
Bewohner der chinesischen Stadt Kashga am "Peoples Square"© Per-Anders Pettersson/Getty Images for GEO Magazine
"Der könnte die neue Attraktion werden." Leider wollen "sture Mitarbeiter in den Behörden" seine Bemühungen nicht anerkennen. Vor allem nicht jene, den Schnaps zu einer 2000 Jahre alten Erfindung zu machen - ihn also nachträglich ins Gepäck der ersten Reisenden auf der Seidenstraße zu schmuggeln. Dabei sieht Liu es schon vor sich: Ein Büchlein am Flaschenhals mit "der wahren Geschichte". Dazu das Etikett mit Karawane, Wüste und dem Spruch "Mou Tai - die flüssige Seide".
Der Nachtzug bringt uns nach Lanzhou. Wir teilen das Abteil mit zwei Geschäftsmännern, gleich nach dem abendlichen Tee sinken sie in die Laken. Morgens aber weckt mich ihr Schnaufen: Sie treiben Frühsport. Auch früher ist man lieber in der Nacht gereist, der kühleren Temperaturen wegen. Wir dagegen mussten den späten Zug nehmen, weil kein anderer frei war: Zugplätze in China müssen Tage im Voraus gebucht werden, offenbar herrscht Hochbetrieb auf der Seidenstraße. Von Xi'an bis nach Kaschgar im äußersten Westen Chinas kann man heute auf Gleisen reisen. Die Strecke ist bequem in einer Woche machbar. Karawanen brauchten allein für den ersten Abschnitt, die rund 600 Kilometer nach Lanzhou, einst mehrere Wochen. Lanzhou war ihnen der letzte sichere Hort, der Hafen vor dem Sandmeer. Hinter der Stadt beginnt der Hexi-Korridor, ein öder Landstrich, dann die gefürchtete Takla Makan.
Steil ragen Lanzhous Berge auf, noch am späten Vormittag schafft es die Sonne nicht über die Kuppen. Vor gut zehn Jahren versuchte man, einen ganzen Berg abzutragen, um Licht und frische Luft hineinzulassen in die Stadt. Ähnlich radikal ist der Gestaltungswille noch immer: In Yantan, Lanzhous nordöstlicher Vorstadt, blühten bis vor Kurzem auf einem zehn Quadratkilometer großen Areal Apfelbäume. Auch dort, wo sich nun die "Oriental Skyline" erhebt. Der Komplex ist in Form eines Drachens gebaut, dem kaiserlichen Symbol der Himmelsmacht. Ein Garten mit acht Meter hohem Wasserfall ist der Kopf des architektonischen Untiers, ein Arrangement aus Wellnesszentrum, Läden und kleinem Park der Körper. Das Horn des Drachens ragt als 24-stöckiges Hauptgebäude auf.
Es ist der Schrein einer weiteren Religion, die via Seidenstraße nach China gekommen zu sein scheint, lange nach Buddhismus oder Islam. Einer Konfession, zu der sich mittlerweile selbst die Regierung bekennt: dem reinen Materialismus. Frau Ni Ya Wang führt durch das Haus. Sie nennt sich Consultant, auch ihr Name ist bereits amerikanisiert - auf der Visitenkarte steht der Familienname hinter dem Vornamen. "Hier, der Lift ist aus Finnland", sagt sie stolz, "da, die Aircondition ist aus den USA. Fühlen Sie den Marmor, der ist aus Italien." Fast ehrfürchtig berührt sie den weißen Stein. Alles ist groß, teuer, exquisit - kurz: anbetungswürdig.
Die Käufer kommen aus Beijing und Shanghai: Autohändler, Banker, hohe Parteifunktionäre. Bald soll der Komplex fertig sein, zur Hälfte sei er schon verkauft. Auch die Musterwohnung, ein 340 Quadratmeter großer Traum auf zwei Etagen, mit Kirschholz, Bronzetüren und Fenstern vom Boden bis zur Decke. Nach Süden blickt man auf den schlammigen Gelben Fluss. Den Blick gen Osten verstellt uns Frau Wang diskret. Dort ducken sich die Unterkünfte der Wanderarbeiter. Es ist die andere Seite des neuen China, die manchmal tatsächlich nur die andere Straßenseite ist. Heutzutage ist Arbeitskraft die wichtigste Ware, die auf der Seidenstraße unterwegs ist.
Wir nehmen die Autobahn zum Flughafen. Der ist ein pompöser Neubau, man möchte den glänzenden Fußboden mit Pantoffeln betreten. Dabei ist es nur ein Provinz-Airport, von dem aus unser Flugzeug startet.
In Dunhuang, über 1000 Kilometer westlich, setzt es wieder auf. Die einstige Oase ist umgeben von den Wüsten Gobi und Kumtagh. Auch Dunhuang will von seiner Historie leben, schon wegen der nahen Mogao-Grotten. Karawansereien sind zu luxuriösen Hotels umgebaut, in der nahen Kumtagh erheben sich bis zu 100 Meter hohe Dünen, Wolkenkratzer aus Sand. Die Einheimischen machen sie zu Geld: Tausende Touristen kommen jährlich, um sich das Wunder anzusehen. Die Besucher rutschen mit Schlitten die Hügel herab oder reiten auf Kamelen in die Wüste. Die Zweihöcker brüllen, wenn sie aufbrechen. Schweigend kehren sie zurück - wieder kein Marsch, nur ein Spaziergang.
Erneut haben wir die erforderliche Reservierung für den Zug versäumt. Spontanes Reisen scheint suspekt zu sein, selbst Stehplätze sind unangemeldet nicht zu ergattern. Erst im 120 Kilometer entfernten Liuyuan, so die Auskunft am Schalter, soll ein Abteil im Zug nach Turfan frei werden. Also im Auto zum fernen Bahnhof. Als wir endlich im Zug sitzen, rollt der durch eine braune Ödnis: Lehmhügel, Lehmhäuser, Menschen braun wie Lehm. Erst kurz vor Turfan ändert sich das Bild: durch die gewaltigen Berge des Tian Shan, davor Fackeln von Gasförderanlagen knapp über der Erde. Es sind die Brandzeichen von Xinjiang.
Chinas größte Provinz ist etwa halb so groß wie Indien, umfasst rund ein Sechstel der chinesischen Geografie. Die Provinz gilt als wilder Westen, rückständig, doch mit unermesslichen Schätzen gesegnet. Knapp ein Fünftel der chinesischen Gasreserven sollen hier liegen, zum größten Teil unter dem Sand der Takla Makan. In den Tiefen des Tarimbeckens vermuten Geologen Hunderte Milliarden Kubikmeter Gas. Deshalb queren Schnellstraßen nun auch Berge und Wüsten, eine über 4000 Kilometer lange Gaspipeline führt von Lunnan nach Shanghai, vornehmlich auf der Route der alten Seidenstraße.
Seit den frühen 1950er Jahren wurden Millionen Chinesen in der Provinz angesiedelt. Es galt, die zahlenmäßige Übermacht der Uiguren, eines muslimischen Turkvolkes, zu brechen. Rund 19 Millionen Menschen leben heute in Xinjiang, nur noch die Hälfte gehört der ursprünglichen Bevölkerung an. Bis heute wollen die Uiguren sich nicht mit dieser "Kolonialisierung" abfinden. Sie fordern einen eigenen Staat, Ostturkestan, und manche kämpfen mit allen Mitteln, auch mit Bomben. In den Zeitungen liest man nach jedem Attentat von der Hinrichtung "uigurischer Terroristen". Und Aussagen jenes Parteifunktionärs, der launisch erklärt, an der Seidenstraße habe es schließlich immer Räuber gegeben.
Aber in Turfan geht es friedlich zu, nichts ist von den Spannungen zu spüren. Viele kleine Basare: Statt Schweinehälften hängen Lammspieße an den Ständen, statt grünem Tee trinkt man hier schwarzen. Orientalisch ist das Flair und überquellend der Reichtum an Waren, was schon frühere Reisende beeindruckt haben muss. In Turfan sind es vor allem die berühmten Rosinen, von denen es an die 50 verschiedene Sorten geben soll, sämtlich unterschiedlich in Farbe und Geschmack. Zu kleinen Bergen türmen sie sich auf den Verkaufstischen. Und über allem liegt das Stimmengewirr fröhlicher Menschen, es gilt als schamlos, auf den Märkten schlechte Laune zu haben.
Nur wenn man die Uiguren auf die Chinesen anspricht, werden sie einsilbig. Oder verfallen gleich in tiefes Schweigen und tippen auf ihre Uhren. Denn die zeigen nicht die von Beijing verordnete Zeit, sie orientieren sich an internationalen Vorgaben - gehen also zwei Stunden nach im Vergleich zur offiziellen Zeit. Das Tippen auf die Uhren ist die stumme Unabhängigkeitserklärung der Uiguren.
Muhamad will mehr riskieren, auch wenn er bei allem Mut seinen Nachnamen verschweigt. Ihn hatten wir unweit des Basars angesprochen. Über Korla will er uns zu den für Besucher gesperrten Ölfeldern um Luntai bringen. An seinem Jeep, den sich der 35-Jährige gerade zugelegt hat, prangt noch das Nummernschild des Vorbesitzers. Es erweist sich als Vorteil: Weil das Fahrzeug zum Fuhrpark der Regierung gehörte, haben wir überall freie Fahrt. Polizisten am Ölfeld, die sonst die Straßen zuverlässig für jeden Unbefugten blockieren, winken uns durch, eine Hand an der Mütze.