HOME

Rauf zu den schönsten Hütten der Alpen

Was gibt es Besseres, als am Ende eines Wandertages einen Schlafplatz in imposanter Höhe zu finden? Auf Tour durch die Südtiroler Texelgruppe, an deren Ende das "Walden"-Team am liebsten gar nicht wieder abgestiegen wäre.

Von Diana Laarz

Schöne Aussichten: In ein paar Gehminuten ist die Oberkaser Alm erreicht, wo Lammbraten aus eigener Zucht und selbst gemachte Almbutter Wanderer zu Kräften bringen.

Schöne Aussichten: In ein paar Gehminuten ist die Oberkaser Alm erreicht, wo Lammbraten aus eigener Zucht und selbst gemachte Almbutter Wanderer zu Kräften bringen.

Es ist August, eine Hitze, die auch die Köpfe zum Dampfen bringt. Der Gedanke kommt plötzlich, wohl vom Schweiß getrieben. "Wir müssen in die Berge", sagt der eine Freund, Alex Müller-Welt. Und der andere Freund, Philipp Reiss, findet ein Angebot der Bahn: mit dem Zug bis nach Meran, Italien. Mitten in die .

Einen Plan haben die beiden nicht. Aber eine Wanderkarte von . Alex, hitzemüde und längst von Reiselust gepackt, zeigt auf ein paar nahe beieinanderliegende blaue Flecken. "Da sind Bergseen, ich will zu den Seen."

Sie sind Mitte 30, wandern gern, aber nicht zu oft und zum ersten Mal gemeinsam. Zelte nehmen sie keine mit. "Kein Bock drauf", sagt Philipp. Ist doch nur unnötiger Ballast. Auf dieser Tour suchen sie für die Nächte ein Dach über dem Kopf. Sei es aus Brettern, Stein oder Blech. Hauptsache: eine Hütte.

Die Bahn und der Zufall haben Alex Müller-Welt und Philipp Reiss schließlich in die Texelgruppe geführt, an den südöstlichen Zipfel der Ötztaler Alpen, nahe der italienisch-österreichischen Grenze. 1976 wurde die Bergregion zum Naturpark erklärt. Hütten für Wanderer, hungrig oder müde oder beides, stehen dort schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts.

Der erste Anstieg: Hochgangschartl, von 1400 auf 2400 Meter. Schweißausbrüche, sonnenrote Köpfe – die lästigen Begleiter einer Wanderung. Doch etwas später auch die ersten Seen: Langsee und Grünsee. Alex taucht mit Köpper ein. Er hat so lange darauf gewartet. Kalt ist es. In der Texelgruppe treiben bisweilen noch im Sommer Eisschollen auf dem Wasser.

Etappe 1: Bergstation Seilbahn Hochmuth – Grünsee

Die Schutzhütte am Grünsee ist stark renovierungsbedürftig und höchstens als Notlösung bei schlechtem Wetter zu empfehlen. Besser am Grünseeufer die Schlafsäcke ausbreiten. Der See liegt 2338 m hoch, ist fast kreisrund und von grünschieferverfärbtem Wasser.

Die steht am Ufer des Grünsees, Lago Verde. Ein verwitterter Verschlag, an einen Felsen gelehnt. Morsche dunkle Bretter, dort hat schon lange kein Wanderer mehr übernachtet. Auch Alex und Philipp bleiben draußen, sie legen ihre Schlafsäcke im Schutz einer Wand aus. Die erste Lektion dieser Hüttentour ist eine unerwartete: Manchmal ist es bei der Hütte besser als in der Hütte.

Der Tag endet vor der Schutzhütte am Grünsee in Italien

Der Tag endet vor der Schutzhütte am Grünsee in Italien

Der nächste Morgen, es geht weiter bergauf. Längst sind die Bäume verschwunden und einer Mondlandschaft gewichen. Wolken zerreißen über blankem Stein zu Fetzen. Die beiden Freunde kriechen auf allen Vieren über Geröll. Ein herbes Land, von und Wasser geschaffen: dunkle Gneise, kristalliner Schiefer.

Aber die Texelgruppe kann auch anders. Über den südlichen Hängen flirrt der trockene Duft des Mittelmeeres. Wacholderbüsche und Beeren wachsen zwischen dürrem Gras. Vipern und Eidechsen räkeln sich auf heißen Steinplatten, und auf Bergwiesen tummeln sich die Murmeltiere. Alex und Philipp halten ihre warnenden Pfiffe zunächst für das Kreischen eines Greifvogels. Das Trillern wird zum Background-Sound ihrer Reise. 

Etappe 2: Grünsee – Milchsee (Lago di Latte)

Der Guido-Lammer-Biwak (2706 m ü. d. M.) ist eine blecherne Notunterkunft für maximal neun Wanderer. Vom Biwak aus haben sie einen sensationellen Blick auf die Ötztaler und Stubaier Alpen sowie den Alpenhauptkamm.

Etwas oberhalb des Milchsees, Lago di Latte, finden die Wanderer die nächste , eine Biwakschachtel. Es ist ein orangefarbener, zerbeulter Blechcontainer, mit Drahtseilen gesichert gegen Gipfelstürme. Neun Betten in Etagen auf drei Quadratmetern.

Die beiden Wanderer sind allein mit den Bergen, weit über dem Meeresspiegel – diese Hütte ist ihr Schutzschild. Den ganzen Tag hat die Natur an ihnen gezerrt, nun ist sie ausgesperrt. Die Wolken fliegen an der milchigen Fensterscheibe vorüber. Alex zündet eine Kerze an. "Ein bisschen gemütlich darf es sein."

 In einem Regal stapelt sich, was vorherige Besucher zurückgelassen haben: Fischkonserven, Teebeutel, Salz und Nudeln, Streichhölzer. Kleine, wohlgemeinte Grüße. Auch sie machen aus der Blechschachtel ein Heim für eine Nacht. 

Als Alex und Philipp am nächsten Morgen aufbrechen, stellen sie ein Kilo Reis in das Regal. Die zweite Lektion des Hüttenwanderns: Auch in der kleinsten Hütte ist noch Platz für ein Geschenk an die Nachfolgenden.

Die beiden Freunde umrunden an diesem Tag ein gutes Stück der Texelgruppe. Ein paar Stunden wandern sie im Schatten einiger Dreitausender über ein Hochplateau. Nur ein paar unvorsichtige Steinböcke kommen den beiden in die Quere.

Dann geht es hinauf zum Halsljoch-Pass, 2800 Meter hoch. Der seicht abfallende Weg danach führt sie zur Lodnerhütte.

Mittagspause. Die Freunde bestellen, was jeder Hüttengast im Meraner Land bestellt: ein "Speckbrettl", ein Holzbrett, auf dem sich Speck, Käse und Tiroler Kümmelbrot stapeln. "Zu viel Speck", findet Philipp Reiss. Und isst ihn doch auf.

Der Speck hilft ihnen allerdings nicht weiter, als sie am Nachmittag hinauf zum Johannesschartl steigen. "Jauchenjoch", nennt es Philipp in atemlosen Selbstgesprächen, als er die enge, steile Geröllrinne durchklettert. Unter den Sohlen bricht der Stein, eine Kette bietet wenig Halt.

Etappe 3: Milchsee – Stettiner Hütte

Die Stettiner Hütte (2875 m) liegt auf der höchsten Etappe des Meraner Höhenwegs und ist zur Zeit im Wiederaufbau. Eine Jausenstation wird von Anfang Juli bis Ende September betrieben, auf Übernachtungsgäste wartet ein provisorischer Schlafsaal.

Vom Pass ist es nicht mehr weit bis zur Stettiner Hütte. Eine erste Hütte mit diesem Namen entstand bereits im Jahr 1805 am steilen Hang. Ihre Nach-Nachfolgerin traf  2014 eine Lawine. Der Wiederaufbau läuft. Essen wird schon wieder angeboten, natürlich Speckbrettl. Die Freunde sehen ein: Sie haben definitiv zu viele Vorräte im Gepäck. In den Sommermonaten sind die Hüttenküchen geöffnet und allemal schmackhafter als ihre Tütensuppen-Diät.

Etappe 4: Stettiner Hütte – Rauhjoch-Biwak

Die Schutzhütte Rauhjoch-Biwak auf 2708 m verfügt über sechs Schlafplätze. Beeindruckend ist ihre gläserne Dachkuppel, durch die müde Wanderer in den Sternenhimmel blicken.

Es ist die Nacht der improvisierten Hütte. Alex hat einen Tarp im Rucksack, eine Regenplane, die man spannen kann, sodass zwei schmale Wanderer im Schlafsack und ihr Gepäck darunterpassen. In der Nacht klopft Nieselregen auf das dünne Dach.

Die nächste Lektion: Ein Bett in einer Hütte weiß erst richtig zu schätzen, wer ab und an auf harter Erde übernachtet.

Etappe 5: Rauhjoch-Biwak – Gasthof Hochfirst (mit Busfahrt)

Am Gasthof Hochfirst (1800 m) kreuzen sich die Wege von Wanderern, Motorrad- und Autofahrern. Der Gasthof ist etwa von Anfang Mai bis Ende Oktober geöffnet.

Am nächsten Tag geht es stetig nach Norden. Längst sind die Füße "voll wund gelatscht", O-Ton Alex. Elf Kilogramm trägt er. Tarp, Schlafsack und Isomatte natürlich. Eine Stirnlampe, Kochgeschirr, Messer, Trinkflasche, Wanderkarte, Tee und Kaffee. Der einzige Luxus ist ein Buch, extra dünn. Dafür mit schwerem Inhalt; eine Schrift von Albert Camus.

Nicht immer sind Wegweiser und Karte einer Meinung. Zweifelsfrei hingegen ist der Befund am Tag 5 ihrer Wanderung: Die erste Zehe ist wund gelaufen.

Nicht immer sind Wegweiser und Karte einer Meinung. Zweifelsfrei hingegen ist der Befund am Tag 5 ihrer Wanderung: Die erste Zehe ist wund gelaufen.

Philipp Reiss trägt schwerer. Seine Espressotasse hat damit wenig zu tun. Der studierte Geologe kann seine Hände nicht von den Mineralien lassen, die im Schiefergestein der Texelgruppe wachsen. Bald sind seine Taschen voll. Bergauf kommen ihm Zweifel. "Warum  schlepp ich schon wieder Steine mit mir rum?" Er wirft sie fort. Und erreicht die nächste Unterkunft, ein Hütten-Highlight.   

Das Rauhjoch-Biwak sieht aus, als sei eine Mars-Landefähre vom Weg abgekommen und versehentlich in den Alpen gelandet. Der achtseitige Container steht auf Stelzen, statt eines Daches wölbt sich eine Glasscheibe über den sechs Besucherbetten. Wer sich dort hinlegt, hat keine Chance, er muss die Sterne bewundern.

Etappe 6: Gasthof Hochfirst –Schneeberg-Schutzhütte

Die Schneeberg-Schutzhütte (2355 m) gehörte ursprünglich zum aufgegebenen Silberbergwerk. Aus Herrenhaus und Knappenwirtshaus wurden Zimmer, Bettenlager und Wirtsstube. Geöffnet vom 15. Juni bis 15. Oktober.Von dort: Abstieg in das Ridnauntal mit den Ortschaften Ridnaun und Mareit.

Wären da nur nicht die anderen Hüttengäste. Eine Gruppe Italiener ist mit Alex und Philipp in das Rauhjoch-Biwak eingekehrt. Lärmig, lustig, gar nicht gemütlich. Zum Glück hat Alex seinen Camus dabei, den Meister der verschachtelten Sätze. Alex liest eine Seite, also zwei Sätze, hat wenig verstanden und schläft erschöpft unter dem Sternenhimmel ein. 

Zwei Lektionen nehmen die Wanderer aus dem Rauhjoch-Biwak mit: je abgelegener die Hütte, desto besser die Aussicht. Und: Eine Hütte gehört dir nicht allein, und deine Nachbarn kannst du dir nicht aussuchen.

Die Tour nähert sich ihrem Ende. Immer öfter durchweicht Regen ihre Kleidung. Die Wanderer steigen ab zum Dorf Moos im Passeiertal und sitzen den nächsten Schauer in einem Bus aus, der sie auf der Hochalpenstraße weiter nach Norden bringt.

Sie übernachten im traditionsreichen Gasthof Hochfirst, in einem Bettenlager mit 50 anderen Wanderern. In der Nacht wirft Philipp sein Kissen auf einen schnarchenden dänischen Motorradfahrer. Der wacht nicht einmal auf.

Aber auch das kann nicht verhindern, dass das Fazit ihrer ersten Hüttentour positiv ausfällt. Die Berghütten waren: manchmal unheimlich, manchmal gemütlich, manchmal überfüllt – aber immer ein sicherer Unterschlupf.

Da war eine Tür, die sie am Ende eines langen Tages schließen konnten. Und da waren Matratzen, auf denen sie träumen durften.

Alex und Philipp beschließen, im kommenden Sommer wieder gemeinsam zu wandern. Wieder in Südtirol. Übernachten wollen sie wieder in Hütten.

Doch noch liegen ein Tag und eine Nacht in der Texelgruppe vor ihnen. Die Murmeltiere geben ihr Bestes. Die Gipfel von Rinnerspitz, Hohem Kreuzspitz und Hoher Ferse tauchen in die Wolken ein. Steine groß wie Lastwagen liegen am Wegesrand. Es sieht aus wie ein Land für Riesen. Die Wanderer darin wirken wie Ameisen, die es leicht abschütteln könnte.

Sie erreichen die letzte Unterkunft ihrer Tour. Wie eine Hütte sieht die Schneeberg-Schutzhütte nicht aus, sondern eher wie das Herrenhaus, das sie einst war, als im Bergwerk nebenan noch Silber gefördert wurde.

Die beiden Männer bestellen in der Gaststube ein Hirschragout. Ein Gedanke schleicht sich an: Ist das jetzt zu viel des Guten? Hütte klingt so einfach. Und Hirschragout so abgehoben.

Als die beiden die ersten Bisse nehmen, sich zurücklehnen und durchatmen, lernen sie die letzte Lektion: Am Ende einer Wanderung darf man keine Angst vor ein wenig Luxus haben.

Weitere Tourenvorschläge und Infos zu Unterkünften:

sentres.com, huettentouren.net, suedtirolerland.it


Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity

Partner-Tools