Startseite

Apuliens Außenposten in der Adria

Die Tremiti-Inseln liegen am Sporn des italienischen Stiefels, nur eine gute Stunde mit der Fähre vom Festland entfernt. Mitten im Türkis der Adria bringen die Mini-Inseln maximale Schönheit unter.

Von Stefan Maiwald

  Barbesitzer Arturo Santoro schwärmt vom Apnoe-Tauchen. Leute mit weniger langem Atem ziehen San Dominos Sandstrand vor, den einzigen des Archipels.

Barbesitzer Arturo Santoro schwärmt vom Apnoe-Tauchen. Leute mit weniger langem Atem ziehen San Dominos Sandstrand vor, den einzigen des Archipels.

Er atmet ein und ein und läuft rot an. Rot wie die Tischdecke, rot wie die Coladose auf dem Tresen, rot wie die Rosen im Beet neben dem Eingang und wie der gestrige Sonnenuntergang am Leuchtturm bei Punta Secca. Müssen wir uns Sorgen machen? Nein, denn das Einatmen ist seine Spezialität.

Arturo Santoro war Weltmeister im Apnoe-Fischen. In seinen besten Tagen konnte er drei Minuten und zwanzig Sekunden ohne Sauerstoff mit der Harpune den Barschen und Doraden und Schwertfischen hinterhertauchen. Arturo, 72 Jahre alt, wirkt wie 55 und führt seine Atemtechnik vor, während er in einem Espresso rührt. Er sitzt auf einem Plastikstuhl in seinem Café am Hafen eines Dorfes, das aus schmucklosen, weiß verputzten Steinhäusern und einigen schmalen Gassen besteht: San Domino heißt es, wie die größte Insel des Archipels, und ist ihr Hauptort.

Inseln mit nur 500 Bewohnern

Die Tremiti-Inseln liegen vor Gargano, dem Sporn von Italiens Stiefel, in der Region Apulien, rund 20 Kilometer vom Festland entfernt in der Adria. Fünf oder sechs sind es, je nachdem, ob ein Felsbröckchen namens La Vecchia nun dazuzählt oder nicht – eine Frage, die in den zwei Dutzend Bars und Restaurants gern abendfüllend diskutiert wird. Das mehr oder weniger mit Pinien, Gestrüpp und Palmen bewachsene felsige Inselreich ist rund drei Quadratkilometer klein. Neben San Domino ist nur San Nicola noch besiedelt. Insgesamt haben die Tremiti-Inseln rund 500 Bewohner, in der Nebensaison wird die Zahl zweistellig.

"Du musst nicht einfach nur tief Luft holen, sondern nach und nach die Lunge mit Sauerstoff füllen", erklärt Arturo mit gut abgehangener Stimme seine Atemtechnik. Noch immer verbringt er fast ebenso viele Wachstunden unter wie über Wasser. Heute prasselt Regen gegen die Plastikmarkise der Café-Terrasse und bildet Lachen auf dem Asphalt. Selbst die Palmen, die den Platz säumen, wirken deprimiert, und das Meer, das in der Nähe gurgelt, ist kaum auszumachen. Auch Arturos Freunde, die im Café mitreißend herumlärmen, wie es nur Italiener können, blicken immer wieder ratlos nach draußen.

Schönheit unter Wasser

So ein Wetter gebe es eigentlich nur im Winter, aber doch nicht jetzt, während der Reisesaison, sagt Arturo und klingt empört. Dann erzählt er weiter vom Tauchen, das er übt, seit er denken kann. Nach seiner Apnoe-Karriere war er Model für die in Italien beliebten Fotoromane, ein fescher Typ mit langen blonden Haaren und Schwimmerfigur. Sogar seine Hochzeit in den Sechzigerjahren verlegte er in die Tiefe, ein unerhörter Vorgang, der landesweit Kopfschütteln auslöste. Die Ehe hielt keine fünf Jahre, die Liebe zum submarinen Dasein blieb. "Die wahre Schönheit des Archipels befindet sich unter der Meeresoberfläche. Das trifft besonders heute zu", sagt er, und seine Freunde murmeln zustimmend.

Die Tremiti-Inseln gehören zu den schönsten Unterwasserzielen weltweit. Klares Wasser, bunte Wirbel von Fischschwärmen, Korallen, Grotten, Gräben und ein Licht, das sich prächtig bricht. Seit 1989 steht das Gebiet unter Naturschutz. Sogar eine Padre-Pio-Statue haben die Bewohner in rund zehn Meter Tiefe aufgestellt, drei Meter groß. Mit weit geöffneten Armen segnet sie die Taucher. Padre Pio ist der italienische Universalheilige, der in Apulien vor Jahrzehnten Kranke geheilt und die Zukunft vorhergesagt haben soll. Ob er ein Schwindler war, der seine Stigmata mit Säure frisch hielt, ist bis heute umstritten.

  San Domino hat herrliche Liegeplätze: von stillen Buchten wie der Cala dello Spido bis zum Bänkchen über dem Hafen mit der Festung San Nicolas als Traumkulisse.

San Domino hat herrliche Liegeplätze: von stillen Buchten wie der Cala dello Spido bis zum Bänkchen über dem Hafen mit der Festung San Nicolas als Traumkulisse.

Emilio Cafiero, die lebende Dorfchronik

Taucher kommen zu jeder Jahreszeit, Strandtouristen nur im Sommer. Dann eröffnen Freiluft-Discos in San Domino, Bässe übertönen bis zum Morgengrauen das Meer, und die wenigen Hotels sind ausgebucht. San Nicola dagegen, eine 450 Meter lange und schaukelnde Überfahrt mit einem offenen Motorboot entfernt, blickt auch dann stumm auf die vorlaute Schwester. Während auf San Domino Macchia und Pinien wachsen, gibt sich San Nicola karg. Mönche gründeten auf San Nicola einen Außenposten, um das Christentum zu verteidigen, schließlich lag das Osmanische Reich nur wenige Seemeilen entfernt. Sie haben die Abtei zur Festung ausgebaut, und auf die Ungläubigen, die versuchten, sie einzunehmen, prasselten Steine, Pech, Exkremente und wohl auch unchristliche Flüche nieder.

"Silvester waren wir zu elft auf den Inseln", sagt Emilio Cafiero, der sich als "lebende Dorfchronik" vorstellt. Er überwacht das Anlegemanöver der Fähre, keine drei Gehminuten von Arturos Café entfernt. Der Regen lässt Emilios Brille beschlagen, er ignoriert den Schleier. Es gehört zu seinem Job, die Fahrpläne der Schiffe zu organisieren, zu wissen, wer kommt, geht oder auf seine Verlobte wartet. In der Nebensaison versammelt sich jeden Vormittag fast das ganze Dorf am Hafen, um zuzuschauen, wie die Festlandsfähre anlegt. Eine Attraktion, die im Juli und August bis zu achtmal täglich geboten wird. Der Kai ist der belebteste Ort der Inseln. Heute fehlen ausnahmsweise die Menschen.

Reduktion auf das Wesentliche

Der Fähranleger, Arturos Café - sehr viel mehr gibt es in San Domino nicht zu besichtigen. Eine Uferpromenade? Eine Shopping-Meile? Fehlanzeige. Nicht einmal ein Ortskern ist erkennbar, nur ein paar Krimskramsläden, in denen Taucherflossen neben Blümchenkleidern hängen. Kein Stress also, keine Entscheidungen. Wie erstaunlich erholsam Reduktion doch wirkt. Statt großer Motor- und Segelyachten ankern rund zwei Dutzend Fischerboote in einem eigenen kleinen Becken.

Am Hafen erstreckt sich der hübsche schmale Sandstrand, etwa 200 Meter lang, von Felsen begrenzt und im Hochsommer bedeckt mit Liegen und Badetüchern. Der Stadtbummel dauert im Flaniertempo etwa zehn Minuten. Er beginnt am Hafen, führt eine asphaltierte Serpentine hinauf in den Pinienwald, zu einem halben Dutzend Hotels. Zu Fuß entlang der Fahrbahn zu gehen ist, anders als im Rest Süditaliens, gefahrlos möglich.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools