In Wien dreht sich die allerbeste Gesellschaft wieder im Kreis der Walzerklänge. Es ist Opernball, und jeder geht hin! Oder etwa doch nicht? Für viele Wiener gibt es weit spannendere Beschäftigungen als der Tanz im Dreivierteltakt. Von Marina Kramper

Darf ich bitten, die Dame: Bauunternehmer Richard Lugner besucht den Opernball in diesem Jahr mit Edelstripperin Dita von Teese© Herbert Neubauer/Reuters
In bodenlangen Kleidersäcken hängen die Zeugen der durchtanzten Ballnächte schlaff über die Vordersitze. Der Flieger von Wien nach Hamburg transportiert neben den üblichen Passagieren eine Menge Abendroben. Wien ist die Stadt der Bälle und der Wiener Walzer das Leitmotiv rauschender Nächte. Der Schlachtruf "Alles Walzer" ertönt zur Balleröffnung in der Faschingszeit für jede Berufssparte: Techniker-, Flüchtlings-, Kaffeesiederball. Bürger-, Magier-, Gewichtheberball. Und natürlich der Opernball!
In den Klatschspalten der europäischen Presse werden vor allem die Logengäste des Baulöwen Richard Lugner erwähnt. Die sind dann allerdings häufig so genervt von den Paparazzitruppen, dass sie, wie im vergangenen Jahr Paris Hilton, vorzeitig den Ball verlassen. Die sogenannte Wiener Gesellschaft samt Opernballorganisatorin Desiree Treichl-Stürkh findet Wichtigtuer Richard "Mörtel" Lugner schon lange peinlich. "Und ohne sein geschiedenes Mausi wird es dieses Jahr endlich still um ihn werden". sagt Treichl-Strürkh. Seinen Logengast Dita von Teese hätte die Frau mit dem unaussprechlichen Namen "allerdings selbst gerne eingeladen. Vorausgesetzt, sie bleibt angezogen".
Gerhard Strassgschwandtner ist Sammler, Künstler, Forscher, Fremdenführer und ein typischer Wiener. In diesem Jahr waren er und seine Frau Karin "nur" auf dem Polizistenball. Eigentlich geht er nicht gerne auf Bälle, aber in diesem Fall waren die Karten umsonst. "Und wenn es umsonst ist, sagt ein Wiener nicht ‚Nein’", weiß der Künstler. Gerhard Strassgschwandtners Wien ist in keinem Reiseführer zu finden. Es ist ein Wien der Leidenschaften und der Widersprüche. Ein Wien, das sich die Rosinen aus der Vergangenheit pickt und in eine Zukunft schaut, die abseits touristischer Pfade wandeln will.
Zum Opernball hat er, wie viele Wiener, ein gespaltenes Verhältnis: "Wir Wiener schimpfen sehr gerne über den Opernball, über die Leute, die hingehen, die Kommentatoren. Und wir amüsieren uns über die kleinen Eklats und Eskapaden des Herrn Lugner, aber wir sitzen alle vor unseren Fernsehgeräten, um ja nichts zu versäumen."
Wenn Strassgschwandtner Wiener Geschichten erzählt, weiß man nie, ob er sie ganz ernst meint. Scharf ist sein Verstand, und doppelbödig seine Sprache. Auf die Frage, was denn der typische Wiener sei, zitiert er doch lieber Lyrikerin Rose Ausländer: "Der typische Wiener ist ein provinzlerisch denkender Lokalpatriot. Er ist überaus liebenswürdig, fast höfisch höflich, solange man ihm mit der gleichen Galanterie begegnet und seine patriotischen Gefühle nicht verletzt. Der typische Wiener ist ein Januswesen: ritterlich und boshaft, untertänig und überheblich, sanguinisch und hysterisch."
Ein Strassgschwandtnerscher Geheimtipp und eines seiner Lieblingsjagdreviere ist das Auktionshaus Dorotheum. Der 300 Jahre alte Gebäudekomplex liegt inmitten des imperialen Wiener Speckgürtels in direkter Nähe zur Hofreitschule. Ringsum haben sich Antiquitätengeschäfte angesiedelt. Strassgschwandtner weiß, dass die oft teurer verkaufen als das Dorotheum. Im spätbarocken Ambiente lagern hier Möbel, Bilder, Schmuck, Kuriositäten und Vitrinenweise Porzellan. Vom Kaffeetisch aus genügt eine dezente Hebung der Hand mit einer "Bieternummer", und er selbst bleibt für die jagende Masse anonym.