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23. November 2009, 18:03 Uhr

Das große Fressen in Frankreich

In Frankreich hat die Regierung vor Monaten die Mehrwertsteuer für die Gastronomie gesenkt. Sind mit dem Milliarden-Steuergeschenk automatisch bei unseren Nachbarn die Menüpreise gesunken? Von Lutz Meier

Zoom
Gastronomie, Gaststä,ttengewerbe,  Mehrwertsteuer

Frankreichs Gastronomie senkte den Mehrwertsteuersatz sogar von 19,6 auf 5,5 Prozent© Jens Büttner/DPA

Für Joseph Kientzel ist der Fall klar. "Ich habe die Preise sofort am 1. Juli gesenkt", erzählt der Wirt. Ehefrau Carmen kommt mit zwei Speisekarten aus dem Hinterzimmer. Da kann man es sehen: Der Preis für mehrere Hauptgerichte, etwa Leberklößchen mit Kartoffeln, sank von 12 Euro auf 10,50 Euro, auch die Preise für Kaffee, Mineralwasser und das Kindermenü fielen. Der Effekt? "Wir haben kaum etwas gemerkt", sagen die Kientzels, die im Dörfchen Saint-Hippolyte das Hôtel Le Parc betreiben. "Mehr Gäste haben wir deswegen nicht."

Doch die Wirtsleute aus dem Nest an der Weinstraße sind in der Minderheit. Bislang jedenfalls enttäuschen die erhofften Effekte in Form sinkender Preise und neuer Jobs, nachdem die Regierung in Paris im Juli die Mehrwertsteuer für die Gastronomie drastisch gesenkt hat: von 19,6 Prozent auf nur noch 5,5 Prozent.

Das Drei-Milliarden-Geschenk

Im Gegenzug versprachen die Wirte Preissenkungen. Die Regierung prognostizierte folglich, dass sich das pro Jahr rund 3 Milliarden Euro teure Steuergeschenk an die Gastronomie am Ende für den Steuerzahler nicht nur am gedeckten Tisch auszahlt: 40.000 neue Arbeitsplätze versprach sie und einen Konjunktureffekt, weil mehr geschlemmt werde und die Gastwirte zusagten, das Geld zu investieren und ihre Lokale zu renovieren.

Präsident Nicolas Sarkozy selbst hatte mit Nachdruck die Steuersenkung vorangetrieben - und sich dafür mit Bundeskanzlerin Angela Merkel angelegt. Deren Regierung hatte sich in der EU jahrelang der Steuerausnahme widersetzt und erst nach langem Streit Sarkozy nachgegeben. Nun will Berlin die Klausel selbst anwenden.

"Ich würde es nicht noch einmal tun"

Während in Deutschland die Diskussion über das von der Regierung geplante Steuergeschenk an Hoteliers hohe Wellen schlägt, haben Politiker und Steuerzahler auf der anderen Rheinseite ihre Erfahrungen bei den Restaurants bereits gemacht. Die sind deprimierend: "Ich würde es nicht noch einmal tun", sagt die Abgeordnete Henriette Martinez von Sarkozys Partei UMP.

Viele Parteifreunde sehen das ähnlich. Vergangene Woche registrierte das Statistikamt Insee in seiner monatlichen Teuerungsstatistik zum zweiten Mal in Folge fast keine Preisveränderung in der Restauration. Auch Anfang Juli war kein nennenswerter Preiseffekt zu spüren.

Eine Studie für die Regierung kam zum Schluss, dass gerade die Hälfte der Restaurants Preise gesenkt hätten. Zieht man große Ketten ab, die Preise weitgehend angepasst haben, hat nur ein Drittel der Wirte reagiert - und auch nicht unbedingt in der vereinbarten Höhe.

Umschichtung der Nachfrage

Doch könnte hier auch noch etwas kommen. Frédérique Cerisier von der Bank BNP Paribas hat festgestellt, dass die Preise für Restaurantbesuche immerhin langsamer steigen als vor der Steuersenkung: "Dieser Effekt dürfte sich aufgrund verzögerter Reaktion fortsetzen." Schließlich machten in Frankreich Restaurantausgaben 7,3 Prozent des Warenkorbs aus. Allerdings erwartet auch sie keinen größeren Effekt auf die volkswirtschaftliche Nachfrage. "Es wird eher zu einer Umschichtung der Nachfrage kommen, nicht zu einem Anstieg insgesamt."

Auch der Beschäftigungseffekt dürfte weit hinter den Versprechen zurückbleiben. Eine kürzlich veröffentlichte Studie des französischen Rechnungshofes schätzt, dass die Steuersenkung langfristig allenfalls 6000 neue Arbeitsplätze schaffen kann. Auch die laufenden Tarifverhandlungen des Gewerbes sind vorerst gescheitert, obgleich die Branche zugesagt hatte, das Steuergeschenk in Lohnerhöhungen zu stecken. Restaurantverbände warnen schon vor einer Rücknahme der Reform: "Uns droht heute tatsächlich, die Steuersenkung wieder zu verlieren", sagt Christine Pujol, Chefin des Branchenverbands UMIH. Sarkozy hat Staatssekretär Hervé Novelli vorgeschickt, der düpiert "Konsequenzen" ankündigt.

Gefunden in ... ... "Finacial Times Deutschland"

Von Lutz Meier
KOMMENTARE (10 von 11)
 
WeitWeg (23.11.2009, 22:56 Uhr)
@giangastone
In Schweden ist nicht die Prostitution gesetzlich verboten, sondern der käufliche Erwerb von sexuellen Leistungen. Es riskieren also nur die Freier eine Strafe, nicht die Prostituierten. Allerdings wird vom ein oder anderen schwedischen Politiker auch ein Verbot der Prostitution selbst befürwortet.
bmpost (23.11.2009, 09:54 Uhr)
@giangastone
Ja ja ja, 20 % mehr Psychopathen wegen Haschisch, ja nee, is klar! Das liegt dann sicher wohl am 130 %igen THC-Gehalt!!! Und Schweden ist ja wohl schon seit 20 jahren der repressivste Staat in der EU.
giangastone (23.11.2009, 08:06 Uhr)
Und Schweden?
Klar, dass hier die Männer der Meinung sind, dass Prostituierte "es" freiwillig machen und "es" ihnen Spaß macht. Im ach so liberalen Schweden ist Prostitution meines Wissens mittlerweile auch verboten (weiß das einer genauer?). Die Zahl der an schweren Psychosen erkrankten ist in Holland genau mit der Legalisierung von Cannabis um 20% (!!!) gestiegen. Amsterdam hat viel mehr zu bieten als Coffe Shops und Nutten.
Corazito3333 (22.11.2009, 23:51 Uhr)
was für ein Unsinn
ist eine touristen- und liebhaber- institution. Nutten gabs immer, leider auch Zuhälter, also macht es zum Beruf Ihr Regierungen mit Krankenversicherung und Rente etc. und es ist nicht mehr illegal und nicht mehr lohnend. Die Zuhälter müssen weg - aber die bleiben!!!
SpringbokCT (22.11.2009, 19:21 Uhr)
Öffentliche Ordnung
Die Holländer ziehen die öffentliche Ordnung der ordenlichen Öffnung vor.
Xennia (22.11.2009, 18:02 Uhr)
fatale Liberalisierung
Dank der Legalisierung des Prostitution durch das weltweit (außer in Deutschland) einzigartige Prosititutionsgesetz, ist anscheinend das Rotlichtmilieu in Amsterdam außer Kontrolle geraten und nun wird heftig gegen die Misstände, die viele Touristen schon längere Zeit abschrecken, angekämpft.
Aber in Deutschland musste man (vor allem die Grünen) unbedingt das holländische Prostitutionsgesetz nachaffen.
Johann58 (22.11.2009, 16:07 Uhr)
viel groesser
wird warscheinlich das Problem werden wenn die Huren in die Illegalitaet abwandern muesen. Dann hat man in Amsterdam die gleichen Probleme wie ueberall wo man versucht aufzuraeumen aber in Wahrheit genau das gegenteil erreicht. Heute ist die Szene viel ueberschaubarer und kotrollierbar. Die Huren werden mit Hilfe von Zuhaeltern irgendwo in der Illegalitaet arbeiten und dann sind die Amsterdamer Verantwortlichen in der Lage das was heute legal ist endgueltig dicht zumachen.
Leseratte79 (22.11.2009, 14:51 Uhr)
@Motzerator
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen...Sie haben den Nagel kurz und ündig auf den Kopf getroffen.
Motzerator (22.11.2009, 13:54 Uhr)
Erst wenn alle Nutten vertrieben...
...und alle Coffeshops geschlossen sind, wird der Stadtrat irgendwann merken, das auch Geld und Touristen in Zukunft einen großen Bogen um die Stadt machen. Ich finde es zwar gut, das man versucht, die illegalen Aspekte des Gewerbes auszuschalten, aber das kann so nicht funktionieren. Man muss vielmehr den Frauen helfen, so das sichergestellt ist, das nur freiwillige als Huren arbeiten. Ich habe ja immer noch die Hoffnung, das das älteste gewerbe der welt irgendwann auch die anerkennung findet, die es verdient hat. Es ist ein Beruf, der hohe Anforderungen stellt und zurecht gut bezahlt wird. Dieser Beruf ist gesellschaftlich wichtig, weil er hilft, sexuellen Druck abzubauen, der sonst vieleicht auf kriminelle Weise abgebaut wird oder viele Beziehungen und Ehen zerstört. Männer können hier geheime Neigungen ausleben, die so manche geliebte Ehefrau in die Verzweiflung treiben würden.
traldors (22.11.2009, 13:49 Uhr)
Es ist ein Treppenwitz der Geschichte...
einstmals hatten die Engländer das "bessere" Demokratieverständnis - trotz existierender Monarchie ;) - und vor allem die bessere Polizei, dann kamen die Niederlande, mit ihrem Freiheitsverständnis und bestechender Toleranz, wir konnten nur neidisch rüber schauen. Heute?
Englands Probleme mit der Kriminalität unter Jugendlichen beispiellos in Europa, orwellsche Visionen fast überall im Einsatz, ein Überwachungsstaat pur, die Niederlande? Noch ärmer, via GPS getracked wie ein LKW auf Abwegen, der staatliche Zuchtmeister lässt grüßen und nun das: "Roltlichtviertel muss weg...".
Das Prinzip die Sachen zuzulassen, die man ohnehin nicht oder nur schwer kontrollieren kann ist ein Paradebeispiel für Cleverness der Niederländer. Und nun das : "Kriminalisierung", "Enteignung" etc.
Da bin ich echt froh mal ein Deutscher zu sein...
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