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Bergab kann so schön sein

Auch wenn der Trubel der Ski-WM vorbei ist - der weiße Teppich von Val d'Isère wird noch lange liegen bleiben. Nun folgt im urigen französischen Bergdorf die große Zeit der Amateure.

Von Stéphanie Souron

  • Stephanie Souron

Die Angst meldet sich als dumpfes Klopfen: Tak-tak-tak hämmert es unter dem Anorak. Wer am Einstieg der "Face de Bellevarde" steht, spürt sein Herz. Es pumpt das Adrenalin im Viervierteltakt durch die Adern. Denn die "Face" ist ein Steilhang, der nur mit Überwindung, größter Konzentration und schärfsten Kanten zu bezwingen ist. Eine Wand, für die jeder Skifahrer seine Würde aufs Spiel setzt: Wer verkantet und abrutscht, rutscht so lange, bis ein Buckel die Masse bremst.

Besser, man haut in jeder Kurve die Skier mit voller Wucht ins Eis. Nur nicht hinfallen, nur nicht die Kontrolle verlieren! Und irgendwann steht man dann unten, nass geschwitzt und verdammt stolz auf sich selbst. Weil man die "Face" geschafft hat. Und weil man dafür nur 15 Minuten länger gebraucht hat als die alpinen Skirennfahrer, die während der Weltmeisterschaft auf ebendiesem Hang ihre Rennen ausgetragen haben.

Nicht nur die "Face de Bellevarde" hat es in sich. Auf den rund 300 Kilometern Piste zwischen Val d'Isère und Tignes finden Freunde des gespurten Steilhangs massenhaft rote und schwarze Herausforderungen. "Espace Killy" nennt sich das Skigebiet, nach dem französischen Olympiasieger Jean-Claude Killy, der seine Kunst in Val d'Isère gelernt hat. Es zählt zu den größten und anspruchsvollsten der Welt, mit allermodernsten Sesselliften und Gondeln, die bis zu 4000 Menschen pro Stunde den Berg hinaufschaufeln.

Goethe und Grass

Für Pistengigantismus sind die Franzosen ja bekannt. Aber anders als die architektonischen Albträume von Méribel oder Les Deux Alpes ist Val d'Isère ein Bergdorf, das seit dem 16. Jahrhundert an Ort und Stelle steht - und bis heute mehr zu bieten hat als Bettenburgen und billige Burger-Bratereien.

Zum Beispiel eine Buchhandlung, die ins Französische übersetzte Werke von Goethe und Grass führt. Jeden Abend gegen 17 Uhr, wenn die Lifte ihren Dienst einstellen, beginnt für Jean-Paul Shafran, 58, das Tagesgeschäft. Dann füllt sich sein kleiner Laden am Fuß der Pisten mit dick eingemummelten Menschen, manche tragen noch Skischuhe an den Füßen. Die warme Luft riecht nach Papier, die Regale sind voll mit Bilderbüchern, Bestsellern, Krimi-Schmökern und französischen Klassikern.

Shafran trägt einen grob gestrickten grauen Wollpulli und eine schmale Brille. Vor 14 Jahren hat er seinen Laden in Val d'Isère eröffnet. Er sagt, es sei die wahrscheinlich höchstgelegene Buchhandlung Europas. "Auf 1850 Metern kriegen Sie die Leute normalerweise nicht mehr zum Lesen." Aber wenn Shafran einem Herrn im roten Skianzug den Inhalt eines neuen Krimis erzählt, bildet sich schnell eine Traube um ihn herum. Die Leute hören gebannt zu, und kaum einer verlässt den Laden, ohne ein Buch gekauft zu haben. "Heute herrscht in vielen Stadtbuchhandlungen eine Art Selbstbedienung: kommen, kaufen, gehen. Ich erzähle meinen Kunden, was sie in dem Buch erwartet, so wie das früher üblich war." Er hat schon mal überlegt, an einen Ort umzusiedeln, an dem der Umsatz kein Sommerloch kennt. Aber dann ist er zu dem Schluss gekommen, dass es einen sehr guten Grund gibt, in Val d'Isère zu bleiben. "Wo sonst habe ich Kunden, die den Schnee vor meiner Ladentür lieben, statt ihn zu verfluchen?", sagt Shafran und lacht.

Viel buntes Drumherum

Der Schnee liegt nicht nur vor Shafrans Laden, sondern überall im Ort. Denn in den schmalen Kopfsteinpflastergassen wird nicht gestreut - was die Kinder zu ausgelassenen Rutschpartien animiert. Die Erwachsenen staksen eher unbeholfen über die Straßen. Lieber verziehen sie sich ins Warme, in eines der zahlreichen Sportgeschäfte, wo man für eine hochmodische Skiausrüstung locker die Urlaubskasse auf den Kopf hauen könnte. Oder in die "Patisserie Chevallot", wo für vier Euro Lebensglück in Tassen verkauft wird. "Chevallot" macht den Kakao aus echter Schokolade, tiefbraun und dickflüssig schwappt er am Porzellan entlang. Eine Portion von diesem Zaubertrank setzt in etwa so viele Endorphine frei wie eine Abfahrt auf der "Face".

Ein paar Hundert Meter weiter beobachten derweil ein Dutzend Kinderaugen, wo ihre Milch herkommt. Auf dem Bauernhof der Familie Mattis findet jeden Abend ein öffentliches Melken statt. Die Kälber sind dabei fast so aufgeregt wie die Kinder. Die dürfen streicheln und kraulen, die Kälbchen lecken mit ihrer warmen, rauen Zunge alles ab, was ihnen vors Maul kommt. "Viele Kinder wissen heutzutage gar nicht mehr, was sie morgens eigentlich trinken. Hier kriegen sie ein Stück der Wirklichkeit gezeigt", sagt Claudine Mattis.

Mattis, 35, verkauft in ihrer "Crèmerie" im Zentrum von Val d'Isère die Milch ihrer Kühe in allen Aggregatszuständen: zum Trinken, als Joghurt, Butter, Quark und natürlich als Käse. Zwölf verschiedene Sorten hat sie im Angebot, alles selbst gemacht auf dem Bauernhof. "Ich liebe meine Kühe", sagt Mattis. Der Renner ist die Hausmischung fürs Käsefondue, die Leute kaufen die Portionen auf dem Heimweg von der Piste. Aber es gibt auch den "Gruyère du Val d'Isère", Emmentaler, Blauschimmelkäse, Camembert. Der Laden ist mit alten Kannen und Milchflaschen dekoriert, in der Ecke steht ein Holzschlitten.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, warum der 67-jährige Skilehrer Bonnevie 320 Euro am Tag kostet

Von dem Käsegeschäft allein könnte ihre Familie nicht leben, aber viele Hotels kaufen ihre Milchprodukte bei Mattis ein. Das ist teurer als beim Großhändler, aber auch die Hotels sind größtenteils Familienbetriebe. Man kennt sich seit Generationen und unterstützt sich, anstatt sich zu zerfleischen. "Das Dorf funktioniert noch wie früher", sagt Mattis. "Fast so, als hätte es eine Seele."

Wer von außerhalb kommt, schätzt an Val d'Isère vor allem die Schneesicherheit. Bis weit in den April hinein bleibt der weiße Teppich liegen - und auf dem Gletscher der Grande Motte sogar ganzjährig. Die meisten Skifahrer und Boarder kommen aus Frankreich, Deutsche trifft man nur selten. Dafür aber Engländer, deren Billigflieger am Alpen-Airport Chambéry landen. Und Schweden, die mit ihren Reisebussen durch halb Europa kurven, nur um hier auf die Bretter zu steigen. Sie lieben das Gebiet, weil es neben den 1000 Hektar markierter Pisten auch zehnmal so viel ungespurtes Gelände bereithält. Manche davon liegen direkt neben den Liften, aber um die wahren weißen Schätze zu finden, muss man einen Mann wie Guy Bonnevie anheuern.

Bonnevie ist 67 Jahre alt und Skilehrer. Man kann ihn für 320 Euro pro Tag buchen, und es gibt Kunden, die mieten ihn für drei Wochen. Für das Geld nimmt Bonnevie sie mit in sein Revier. Auf die ungespurten Hänge, für die man manchmal eine Viertelstunde durch den Schnee aufwärtsstapfen muss. Bonnevie bringt seit 50 Jahren den Menschen das Skifahren bei, er war schon in so ziemlich jedem Skigebiet der Welt, und er sagt: "So viel Freiheit im Gelände hast du sonst nirgendwo." Die Freiheit spürt man ganz besonders auf den Skirouten des "Grand Vallon" oder im "Vallée Perdue". Wenn man eine Stunde lang bergab fährt, an bizarren Felsformationen und vereisten Bächen vorbei, und das Einzige, was sich einem in den Weg stellt, ein paar Blautannen sind. Die Auswahl an Wegen, die ins Tal führen, ist schier unendlich: Über fast ein Dutzend Gipfel erstreckt sich das "Espace Killy". Wer an einem Tag von einer Seite auf die andere will und wieder zurück, braucht gute Kondition und schnelle Ski.

Immer größer, immer mehr

Als Bonnevie 1941 geboren wurde, gab es in Val d'Isère zwei Skilifte, die Menschen rutschten auf langen Brettern über den Schnee und nahmen am Lift Wartezeiten von mehr als einer halben Stunde in Kauf. Die wenigen Skilehrer des Ortes wurden wie Götter verehrt - Bonnevie wusste schon als kleiner Junge, was er später werden wollte. "Dieser rote Skilehrerpulli mit der goldenen Medaille schien mir die schönste Uniform der Welt", sagt er.

Das Skigebiet wuchs. In den 1960er Jahren waren die Hänge von Solaise und Bellevarde erschlossen, man suchte nach einer Verbindung nach Tignes. Als die eröffnet wurde, lag Bonnevie das schönste Skirevier Europas zu Füßen. Schon bald kamen mehr Touristen nach Val d'Isère, als die Hotels verkraften konnten. Um die Menschen beherbergen zu können, klotzte man funktionale Bettenburgen an die Hänge. Im Vorörtchen La Daille und auch am Rand von Val d'Isère stehen die Hochhäuser noch immer wie Mahnmale aus einer anderen Epoche.

Für Val d'Isère war es ein Glück, dass in den 80er Jahren ein Bürgermeister mit vernünftigen Visionen ins Amt kam. Er verfügte, dass alle Neubauten künftig mit Stein und Holz zu verkleiden seien, und auch die schon existierenden Hotels sollten sich gefälligst in Schale werfen. "Und Sie sehen ja, was dabei herausgekommen ist", sagt Bonnevie. "Das Dorf lebt wieder."

Manchmal lebt das Dorf ganz schön laut, zum Beispiel auf der Berghütte "La Folie Douce". Nachmittags verwandelt sich die Terrasse in eine Bühne für Open-Air-Konzerte. Die Musiker bearbeiten Bässe und E-Gitarren, dazu singt ein Transvestit. Schon bald wird es zu eng für die tanzende Menschenmenge. Also schwappt das Konzert auf die Piste, und dann stehen sie da im Schnee, ohne Skier, und feiern im Takt der Musik.

Kein Skiort für Rentner

Natürlich trinken manche dabei ein Glas Glühwein zu viel. Aber weil um kurz nach 17 Uhr mit der letzten Gondel auch der letzte Musiker ins Tal fährt, ufert das Spektakel selten aus. Am Anfang waren die Einheimischen skeptisch gegenüber solchem Budenzauber. "Aber dann haben wir eingesehen, dass wir auch für die Jungen etwas tun müssen", sagt Monique Korosec. "Wir wollen schließlich kein Skiort für Rentner werden."

Korosec, 57, ist eine schmale Frau mit einem herzlichen Lachen. Sie sitzt an der Bar ihres Hotels "Le Grand Paradis", im Glas schaukelt der Rotwein. Gleich muss sie mit dem Küchenchef die Abendmenüs der nächsten Woche besprechen, aber jetzt erzählt sie erst ihre Geschichte. Wie sie und ihr Mann Franz, ein Österreicher, vor mehr als 20 Jahren auf der Suche waren nach einem Hotel im Skigebiet. Sie suchten in Italien, der Schweiz, in Österreich und Frankreich. Wie sie dann nach Val d'Isère kamen, den Ort besichtigten und schon nach einem Tag wussten, dass sie hier ihr Glück gefunden hatten.

Wenn man Korosec heute nach ihrem schönsten Erlebnis in Val d'Isère fragt, sagt sie, ohne zu zögern: "Das war im Februar 1992 in meinem Hotel, Zimmer 42." Auf dem Balkon dieses Zimmers stand sie mit Freunden während der olympischen Herrenabfahrt 1992. Von dort aus sieht man die "Face de Bellevarde" in ihrer ganzen Pracht. Neben Korosec dampfte ein großer Kessel Gulaschsuppe, und als am Ende ein Österreicher die Goldmedaille gewann, kam der Präsident des österreichischen Skiverbandes und prostete ihr mit Glühwein zu. Monique Korosec dachte: "So etwas erlebt man nur einmal."

Sie irrte sich. Denn auch in diesem Jahr ist die "Face" wieder Arena der Hochgeschwindigkeit auf Skiern, und Monique Korosec hat mit Glühwein und Gulaschsuppe gegen die Kälte gewappnet auf dem Balkon von Zimmer 42 gestanden und bei jedem Rennen glücklich mitgefiebert.

Tipps und Adressen

Anreise:

Mit dem Flugzeug: Lufthansa, Air France und Swiss fliegen mehrmals täglich von Deutschland aus nach Genf. Direkt vom Flughafen fahren regelmäßig Busse nach Val d'Isère. Die vierstündige Fahrt kostet rund 100 Euro (hin und zurück), www.alpski-bus.com
Mit dem Zug: Der nächste Bahnhof ist Bourg St. Maurice, von Paris aus braucht der TGV etwa fünf Stunden. Von Bourg aus fahren regelmäßig Busse nach Val d'Isère. Fahrtzeit: etwa eine Stunde, Kosten: rund 25 Euro (Hin- und Rückfahrt), www.autocars-martin.com.

Unterkunft:

Direkt am Fuß der Pisten steht Le Grand Paradis, das von außen aussieht wie ein bunter Betonklotz und innen mit österreichischer Gemütlichkeit besticht. Mittags serviert Familie Korosec auf der Sonnenterrasse Wiener Schnitzel und Gulaschsuppe, abends feine französische Küche. DZ mit Halbpension ab 195 Euro. Tel.: 0033/479 06 11 73, www.hotelgrandparadis.com. Die Zimmer im Viersternehotel Le Tsanteleina sind gemütlich, an der Bar flackert den ganzen Tag der Kamin. DZ/F ab 194 Euro; Tel.: 0033/479 06 12 13, www.tsanteleina.com. In der Auberge Saint Hubert sind die Zimmer funktional und trotzdem urig, außerdem gibt es eine kleine Sauna, was in Frankreich eher unüblich ist. DZ/F ab 120 Euro, Tel.: 0033/479 06 06 45, www.auberge-sthubert.com. Ferienwohnungen gibt es in La Ferme de l'Adroit. Dort kann man jeden Abend beim Melken der Kühe zusehen, Tel.: 0033/608 99 13 20, www.fermedeladroit.com. Am günstigsten ist das Pauschalangebot von UCPA, einer Art französischem Skiklub: Für sechs Tage Skipass, Leihmaterial, Skikurs, Vollpension und Unterbringung im Mehrbettzimmer zahlt man rund 600 Euro. Gilt allerdings nur für 18- bis 39-Jährige. Anreise am Wochenende. www.ucpa.fr. Buchungen sind über die Hotelzentrale von Val d'Isère möglich. Tel.: 0033/479 06 06 60 oder Mail: resa@valdisere.com.

Liftpass:

Tageskarte 43,50; Sechstageskarte 208,50 Euro; (gilt im gesamten Espace Killy inklusive des Gebiets von Tignes).
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