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26. Dezember 2009, 07:18 Uhr

Ein Dorf löst sich von der Vergangenheit

Vor neun Jahren erlangte Kaprun weltweite Bekanntheit durch die Gletscherbahn-Katastrophe. Wie geht der Wintersportort heute mit dem schweren Erbe um? Von Marina Kramper

Kaprun, Seilbahnunglück, Karlsböck, Bürgermeister

Die Bar im Ice Camp auf 2500 Metern Höhe© Marina Kramper

Senkrecht fallen die Felswände ins Tal hinab. Lange Abfahrten, wie man sie aus anderen Skigebieten kennt, sind in Kaprun nicht möglich. Deshalb wurden die hoch gelegenen Pisten durch eine Bergbahn erschlossen, die durch einen Tunnel die Skigäste bis zum Gletscher befördert.

Doch am 11. November 2000 fing die Kitzsteinhorner Gletscherbahn Feuer. 155 Menschen starben im Rauch, Einheimische wie auswärtige Gäste. Das Unglück veränderte das Leben der Menschen im Ort.

Einer von ihnen ist der Kapruner Bürgermeister Norbert Karlsböck. Auch neun Jahre nach der Katastrophe ist seine Betroffenheit zu spüren. Seine Antworten wirken nicht einstudiert. Gleich nach dem Unfall reiste er von Land zu Land, bis nach Japan, um mit den Hinterbliebenen zu sprechen. Er hat versucht, gemeinsam mit den Familien das Unfassbare zu verstehen, die Trauer mit den Angehörigen der 155 Verunglückten zu teilen.

"Ich hab mich ganz klar dazu bekannt, das Unglück nicht zu verdrängen, sondern als einen Teil meiner und der Kapruner Geschichte anzunehmen und aufzuarbeiten. Ich bin oft genug an meine persönliche Grenze gekommen, aber ich habe irgendwann gespürt, dass es ein Weiter, eine Zukunft geben wird." Der Bürgermeister wollte den Angehörigen der Opfer eine Art Partnerschaft für die Zukunft anbieten. Dazu gehört auch die eindrucksvolle Gedenkstätte. In gemeinsamen Sitzungen einigten sich alle Beteiligtem auf einen modernen Bau mit bunten Fensternischen, der heute am Fuße des Unglückstunnels steht. Die Hinterbliebenen haben mit persönlichen Erinnerungsstücken und Fotografien jedes Fenster, das einem Verunglückten geweiht ist, individuell gestaltet und die Gedenkstätte zu einem berührenden Ort gemacht.

Feudalbergtourismus am Kitzsteinhorn

Oben am Kitzsteinhorn, dem größten Skigebiet des Tales, liegt der Gletscher, der seit Beginn des alpinen Tourismus die Gäste im Sommer und im Winter anlockte. "Früher", erzählt Norbert Karlsböck, " kamen die ersten Touristen im Sommer zur Gletscherbeobachtung in das Tal." Träger und Bergführer schleppten Stühle und Ferngläser nach oben. Am Rande des Gletschers flanierten die Herrschaften in langen Kleidern mit großen Hüten. "Feudalbergtourismus" nennt der Bürgermeister den ersten Alpintourismus, der von der neugebauten Eisenbahnlinie von Innsbruck nach Wien profitierte.

Die zweite große Tourismuswelle setzte Ende der sechziger Jahre ein mit dem Wasserkraftwerk Kaprun. Der Kraftwerksbau galt als die Sensation in Europa, bescherte dem Tal nicht nur viele Besucher, sondern auch den ersten Skilift am Maiskogel, einem kleineren Berg mit einem Familienskibetrieb, der mitten in Kaprun ausläuft. Der ehemalige Materiallift wurde umgebaut und schleppt nun die Skifahrer bergauf.

Heute liegt am Fuße des Kitzsteinhorns ein Gletscherskigebiet auf 3000 Meter Höhe mit perfektem Pulverschnee schon im Herbst und freiem Blick auf die umliegenden Gipfel. Zwei neuerbaute Seilbahnen ersetzen die alte Tunnelbahn und transportieren auch in Stosszeiten alle Schneefreunde auf den Gletscher.

Die neue Urlauber-Generation

Direkt am Gletscher kann man in fünf Iglus des "Volvo Ice Camp" im Hightechschlafsack auf Rentierfellen übernachten. In der bunt beleuchteten Ice-Lounge wird zusammen gegessen und aus Eisgläsern getrunken.

Drei Snowparks werben am Kitzsteinhorn um die Kids auf den Boards. Die Hinwendung zu den meist jüngeren Boardern ist eine Entscheidung, die bewusst vom Tourismusverband gefällt wurde und die in anderen Skidestinationen nicht nur auf Verständnis stößt. Snowboarder haben immer noch ein negatives Image. Ein Vorurteil, dass Norbert Karlsböck und seine Kapruner nicht teilen. Der Bürgermeister sieht das kreative Potential der Snowboarder. "In den Snowparks findet Kommunikation statt. Da fährt nicht jeder für sich, da wird miteinander gefahren. Die jungen Leute filmen und fotografieren, die Bilder werden weitergeleitet. Der Skisport zieht sich bei den jungen Leuten bis ins Internet hinein."

Die Kapruner sahen schon Ende der Sechziger das Potential des Winter- und Sommertourismus und stiegen groß ein. Die Hälfte aller Kapruner Hoteliers stammt aus alteingesessenen Bauernfamilien, die andere Hälfte zog dazu, denn in Kaprun lebten ursprünglich nur Bergbauern. Der Ortskern besteht heute aus Geschäften, die manch großstädtische Einkaufszone vor Neid erblassen ließe.

Armani, Prada und Konsorten locken auch gut betuchte Tagestouristen aus Salzburg, München und Innsbruck in den Ort, darunter auch Araber, die "einen Schneemann bauen oder in den Schnee greifen oder in unserer Eisarena mitten im Sommer Schlittenfahren", wie Karlsböck sagt. Wie stark der Rückhalt der Kapruner für ihren Bürgermeister ist, zeigt die letzte Wahl: Am 1. März 2009 wurde der Solzialdemokrat Norbert Karlsböck mit 72 Prozent der Stimmen in seinem Amt bestätigt. Das ist der Teil der Vergangenheit, von dem sich die Kapruner nicht lösen wollen, weil er sie gut in die Zukunft geführt hat.

Weitere Informationen
Tourismus Kaprun: www.zellamsee-kaprun.com
Gletscherbahnen und Snowpark: www.snowpark.kitzsteinhorn.at
Volvo XC Ice Camp: www.icecamp.at
Hotel Vötters Sportkristall: www.sport-kristall.at
Bundessporthotel am Kitzsteinhorn: www.bsfz.at
Von Marina Kramper
 
 
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