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25. Februar 2009, 12:38 Uhr

Mit der Seilbahn zu den Sternen

Im Val d´Anniviers im Schweizer Kanton Wallis wedelt man besonnen über die Pisten. Statt Aprés-Ski gibt es hier Astronomie nach der letzten Abfahrt - und gelegentlich den "Krieg der Sterne". Von Marina Kramper

Val d´Anniviers, Schweiz, Wallis, St-Luc

Der Sonne so nah: Die Hänge des Val d´Anniviers haben Sonne bis in die Abendstunden© Marina Kramper

Frederic Mallmanns Arbeitsplatz sind die Sterne. Sein "Büro" liegt mitten auf einer Skipiste. In seiner Cafeteria an der Endstation der Seilbahn, der Funiculaire, genießt er den Mittagstisch auf der Terrasse neben Skiläufern in bunten Anoraks. Heute gibt es "Ossobuco", Kalbshaxe, die Mallmann stehen lassen muss. Denn aus dem Haus der Seilbahn quillt eine Horde Kinder in dicken Jacken und gepolsterten Hosen. Mallmann springt auf und läuft mit schnellen Schritten davon. Quer über die Skipiste führt sein Weg im Slalom durch die Skiläufer in sein kleines Planetarium. Frederic Mallmann ist der Direktor der Sternenwarte Francois-Xavier-Bagnoud, oberhalb von St-Luc im Val d´Anniviers im Schweizer Kanton Wallis. Er hat den Weg mit langen Schritten vor den Kindern gemeistert und öffnet ihnen, ganz der Hausherr, die Tür. Gleich wird der Wissenschaftler geduldig ihre Fragen über Außerirdische beantworten müssen und ihnen die Entstehung des Kosmos erklären.

Das Val d ´Anniviers gehört zu den Tälern, die vom Tourismus nicht überrannt sind. Hauptsächlich Schweizer genießen die entspannte Atmosphäre des Tales. Aus Bern, Zürich, Genf, Basel und Lausanne kommen sie fürs Wochenende mit dem Zug. Ab Sierre fährt der gelbe Postbus, der Skifahrer zwischen den vier Skigebieten hin und her fährt. Die Gäste nehmen Quartier in den vielen Ferienwohnungen und Chalets aus dunklem Holz oder wohnen in den wenigen Pensionen und Hotels. Der Skipass gilt für alle vier Skigebiete des Tales und ist mit 31 Euro pro Tag für Schweizer Verhältnisse sehr günstig. Die Skigebiete sind schon einzeln so groß, dass sich der Preis lohnt. In Chandolin/St-Luc zahlt man für 220 Pistenkilometer 22 Euro pro Tag. An den Preisen lässt sich erkennen, dass der Tourismus hier sanft und ohne marktschreierische Allüren lebt.

"Der Jet-Set will nicht hierher"

Wer Remmi-Demmi sucht, kommt nicht hierher, sondern zieht weiter ins Nobelskigebiet von Crans Montana, oberhalb von Sierre und in Sichtweite vom Val d ´Anniviers. "Der Jet-Set will nicht hierher, denn hier können sie nicht shoppen", sagt Claude Buchs-Favre, Besitzer des traditionsreichen Vier-Sterne-Hotels "Bela Tola" in St-Luc. Das "Bela Tola" feiert in diesem Jahr feiert das 150-jährige Bestehen. Die Einrichtung des Hauses ist antik und gemütlich. Den barock angelegten Swimmingpool bewacht Victor, ein präparierter Hirsch. "Eines Tages", so erzählt Buchs-Favre, "kam ein unbekannter Mann ins Hotel und fragte, ob er Victor besuchen dürfe. Ich sagte, bei uns arbeitet kein Victor. Das war der Jäger, der den Victor geschossen hatte."

In vergangenen Zeiten zogen die Bewohner des Walliser Val d ´Anniviers im Frühling, wenn unten im Rhonetal der Schnee geschmolzen war, mit Kindern und Kühen, Pfarrern und Lehrern hinunter nach Sierre. Dort erwartete sie nicht nur eine vorübergehende Unterkunft, sie hatten hier ihre eigene kleine Gemeinde, führten eine vollständig neue Existenz. Schulen, Kirchen, Häuser wurden bezogen und Weinberge, Obstgärten und Felder in dem fruchtbaren Landstrich bewirtschaftet. Im Sommer, wenn die Almen grün waren, zog man wieder hinauf zu den sonnigen Hängen, ließ das Vieh weiden und bewirtschaftete die Äcker. Im Herbst, zur Weinlese und Obsternte wanderten die rund zehn Gemeinden wieder hinunter bis dort der Wein gekeltert und das Obst eingelagert war. Dieses zweigeteilte Leben kerbte den Menschen des Val d´Anniviers eine sehr spezielle, weltoffene und soziale Nomadenmentalität ein.

Landwirtschaft in Höhenlage

Und die Geschichte des Tals wird am Leben gehalten: Die Walliser Getreidespeicher sind heute noch ein Zeichen der vergangenen Agrikultur. Fleisch, Getreide, aber auch Sonntags- und Heiratskleidung wurden dort gelagert. Bis zu acht Familien teilten sich einen Speicher, jede Familie hatte ihren eigenen Eingang. "Mäuseplattenspeicher" werden die Speicher auch genannt, denn die Stützen stehen auf großen Granitplatten, eine einfache aber wirkungsvolle Maßnahme, um die Mäuse draußen zu halten. Noch heute wird in dem Ofen des Bürgerhauses regelmäßig das typische und aromatische Roggenbrot, das "Pain siegle", nach uraltem überliefertem Rezept kollektiv für alle Haushalte gebacken. Das Val d ´Anniviers war bis zum 19 Jahrhundert der Kornspeicher des gesamten Rhonetals. Weizen, Kartoffeln und Roggen wurden in kleinen Feldern an den Hängen angebaut. Es ist selten, dass in dieser Höhe, die Gemeinde Chandolin liegt auf 2000 Metern und gilt als höchstgelegene Gemeinde Europas, Getreide wächst.

Die vom Sonnenlicht schwarz gebrannten Walliser Holzhäuser und Ställe erstrahlen in mildem, warmem Sonnenlicht. Wenn die Sonne hinter den gegenüberliegenden Bergen versunken ist, glühen die Gipfel der umliegenden Viertausender noch lange in Sonnenuntergangsrosé. Das Matterhorn zeigt von dieser Seite nicht seine prägnante Spitze sondern einen schmalen Grat. Die Reinheit und Ruhe des Tals setzt sich fort bis weit hinauf in die Atmosphäre. Der Grund, warum das Observatorium von Frederic Mallmann gerade hier in St. Luc steht.

Planeten am Pistenrand

Beginnend am Observatorium zieht sich ein sechs Kilometer langer Planetenweg den Berg entlang. Die Sonne liegt als Relief am Boden. die Planeten stehen im Verhältnis ihrer Größe und Entfernung auf Steinsockeln am Wegesrand. Jupiter und Saturn sind groß- und glänzend genug, um von der Skipiste gesehen zu werden. Nur die kühnsten Planetenforschern auf Skiern wagen sich zu Neptun und Pluto. Die stehen so weit entfernt, dass ein Tal zwischen Sonne und Pluto liegt. Oben am Gipfel des Weißhorns sieht man weithin die Fußspuren der Planetenforscher, die sich vom Hotel Weißhorn im Dreieck zu den Außenseitern unter den Planeten einen Weg in den Schnee gestapft haben.

Bei Frederic Mallmann kann man auch eine nächtliche Sternenvorführung buchen. Denn Mallmann hat nicht nur den Schlüssel zu den Sternen, sondern auch zur Seilbahn, die die Himmelsgucker nach dem Staunen über die himmlische Erhabenheit wieder hinunter ins Tal bringt. Und gute Freunde dürfen mit ihm hoch oben in der Kuppel des Observatoriums auf einer Großbildleinwand alle sechs Folgen von "La guerre des etoils", dem "Krieg der Sterne" ansehen.

Val d´Anniviers, Schweiz, Wallis, St-Luc

Weitere Informationen
Tourismus Sierre / Val d Ánniviers, Place de la gare 10, CH-3960 Sierre, Wallis, Tel. : 0041 027 451 71 16, E-mail : info@sierre-anniviers.ch; www.sierre-anniviers.ch
Tourismusbüro St. Luc, CH 3961 St-Luc, Wallis, Tel.: 0041 027 475 14 12, saint-luc@sierre-anniviers.ch
Hotel Bela Tola, Anne und Claude Buchs-Favre, CH-3961 St-Luc, Wallis, Tel. 0041 027 475 14 44, E-mail: bellatola@blurwin.ch, www.bellatola.ch
Observatorium Francois-Xavier Bagnoud, Frederic Mallmann, CH 3961 St-Luc, Wallis, E-Mail: info@ofxb.ch, www.ofxb.ch
Schweiz Tourismus (Beratung) Tel: 00800/100 200 30 Info-Fax: 00800/100 200 31; E-mail info@myswitzerland.com; www.myswitzerland.com
Von Marina Kramper
 
 
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