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16. Oktober 2005, 08:58 Uhr

Heimat der stolzen Poeten

Das Selbstbewusstsein der Waliser ist groß, ob es nun um die Natur oder ihre keltische Sprache und Dichtung geht. Besonders der Nordwesten ist auch im Herbst ein attraktives Reiseziel.

Blick über die Bucht von Porthdinllaen an der Nordküste der Halbinsel Lynn© Frank Bauer

Schau, wie weit uns die Engländer zurückgedrängt haben", sagt Twm Morys und fegt mit der Hand über die Karte von Wales, bis zum äußersten Nordwesten. "Nur hier, auf der Halbinsel Llyn, auf Anglesey und in Teilen von Snowdonia, wird im Alltag noch walisisch gesprochen." Twm, sprich Tum, ist 44 und einer der bekanntesten Dichter walisischer Sprache. Nebenbei hat er eine Rockband und bringt Kindern mittelalterliches Versmaß bei. Nach der Universität tingelte er als Straßenmusiker durch die Welt. Auch durch Freiburg im Breisgau. Die Leute da seien sehr nett, sagt er. Nur genervt habe ihn, dass sie Wales stets mit England verwechselt hätten. Twm Morys ist, wie viele Waliser, durch und durch Patriot.

Einer der schönsten Landschaftsgärten Großbritanniens ist Bodnant Garden bei Conwy© Frank Bauer

Ein warmer Sommerabend auf der Halbinsel Llyn: Draußen, vor Twms altem Bauernhaus, summen Bienen um Rosenstöcke. Frösche quaken, Vögel singen, und ab und zu fallen blökend ein paar Schafe in den Chor mit ein. Wie weiße Tupfer stehen sie auf den üppig-grünen Wiesen, die zum Meer hin sanft abfallen. Drinnen, in der Küche, hat Twm eine Flasche Rotwein entkorkt und erzählt von Wales. Dass der walisische Landesname Cymru (sprich: Kömri) "Kameradschaft" bedeute, dass Walisisch zu den keltischen Sprachen gehöre und mit etwa 1400 Jahren eine der ältesten Europas sei. Er malt aus, wie Edward I. im Jahr 1282 den Fürsten Llywelyn besiegte - den ersten, letzten und einzigen Herrscher eines geeinten Wales. Wie der englische König einen Ring mächtiger Burgen bauen ließ, um seine Herrschaft zu sichern. Und dann spricht Twm vom Schicksalsjahr 1536, als sich England mit dem "Act of Union" Wales endgültig einverleibte. Heute ist Walisisch neben Englisch zwar wieder Amtssprache, und von den drei Millionen Einwohnern sprechen es noch 500 000. Doch Twm fürchtet, dass es die alte Sprache bald nicht mehr geben wird. "Viele junge Leute müssen sich Arbeit in englischen Städten suchen", erklärt er. "Dafür kaufen Engländer vermehrt Häuser in Wales, denn für sie sind die Immobilienpreise relativ günstig. Nur wenige von ihnen lernen unsere Sprache."

Die Engländer! Über den großen Nachbarn gehen die Meinungen im Nordwesten, dem walisischen Kernland, arg auseinander. Und das mag auch am Naturell der Waliser liegen. "Frage zwei Waliser nach ihrem Standpunkt, und du bekommst drei Meinungen", sagt ein Sprichwort. Wenn es aber ums eigene Land geht, ist man sich einig. "Die Halbinsel Llyn bedeutet alles für mich. Das ist meine Heimat, hier kann ich meine Sprache sprechen und höre noch die alten Geschichten", sagt Elys Gwyn. Er ist Hummerfischer und lehnt im Pub des Örtchens Llanystumdwy am Tresen. Um ihn herum nicken alle zustimmend. Besonders stolz ist Elys darauf, dass Twm Morys, der in der Nähe wohnt, drei Gedichte für ihn geschrieben hat. Etwa 20 Kilometer entfernt, an der Nordküste von Llyn, steht ein Mann am Strand und atmet tief ein: "Riechen Sie das auch?", fragt er. Und ohne eine Antwort abzuwarten, fährt er fort: "Moos, Farn, Tang, Salz von der See. Ich liebe diesen Geruch." Aled Jones-Griffith heißt er und managt das walisische Sprachzentrum Nant Gwrtheyrn, das hier in einer tiefen Schlucht am Meer liegt. Er deutet aufs Wasser und sagt, dass man oft Delfine und Robben beobachten könne. Dann dreht er sich zu den Fichtenwäldern um: "Da drin leben noch Dachse, wilde Ziegen und Füchse. Und dort, sehen Sie, kreist ein Bussard." Im Jahr 1982 wurde in der ehemaligen Granitarbeitersiedlung das Sprachzentrum eröffnet. "Seitdem haben hier mehr als 25 000 Menschen Walisisch gelernt", sagt Aled. Das macht ihn sehr stolz.

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