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Türkei: Das Ende der Gemütlichkeit

Hunderttausende Deutsche zieht es jedes Jahr an die türkische Südküste zwischen Antalya und Alanya, und viele haben hier eine zweite Heimat gefunden. Doch der große politische Konflikt, erneut verschärft dieser Tage, macht nicht halt vor dem kleinen Biotop aus Strand und Sahnetorte.

Funda Anik ist eine türkische Geschäftsfrau, die sich spezialisiert hat auf das deutsche Wesen. Zwischen Palmen, Olivenbäumen und Strelitzien im Innenhof ihres kleinen Hotels serviert sie den Gästen selbst gebackene Schwarzwälder Kirschtorte, Eierlikörtorte mit Bananen und den Kaffee, "gern im Kännchen, immer so ab halb vier nachmittags".

Es ist Samstag im September an der türkischen Riviera und wieder 31 Grad warm. Zurück vom Sonnenbad am Strand Nummer 10 sitzen deutsche Urlauber beisammen mit Landsleuten, die sich in Alanya niedergelassen haben, um hier ihren Lebensabend zu verbringen. "Die Deutschen sind gerne unter sich", sagt Anik, "so wie die Türken in Deutschland." Hier schwätzen sie und organisieren den nächsten Gruppenausflug und mäkeln rum. "So seid ihr ja."

Türkei: Das Ende der Gemütlichkeit – Tourismus in Krisenzeiten

Exil-Deutsche: Wirt Willi mit einem Angestellten, daneben Gast Horst (v. l. n. r.)


95 Prozent der Hotelgäste kommen derzeit aus Deutschland

Funda Anik ist Mitte 40. Sie trägt die Locken blondiert. Nach einer Magen-OP raucht sie nicht mehr. Die meisten Gäste wissen das, natürlich. Manche kommen schon seit 10, 15 Jahren ins "Anik Hotel" im Badeort Alanya, einer Touristenhochburg an der türkischen Südküste. Sie kennen Aniks Vita: im Schwarzwald gelebt, deutsche Hotelfachschule, Generaldirektorin eines Großhotels in Alanya, 1997 dann der Schritt in die Selbstständigkeit. Ihre ganze Familie wohnt im Haus. Der Ehemann macht den Einkauf, die Mutter gibt die Grande Dame an der Kaffeetafel, die Katze heißt Konrad, die Schwester hat Krebs. Was nicht alle wissen: "Meine Kuchenrezepte habe ich von sehr betagten deutschen Damen."

95 Prozent der Hotelgäste kommen derzeit aus Deutschland. Das war fast immer so in den vergangenen zwei Jahrzehnten. 2015 bewertete die Kundschaft das Kleinod inmitten der Luxushotels und All-inclusive-Anlagen so gut, dass es zum beliebtesten Tui-Hotel weltweit gekürt wurde. So zahlten die Gäste zurück. Gelebte deutschtürkische Innigkeit.

Deutsch-türkische Freundschaft vor leeren Liegen: der Pool eines Hotels in der Touristenhochburg Alanya

Deutsch-türkische Freundschaft vor leeren Liegen: der Pool eines Hotels in der Touristenhochburg Alanya

Gerade sind die Rentner wiedergekehrt aus der deutschen Sommerfrische, alle 38 Zimmer sind belegt – doch das ist eine Seltenheit in dieser Saison. Die Belegungsrate von Aniks Hotel spiegelt den deutschen Blick auf die politische Lage des Landes. Nach den Terroranschlägen sank die Auslastung im Frühjahr 2016 auf 60 Prozent, nach dem gewaltsamen Putschversuch im Sommer auf 30 Prozent. Obwohl an Weihnachten hier noch immer die Sonne scheint und das Meer bis zu 20 Grad warm ist, "haben wir dann im November dichtgemacht", sagt die Eignerin. 2017 war das Hotel im Schnitt bislang nur halb gefüllt. Neben dem Eingang liegt ein Info-Ordner. Unter dem Tui-Logo mit dem Slogan "Discover your smile" ist auf der ersten Seite zu lesen: "Türkei: Reise- und Sicherheitshinweise".

Das deutsch-türkische Verhältnis ist so schlecht wie kaum jemals zuvor, und es scheint Tag für Tag schlechter zu werden. Der türkische Präsident Erdogan beschimpft die Bundesrepublik als "Nazi-Deutschland" und lässt neben eigenen Oppositionellen auch deutsche Journalisten und Menschenrechtler verhaften.

Nach der Festnahme zweier deutscher Staatsbürger in der Vorwoche drohte die Bundesregierung mit einer Reisewarnung für die Türkei; der wahlkämpfende Grünen-Chef Cem Özdemir sagte am vergangenen Sonntag, mit seiner Partei in einer neuen Regierung werde es eine solche in jedem Fall geben.

Kann man in einem solchen Land noch Urlaub machen?

Trotzdem haben an der türkischen Südküste zwischen Antalya und Alanya immer noch 20.000 deutsche Langzeitgäste ihr Quartier bezogen, Zehntausende fliegen weiterhin jeden Monat für kürzere Sonnenaufenthalte ein. Was denken diese Deutschen? Kann man in einem solchen Land noch Urlaub machen? Gar dauerhaft leben?

"Angst, Repression, wenn ich dat schon hör", sagt Horst aus Herford, "die Leute in Deutschland haben doch überhaupt keine Ahnung!" Horst fühlt sich sicher. Er sitzt in "Willi's Kneipe" am Kleopatrastrand von Alanya. Auf Sky-TV läuft die Bundesliga-Konferenzschaltung, 83. Minute, Goretzka schießt das 2 : 1 für Schalke in Bremen. Es gibt Hefeweizen, Knödel mit Rindergulasch und Bratkartoffeln mit Spiegelei.

Horst kommt mit seiner Frau seit 17 Jahren in "Willi's Kneipe" . Erst waren sie ganz normale Urlauber in der Türkei, "mit Kulturschock, na klar". Dann reisten sie jedes Jahr an. Und vor zwei Jahren mieteten sie eine Wohnung, 140 Quadratmeter für 175 Euro; der Vermieter ist Türke, ein Freund. "Wir gehen hier nich' mehr wech", sagt Horst. "Wir kommen hier auch inne Kiste." Wirt Willi Fillbach, 74, ergänzt: "Loch zu und wech, bei mir isset auch so."

Drei Viertel der deutschen Residenten sind Rentner. Sie schätzen die Sonne, die günstigen Preise, die gute Erreichbarkeit von deutschen Flughäfen. Billiger als Mallorca – aber genauso warm.

Horst aus Herford wohnt in einem Haus mit fünf türkischen Familien. Weil die immer ihre "Latschen" auf der Treppe liegen ließen, schaffte er für den Flur einen Schuhschrank an, mit vielen Regalen. Und machte den Mitbewohnern klar: "Eure Schuhe, die kommen jetz' da rein!" Andererseits lobt er das Leben der Türken in ihren Großfamilien, ihren Respekt vor dem Alter und die Tatsache, "dat die einem echt helfen, wenn du dat brauchs'" .

In Antalya sprechen viele Türken Deutsch

Er spricht ein paar Brocken Türkisch und damit schon weit mehr als sein Freund Willi, der Wirt aus Duisburg. Die Deutschen hier bilden eine Parallelgesellschaft, das Land drum herum spielt kaum eine Rolle und ist im Zweifel austauschbar. Willi hat es vor Alanya mit einer Kneipe auf Gran Canaria versucht. Jetzt also Türkei. Er hat sich bemüht, ein paar Worte zu lernen, "aber ich hab nur Volksschule, und dat klappte nich'." Zudem sprechen in Antalya viele Türken Deutsch. Trotzdem fühlt sich Willi heimisch. "Was hier gewachsen ist an Verbindungen in den Jahren, das kriegen auch die Politiker nicht mehr auseinander."

Joachim Bretkuhn leitet in der Stadt ein Callcenter

Joachim Bretkuhn leitet in der Stadt ein Callcenter

140 Kilometer ziehen sich die Hotels an der Küste zwischen der 1,2-Millionen-Metropole Antalya und dem kleinen Alanya mit seinen 130.000 Einwohnern. Eine Reihung von Vier- und Fünf-Sterne-Hotels, viel Beton, manchmal Meerblick, es erinnert ein wenig an das Prinzip El Arenal auf Mallorca, nur luxuriöser. Belek hat riesige Anlagen, wo sich Spitzenathleten auf die Saison vorbereiteten. In Side findet man Reiseagenturen, die "Traumtor" heißen, und ein kleines Strandrestaurant mit dem Namen "Süße Ecke" . Doch die Urlauber aus Westeuropa und Skandinavien, sie bleiben mehr und mehr aus. Reiseveranstalter füllen ihre Kontingente jetzt mit Russen, Irakern, Iranern, die mit Billigangeboten geködert werden: eine Woche im Fünf-Sterne-Hotel mit Flug für umgerechnet 299 Euro. Außerhalb der Hotels wird kaum noch Geld ausgegeben.

Gemeinschaftserlebnis in der Ferne: Deutsche Urlauber und Langzeitresidenten schauen Bundesliga in "Willi’s Kneipe"

Gemeinschaftserlebnis in der Ferne: Deutsche Urlauber und Langzeitresidenten schauen Bundesliga in "Willi’s Kneipe"

Es ist eine besonders perfide Nebenwirkung der Politik von Staatspräsident Erdogan. Die gesamte touristische Südküste ist eine Bastion der Opposition, und gerade diese Gegend leidet nun besonders. "Ein Drittel meiner Angestellten hat vorher im Tourismus gearbeitet", sagt Joachim Bretkuhn, ein Hamburger, der in der Innenstadt von Antalya ein Callcenter leitet. Der IT-Mann führt durch ein modernes Großraumbüro mit weiß getünchten Wänden und Neonlicht. Lautes Stimmengewirr ist zu vernehmen, vor den 30 Computerbildschirmen sitzen türkische Angestellte mit Mikros und Kopfhörern und telefonieren. Für deutschsprachige Kunden preisen sie Produkte an wie die "Süddeutsche Klassenlotterie".

Gute Mitarbeiter kommen bei ihm auf 3000 bis 4000 Türkische Lira, 700 bis 950 Euro, das verdienen sie im Tourismus kaum noch. Bretkuhn lebt seit sieben Jahren im Land. Hat er jetzt Angst? "Da wird viel verfälscht", sagt er. "In der Türkei muss ich nun wirklich nicht damit rechnen, dass die mich einsperren." Und wer Angst vor Terroranschlägen habe, dürfe auch nicht nach Paris oder London fahren. Wegen der Hitze trägt Bretkuhn Shorts, Schweißperlen kullern über die Stirn. Aber er meint es durchaus doppeldeutig, wenn er sagt: "Das Klima hier ist mittlerweile grenzwertig." Nächstes Jahr will er mit seiner Frau dann doch wegziehen.

Es ist nicht ganz einfach, die Stimmung unter den Deutschen auf den Punkt zu bringen, sie ähnelt in der Kompliziertheit dem Geflecht der deutsch-türkischen Beziehungen. Nach außen geben sich viele zunächst unerschrocken, leugnen Angst oder den Gedanken, in die Heimat zurückzukehren. Erst nach längeren Gesprächen werden die Zweifel sichtbar, die Unsicherheit. "Viele hier setzen einfach Scheuklappen auf", sagt eine junge Deutsche, die sich entschieden hat, die Türkei nun nach mehreren Jahren zu verlassen. Um das unbehelligt tun zu können, möchte sie ihren Namen nicht veröffentlicht sehen. "Viele Deutsche hier trauen sich nicht mehr, den Namen Erdogan überhaupt in den Mund zu nehmen." Bei Gesprächen bezeichneten sie den Machthaber als "Herrn Müller" und "Herrn Meier".

"Ruckzuck, und das Ding war durch."

"Mir sind die politischen Spannungen zu groß" , sagt die Frau. "Ich habe von den deutschen Touristen gelebt, die kommen nicht mehr – also muss ich gehen."

Offen über die politische Situation wollen die wenigsten Deutschen hier reden; ihren Namen in einer Zeitschrift lesen noch weniger. Einer erzählt, wie ihm ein türkischer Freund, ein Erdogan-Anhänger, bei der Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis geholfen hat. "Ruckzuck, und das Ding war durch."

Andere sind nachdenklich geworden. Jeden Dienstag etwa hatten sich deutsche Residenten und Einheimische beim deutsch-türkischen Kulturverein Ekin in Antalya getroffen – bis der Verein vor einigen Monaten aufgelöst wurde, weil er angeblich von Fetullah Gülen, dem vermeintlichen Drahtzieher des Putsches 2016, unterstützt werde. In Deutschland hatte der Verein öffentlich vor Präsident Erdogan gewarnt.

Türkisfarbenes Meer, gelber Sand, wenig Urlauber: der Strand bei Side

Türkisfarbenes Meer, gelber Sand, wenig Urlauber: der Strand bei Side

Die Polizei ermittelte deswegen auch unter deutschen Residenten. "Die hatten meine Telefonnummer gefunden und wollten unbedingt meinen Namen rauskriegen", sagt einer. "Nur wegen dieser harmlosen Treffen – da wird's einem schon mulmig." Also: nicht die Opposition unterstützen, auf keine Demonstration gehen – "dann kann man in Ruhe hier leben".

Antalya, Sonntagmorgen, 11 Uhr. In einem ehemaligen Internetcafé in einer Seitengasse im Stadtzentrum, wenige Gehminuten entfernt vom Hadrianstor, hocken 50 Mitglieder der Sankt Nikolauskirche auf schwarzen Plastikstühlen. Sie blicken auf den Mann im weißen Ornat vorn unter dem Kreuz. Pfarrer Ludger Paskert, 60, liest die heilige Messe.

Die meisten der Gläubigen sind deutsche Auswanderer, einige Touristen. Der hagere Mann mit dem weißen Hemd in der vorletzten Reihe ist ein türkischer Konvertit. Beim Gespräch vor dem Gottesdienst sagt Paskert, für seine Gemeindemitglieder bedeute das Leben "mehr als Strand und Schnäppchen und Wellness". Und sie praktizieren ihren Glauben in einem islamischen Staat, dessen Regierung sich immer mehr wegbewegt vom säkularen Ideal des Staatsgründers Kemal Atatürk.

Ein fragiles Gleichgewicht

Paskerts Kirche steht für den Balanceakt, den deutsche Institutionen in der Türkei schon lange bewältigen müssen. Und für die Schwierigkeit, das fragile Gleichgewicht in diesen Tagen der lauten Worte und Drohungen aufrechtzuerhalten. Schon als er im März 2014 sein Amt antrat und sich dem Mufti vorstellte, legte dieser ihm ein dickes Dossier über Missionierungsversuche auf den Tisch. "Es gibt hier evangelikale Freikirchen, die aggressiv missionieren", sagt Paskert. "Wir tun das gewiss nicht. Wir respektieren den Glauben anderer Menschen."

Die Sankt Nikolauskirche von Antalya hat den Status eines Vereins nach türkischem Recht. Religiöse Minderheiten gibt es offiziell nicht in der islamischen Türkei. Die Katholiken werden geduldet. Die Krankenhausdirektionen rufen den Pfarrer an, wenn Patienten ihn verlangen. Seine Aufenthaltserlaubnis verlängerte die Ausländerbehörde beim letzten Mal sogar binnen einer Stunde – "und das in einer Zeit, als türkische Imame in Deutschland unter Generalverdacht als Spitzel gestellt wurden".

Pfarrer Ludger Paskert steht der deutschen katholischen Gemeinde in Antalya vor

Pfarrer Ludger Paskert steht der deutschen katholischen Gemeinde in Antalya vor

Als die Messe beginnt, sind auch zwei Polizisten im kleinen Gotteshaus; die Gemeinde, hatte Paskert erklärt, empfinde das nicht als Einschüchterung, sondern als Beruhigung. Schließlich kommt der Pfarrer zur Predigt. Vergebung, das ist heute sein Thema, es scheint wie eine Anspielung auf das deutschtürkische Verhältnis dieser Tage. Paskert fügt aber noch hinzu: Die Menschenrechte müssten universell für alle gelten. "Die Vernunft muss der Maßstab des Handelns sein, nicht etwa religiöses Recht und religiöse Pflicht."

So weit kann er gerade noch gehen in diesen Tagen.

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