Bergab kann so schön sein

22. Februar 2009, 15:31 Uhr

Auch wenn der Trubel der Ski-WM vorbei ist - der weiße Teppich von Val d'Isère wird noch lange liegen bleiben. Nun folgt im urigen französischen Bergdorf die große Zeit der Amateure. Von Stéphanie Souron

Val d'Isère, Ski, Skiurlaub, Hotel, Bergdorf, Frankreich

Herrliches Panorama, toller Schnee und Sonnenschein - so wird die Abfahrt nach Val d'Isère zum Fiebertraum für jeden Skiläufer©

Die Angst meldet sich als dumpfes Klopfen: Tak-tak-tak hämmert es unter dem Anorak. Wer am Einstieg der "Face de Bellevarde" steht, spürt sein Herz. Es pumpt das Adrenalin im Viervierteltakt durch die Adern. Denn die "Face" ist ein Steilhang, der nur mit Überwindung, größter Konzentration und schärfsten Kanten zu bezwingen ist. Eine Wand, für die jeder Skifahrer seine Würde aufs Spiel setzt: Wer verkantet und abrutscht, rutscht so lange, bis ein Buckel die Masse bremst.

Besser, man haut in jeder Kurve die Skier mit voller Wucht ins Eis. Nur nicht hinfallen, nur nicht die Kontrolle verlieren! Und irgendwann steht man dann unten, nass geschwitzt und verdammt stolz auf sich selbst. Weil man die "Face" geschafft hat. Und weil man dafür nur 15 Minuten länger gebraucht hat als die alpinen Skirennfahrer, die während der Weltmeisterschaft auf ebendiesem Hang ihre Rennen ausgetragen haben.

Nicht nur die "Face de Bellevarde" hat es in sich. Auf den rund 300 Kilometern Piste zwischen Val d'Isère und Tignes finden Freunde des gespurten Steilhangs massenhaft rote und schwarze Herausforderungen. "Espace Killy" nennt sich das Skigebiet, nach dem französischen Olympiasieger Jean-Claude Killy, der seine Kunst in Val d'Isère gelernt hat. Es zählt zu den größten und anspruchsvollsten der Welt, mit allermodernsten Sesselliften und Gondeln, die bis zu 4000 Menschen pro Stunde den Berg hinaufschaufeln.

Goethe und Grass

Für Pistengigantismus sind die Franzosen ja bekannt. Aber anders als die architektonischen Albträume von Méribel oder Les Deux Alpes ist Val d'Isère ein Bergdorf, das seit dem 16. Jahrhundert an Ort und Stelle steht - und bis heute mehr zu bieten hat als Bettenburgen und billige Burger-Bratereien.

Zum Beispiel eine Buchhandlung, die ins Französische übersetzte Werke von Goethe und Grass führt. Jeden Abend gegen 17 Uhr, wenn die Lifte ihren Dienst einstellen, beginnt für Jean-Paul Shafran, 58, das Tagesgeschäft. Dann füllt sich sein kleiner Laden am Fuß der Pisten mit dick eingemummelten Menschen, manche tragen noch Skischuhe an den Füßen. Die warme Luft riecht nach Papier, die Regale sind voll mit Bilderbüchern, Bestsellern, Krimi-Schmökern und französischen Klassikern.

Shafran trägt einen grob gestrickten grauen Wollpulli und eine schmale Brille. Vor 14 Jahren hat er seinen Laden in Val d'Isère eröffnet. Er sagt, es sei die wahrscheinlich höchstgelegene Buchhandlung Europas. "Auf 1850 Metern kriegen Sie die Leute normalerweise nicht mehr zum Lesen." Aber wenn Shafran einem Herrn im roten Skianzug den Inhalt eines neuen Krimis erzählt, bildet sich schnell eine Traube um ihn herum. Die Leute hören gebannt zu, und kaum einer verlässt den Laden, ohne ein Buch gekauft zu haben. "Heute herrscht in vielen Stadtbuchhandlungen eine Art Selbstbedienung: kommen, kaufen, gehen. Ich erzähle meinen Kunden, was sie in dem Buch erwartet, so wie das früher üblich war." Er hat schon mal überlegt, an einen Ort umzusiedeln, an dem der Umsatz kein Sommerloch kennt. Aber dann ist er zu dem Schluss gekommen, dass es einen sehr guten Grund gibt, in Val d'Isère zu bleiben. "Wo sonst habe ich Kunden, die den Schnee vor meiner Ladentür lieben, statt ihn zu verfluchen?", sagt Shafran und lacht.

Viel buntes Drumherum

Der Schnee liegt nicht nur vor Shafrans Laden, sondern überall im Ort. Denn in den schmalen Kopfsteinpflastergassen wird nicht gestreut - was die Kinder zu ausgelassenen Rutschpartien animiert. Die Erwachsenen staksen eher unbeholfen über die Straßen. Lieber verziehen sie sich ins Warme, in eines der zahlreichen Sportgeschäfte, wo man für eine hochmodische Skiausrüstung locker die Urlaubskasse auf den Kopf hauen könnte. Oder in die "Patisserie Chevallot", wo für vier Euro Lebensglück in Tassen verkauft wird. "Chevallot" macht den Kakao aus echter Schokolade, tiefbraun und dickflüssig schwappt er am Porzellan entlang. Eine Portion von diesem Zaubertrank setzt in etwa so viele Endorphine frei wie eine Abfahrt auf der "Face".

Ein paar Hundert Meter weiter beobachten derweil ein Dutzend Kinderaugen, wo ihre Milch herkommt. Auf dem Bauernhof der Familie Mattis findet jeden Abend ein öffentliches Melken statt. Die Kälber sind dabei fast so aufgeregt wie die Kinder. Die dürfen streicheln und kraulen, die Kälbchen lecken mit ihrer warmen, rauen Zunge alles ab, was ihnen vors Maul kommt. "Viele Kinder wissen heutzutage gar nicht mehr, was sie morgens eigentlich trinken. Hier kriegen sie ein Stück der Wirklichkeit gezeigt", sagt Claudine Mattis.

Mattis, 35, verkauft in ihrer "Crèmerie" im Zentrum von Val d'Isère die Milch ihrer Kühe in allen Aggregatszuständen: zum Trinken, als Joghurt, Butter, Quark und natürlich als Käse. Zwölf verschiedene Sorten hat sie im Angebot, alles selbst gemacht auf dem Bauernhof. "Ich liebe meine Kühe", sagt Mattis. Der Renner ist die Hausmischung fürs Käsefondue, die Leute kaufen die Portionen auf dem Heimweg von der Piste. Aber es gibt auch den "Gruyère du Val d'Isère", Emmentaler, Blauschimmelkäse, Camembert. Der Laden ist mit alten Kannen und Milchflaschen dekoriert, in der Ecke steht ein Holzschlitten.

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Übernommen aus ... Stern Ausgabe 08/2009

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