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Zurück in die Zukunft

Zwischen mittelalterlichen Giebeln und russischen Zwiebeltürmchen tobt das Leben Tallinns: Bars in Bonbonfarben, futuristische Galerien und freies Internet für alle haben die estnische Hauptstadt in eine moderne Metropole verwandelt.

Tallinn ist berühmt für seine schönen Frauen: Mit aufrechtem Gang flanieren sie durch die engen Gassen der Altstadt, balancieren ihre Bleistiftabsätze gekonnt zwischen die Rillen des Kopfsteinpflasters und lassen ihre offenen Mäntel im eisigen Wind des finnischen Meerbusens flattern. Eines jedoch sollte einem Fremden niemals passieren: Eine Estin mit einer Russin zu verwechseln. Denn die kühlen Grazien rühmen sich ihres zurückhaltendes Wesens und subtilen Stils. Und der unterscheidet sie ihrer Ansicht nach wesentlich vom grellen Make-up und lauten Lachen ihrer russischen Nachbarinnen.

Das reservierte Wesen der Esten durfte vor einigen Wochen auch der britische Premier Tony Blair kennen lernen. Bei seinem Besuch in Tallinn hatte man die Straßen für Schaulustige zwar gesperrt - doch kaum ein Este säumte den Weg. Für Ene Palmiste vom Fremdenverkehrsamt Estland eine klare Sache: "Ach, wir Esten beklatschen niemanden gern - dafür kritisieren wir auch nicht so laut."

Das Kabinett regiert "papierlos"

Blair war mit vielen Versprechungen und ebenso vielen Drohungen nach Estland gekommen, dabei hatte er sich für seinen Osteuropa-Besuch eines der modernsten und fortschrittlichen Länder ausgesucht - auch wenn dies auf den ersten Blick kaum sichtbar ist. Denn auch wenn Tallinn sein zuckersüßes Mittelalter-Bild pflegt und den grauen Ostblock-Flair in die Vororte verdrängt hat, vibriert hinter den Fassaden das moderne Leben.Bestes Beispiel: Das estnische E-Government. So tagt am Rande des Dombergs das Kabinett in einem klassizistischen Palais, doch was von außen restauriert und antiquiert anmutet, entpuppt sich innen als vollständig vernetzte Regierungszentrale. Auf den Tischen stapeln keine staubigen Aktenordner sondern lassen schlanke Flachbildschirme viel Armfreiheit. Im Presseraum übertragen winzige Kugelkameras jede Konferenz in die landesweiten Redaktionsräume. Und seit man vor fünf Jahren beschloss, "papierlos" zu regieren, werden Abstimmungen nicht mehr unterzeichnet, sondern geklickt. Kaum eine normale Sitzung dauert länger als 60 Minuten, weil das digitale Regierungsprogramm schon vor den Treffen nur die strittigen Themen der Agenda ausfiltert.

Willkommen in der Zukunft. Dass Estland als eines der ersten Länder per Internet wählen ließ, versteht sich von selbst. Ob ein Stromausfall die Regierung lahm legen würde? "Aber nein", erklärt Regierungssprecher Sten Hansson, "wir sind bestens vorbereitet und haben jede Menge Notstrom-Aggregate."

Damit die Bevölkerung das Internet auch nutzen kann, hat die Regierung hunderte öffentlicher Interstationen eingerichtet, in Postämtern, Bibliotheken und sogar Tante-Emma-Läden. Kaum ein Cafe, das seinen Gästen kein Wireless-Lan bietet, kaum ein Este, der keinen Computer bedienen kann – und damit selbst seine Steuerklärung in wenigen Minuten online ausfüllt.

Futuristische Bars zwischen alten Fachwerkhäusern

Und so ziehen sich die Gegensätze Estlands durch die gesamte Hauptstadt: Zwar strömen die meisten Touristen in die Unesco-geschützte Altstadt, spazieren durch die eng gepressten Gassen, die gesäumt werden von mittelalterlichen Kirchtürmen, hanseatischen Kaufmannshäusern und klassizistischen Palais. Doch abends, zum Ausgehen, locken Bars mit schneeweißen Kuben zum Herumlümmeln und Restaurants, von deren gotischen Gewölben futuristische Papierlampen hängen. Und zwischen den Tischen stolzieren filigrane Estinnen wie auf einem Catwalk.

In Pirita, dem nördlichsten Stadtteil Tallinns setzt sich das Wechselspiel von Gemäuer und Glasfronten fort: Neben ihrer Klosterruine aus dem 15. Jahrhundert haben sich die Schwestern des Birgittenordens ein kantiges Konvent bauen lassen, mit haushohen Glasfassaden, die mehr an eine Kunsthalle erinnern denn an ein Kloster. Für einige Euro empfangen sie Touristen zum Kurzurlaub im Kloster. Die Zimmer sind zwar einfach, aber selbstverständlich ist auch dort eine Internet-Verbindung installiert.

Vorbei an Einfamilienhäusern im Plattenbaustil, deren Eintönigkeit unterbrochen wird von finnischen Designvillen, gelangt man zum Yacht- und Segelhafen Tallinns. Er wurde 1980 anlässlich der Olympischen Spiele in Moskau errichtet, denn Tallinn war damals Austragungsort der Segelwettbewerbe. Heute sind alle Boote festgemacht und schaukeln in der frostigen Brise. Wo sich im August baltische Sommerfrischler aalen, hinterlässt im November jeder Schritt gefrorene Fußabdrücke im Sand. Und während die wenigen Ausflügler bibbernd zum Bus eilen, erzählt Fremdenführerin Maie Välje noch etwas über estnische Wohnkultur: "Die meisten Esten wohnen in Eigenheimen, im Plattenbau leben eigentlich nur Russen. Die sind eben das Kollektiv gewohnt."

Die Russen leben in den Mietskasernen der Trabantenstädte

Ins andere Gesicht Estlands blickt der Besucher, wenn er das Zentrum Tallinns verlässt. Vorbei an finnischen Holzhäuschen und Shopping-Zentren führt der Weg mitten in das estnische Pendant zu den Pariser Banlieus. In den grauen Mietskasernen wohnt hier ein großer Teil der russischen Bevölkerung, mit Spielplätzen zwischen Schnellstraße und Elektrizitätswerk. Zur einer der ersten, großen öffentlichen Kundgebungen gegen die sowjetischen Besatzung fand 1988 in einer riesigen Konzertmuschel auf dem Sängerfeld statt: Während ihres jährlichen Sängerfests fordern tausende Menschen singend die Souveränität Estlands - ein Ereignis, das als "singende Revolution" in die Geschichte einging.

Seit Estland 1991 unabhängig geworden ist und die Sowjetkader samt Soldaten das Land verließen, ist das Verhältnis zwischen Esten und Russen gespalten, gleicht mehr einem Neben- als Miteinander. Obwohl sie fast 30 Prozent der estnischen Bevölkerung stellen, haben die wenigsten russischen Einwanderer einen estnischen Pass oder sprechen die Landessprache. Die meisten arbeiten in Niedriglohnjobs, wobei die Esten das niedrige russische Einkommen gerne auf mangelndes Organisationstalent schieben. Und auch in ihrer Mentalität unterscheiden sich die Balten von ihren slawischen Nachbarn: "Russen gestikulieren viel, sind laut und überheblich", erklärt Geschäftsfrau Maris Kivi. "Wir Esten hingegen sind viel sachlicher, pragmatischer und aber auch viel direkter."Zurück in der Altstadt erinnert vor allem die Alexander-Newskij-Kathedrale an die russischen Besatzer. Wie ein Sahnebaiser mit Schokoguss prangt sie mitten auf dem Domberg und sammelt sonntags die orthodoxen Gläubigen zum Gebet. In der Unterstadt hingegen frönen die Menschen ganz weltlichen Genüssen. Vor dem mittelalterlichen Gasthaus "Olde Hansa" steht eine als Magd verkleidete Frau und rührt in einer riesigen Eisenschüssel heißes Karamell. Vom angrenzenden Weihnachtsmarkt weht der Duft gebrannter Mandeln herüber, und ganz schnell lässt man sich einfangen von dem ursprünglichsten Charme der Altstadt Tallinns.

Claudia Pientka

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