. Auf der einen Seite Hafen und Ostsee, auf der anderen mittelalterliche Idylle: rote Ziegeldächer, Kopfsteinpflaster, alte Laternen, die Stadtmauer und 26 erhaltene Wehrtürme. Spaziergänge durch die Altstadt sind Wanderungen durch rund 850 Jahre Architekturgeschichte voll Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus. Das Ensemble ist einmalig und wurde 1997 von der Unesco zu Recht zum Weltkulturerbe erklärt.

Ein Rathausmarkt wie in Neapel

In den Sommermonaten, wenn die Sonne kaum untergeht, herrscht in den Gassen nahezu südländische Ausgelassenheit. Cafés, Restaurants stellen Tische und Stühle auf die Straße, es wird gesungen und getanzt. Auf dem alten Rathausplatz sitzen die Gäste bis tief in die Nacht so entspannt, als läge die Stadt gleich neben Neapel. Es gibt keine Sperrstunde, und hinter den mittelalterlichen Fassaden verstecken sich so viele Klubs, Diskos und Bars, dass die "New York Times" Tallinn kürzlich zur Partyhauptstadt der Welt kürte.

Wer Spuren aus der jüngeren Vergangenheit sucht, aus der "sowjetischen Zeit", wie die Esten die Jahre zwischen 1944 und ihrer Unabhängigkeit 1991 nennen, muss die Altstadt verlassen. Gleich hinter dem Hauptbahnhof liegt der "Russenmarkt". Hier wird der Fremde entweder ignoriert oder misstrauisch beäugt. In den schmuddeligen Schaufenstern kleiner Blechbuden stehen Kaffeedosen, Waschmittel, liegen eingeschweißte Würste, Kekse und Kuchen aus Russland. In anderen Läden warten Kunstledertaschen und Plastikschuhe auf Käufer. Der Markt ist keine zehn Fußminuten von der Altstadt entfernt und wirkt, als lägen Tausende von Kilometern dazwischen.

Abends sitzen wir in der "Valli Baar", eines der wenigen Überbleibsel aus der sowjetischen Zeit im Zentrum. Der Barkeeper ist noch so mürrisch und uninteressiert wie früher, an den holzgetäfelten Wänden hängen dieselben Plastikblumen, es gibt noch immer die trockenen, mit Ei und Sardinen belegten Brote. Nur im Regal stehen jetzt nicht ausschließlich Wodkaflaschen, sondern auch Whiskeys und Liköre. Am Tresen sitzt ein gemischtes Publikum. Es sind viele alte Stammgäste darunter, die mit vom Alkohol geröteten Wangen und Nasen vor ihren Bieren und Schnäpsen hocken. Dazwischen drängen sich jüngere Regierungsbeamte, Künstler und Geschäftsleute, die sich hier eine Pause gönnen von der internationalen Latte-Macchiato-Caipirinha-Cocktail-Bar-Lounge-Atmosphäre in den umliegenden Straßen. Zu später Stunde kommt ein Akkordeonspieler vorbei. Er singt Lieder und Balladen auf Russisch und Estnisch, die fast alle Gäste aus ihren Ferienlagern kennen. Nach wenigen Minuten schallt aus der Bar ein vielstimmiger Chor, und in manchen Stimmen liegt mehr als nur die leichte Melancholie, die Kindheitserinnerungen eigen ist. Es ist die Sehnsucht nach einer Authentizität, die im Rest der so fürsorglich restaurierten Altstadt verloren zu gehen droht.

"Wenn wir nicht Acht geben, werden wir zu einer zwar schönen, aber sehr langweiligen Stadt", warnt der Theaterregisseur Peeter Jalakas. Wir treffen ihn am nächsten Tag in der "Von Krahl Theaterbar". Der 45-Jährige ist einer der kreativsten Köpfe des Landes, Begründer und Intendant von Estlands führendem Avantgarde-Theater. Er ist groß und kräftig, hat eine dunkle Stimme und die angenehme Eigenart, länger nachzudenken, bevor er eine Frage beantwortet. Manchmal, so sagt er, sehnt er sich nach der Aufbruchstimmung der 90er Jahre zurück, als es keine Vorbilder gab und alles möglich schien. Damals gründete er seine Theatergruppe, experimentierte erfolgreich mit Video, Musik und Tanz in seinen Stücken. Da aber selbst in dieser kunstinteressierten Stadt - 17 Bühnen und zahlreiche Kulturfestivals - mit Theater kein Geld zu verdienen war, eröffnete er diese Bar. Und weil das Geld immer noch nicht reichte, kamen noch zwei Restaurants und ein Café dazu. "Wir hatten keine Ahnung von Buchhaltung, Einkauf, Verkauf, Gewinnmargen", erinnert er sich. "Wir haben ausprobiert und hatten die Freiheit, Fehler zu machen."

Zu viele können ihm nicht unterlaufen sein. Heute gehören ihm das Theater und die zwei angrenzenden Häuser in der Altstadt, außerdem importiert er ökologische Lebensmittel aus Deutschland und Frankreich, weil er die gern isst und sie in Estland kaum zu bekommen sind. Daraus sind Öko-Läden und ein Öko-Restaurant entstanden. "Wir haben uns schnell und erfolgreich der westlichen Konsumgesellschaft angepasst", sagt er. Nach einer langen Pause fügt er hinzu: "Wir müssen nur aufpassen, dass wir dabei nicht unsere Persönlichkeit verlieren."

Solche Sorgen plagen Kuno nicht. Er steht in seiner hypermodernen Lounge und freut sich über die vielen Gäste, die das internationale Flair genießen. Kuno hat auch die Einrichtung selbst entworfen. Alles ist in Weiß gehalten. Einzige Farbtupfer sind die bunten Likörflaschen hinter der Bar und die knallroten Uniformen der Kellnerinnen. "Ich wollte so viel Helligkeit und Licht wie möglich," sagt er, "denn Licht bedeutet Energie. Davon kann man nicht genug haben."

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity