
Schauspiel von morgens bis abends bietet der riesengroße Priwoz-Markt, auf dem Händler und Bauern ihre Produkte verkaufen© Theodor Barth
Am anderen Morgen stechen wir endlich in See. Die Minarette, Kirchtürme und Wolkenkratzer Istanbuls verschwinden im Dunst; geradezu majestätisch gleitet die nicht ganz rostfreie "Yuzhnaya Palmyra" den Bosporus hoch nach Norden, begleitet von Delfinen. Als wir die Mündung des Schwarzen Meeres erreicht haben, tutet unsere Fähre dreimal. "Ist es nicht wunderbar?", fragen wir den türkischen Israeli oder umgekehrt, der neben uns an der Reling lehnt. Doch der blickt melancholisch zurück in die Türkei und gibt zu bedenken: "Wir verlassen jetzt endgültig die Zone essbarer Nahrungsmittel."
Dann ertönt "Kalinka, Kalinka" aus dem Bordlautsprecher, und in Windeseile entkleiden sich fast alle ukrainischen Passagiere bis auf ihre Unterwäsche, stürzen sich auf die Liegestühle an Deck und verlassen sie fortan nur noch zu den üppigen und weiterhin konsequent in Beigetönen gehaltenen Mahlzeiten. Die übrigen geben sich im "music saloon" der Trunksucht hin, wenn sie nicht schon wieder oder immer noch auf die vielen Bildschirme starren, wo jetzt einerseits eine russische Comedy-Show läuft und andrerseits ein historisches Drama, dessen Handlung hauptsächlich daraus besteht, dass Soldaten in Miniröcken und Sandalen einander mit Gusto die Schädel spalten.
Während wir den Delfinen zuschauen, macht es sich der türkische Israeli zur Aufgabe, uns das Wesen des Ukrainers an sich zu erklären. Sei er männlich, trüge er einen Trainingsanzug und sei mehrheitlich zu gar nichts zu gebrauchen. Er trinke Wodka und esse Kohlsuppe. Dies gelte auch für die weibliche Population, die ansonsten allerdings "einfach unglaublich" sei.
Wie recht er hat, können wir schon abends im "music saloon" feststellen, wo diesmal nicht nur Swetlana nebst Geiger und Keyboarder, sondern auch ein gewisser Michail aus Sankt Petersburg einem ausgelassenen Publikum wechselweise mit Russenpop und Chubby Checker einheizen, während der Wodka in Strömen fließt. Die Männer tragen Gold und Silber im Mund, Jogginganzüge am Körper und Adidas- Schlappen über Socken am Fuß, die Frauen tragen Gold und Silber am Körper und balancieren auf so hochhackigem wie quietschbuntem Schuhwerk. Alle tanzen, bis die Busen wogen und die Schlappen fallen.
Als wir anderntags in Odessa an Land gehen, kann uns nichts mehr aus der Fassung bringen. Denken wir. Doch wir hatten nicht mit der Schönheit dieser Stadt gerechnet, gegründet im 18. Jahrhundert von Katharina der Großen, entworfen von den besten Architekten Europas. Die Straßen sind gesäumt von Akazien und Platanen, die Häuser, mal pockennarbig, mal gelb, grün, himmelblau oder fliederfarben gestrichen, haben verschnörkelte Giebel und Erker und unglaubliche Portale, versehen mit Nixen, Engeln, Löwen oder Adlern.
Ukrainer, Russen, Juden, Moldawier, Bulgaren, Griechen und Türken haben sich hier vermischt und sind kosmopolitische Odessiten geworden, geplagt von Fernweh angesichts des Hafens und heimwehkrank, kaum dass sie ihre Stadt verlassen haben.
Hier verliebte sich der damals 23-jährige Dichter Alexander Puschkin unglücklich in Gräfin Woronzow, deren wesentlich älterer Gatte sich derweil gewissenhaft um die Trinkwasserversorgung kümmerte, hier wurde Isaak Babel geboren, der seiner Heimat in den "Geschichten aus Odessa" Liebesbriefe schrieb.
Hier drehte Sergej Eisenstein "Panzerkreuzer Potemkin"; die Treppe, auf der im Film Stufe für Stufe der Kinderwagen herunterschaukelt, ist heute das Wahrzeichen der Stadt. Allerdings endet sie nicht mehr im Meer, sondern auf einer Ringautobahn, und heute stehen dort verbitterte Sowjet-Menschen, Orden aus dem Zweiten Weltkrieg an der Brust und Leguane sowie Affen parat, mit denen Touristen sich fotografieren lassen können.
Und hier studierten die Virtuosen David Oistrach und Emil Gilels an der Musikakademie, an der Swjatowslaw Richters Vater Teofil einst Klavier und Orgel unterrichtete. Als wir sie besuchen, platzen wir mitten in eine Chorprobe hinein, Mozarts Requiem; es ist zum Sterben schön, "genau wie Odessa", sagt später der Dirigent.
Zwar wollen wir hier auf keinen Fall sterben, schon aus Angst vor den Krankenschwestern. Wir stellen sie uns noch schlimmer vor als die Kellnerinnen, die sich in fast allen Restaurants und auch in unserem ansonsten wunderschönen Hotel "Londonskaja" rastlos darum bemühen, die Atmosphäre einer Sträflingskolonie zu schaffen. Aber wir verstehen, was er meint: Odessa hat genau die richtige Mischung aus Verfall und Aufstieg, aus Vergessen und Erinnern, aus Denkmälern und Plastikstühlen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2008
Die Perle am Schwarzen Meer Anreise mit der Fähre: Die Fähren der UKRFERRY fahren jeden Donnerstag von Istanbul nach Odessa, Ankunft Samstag 13 Uhr. Alle Infos unter www.ukrferry.com Mit dem Flugzeug: Mit 1-mal Umsteigen von allen größeren deutschen Flughäfen, bei Schnäppchenglück für unter 200 Euro, Normalpreis knapp 400 Euro z. B. mit Austrian Airlines, Lufthansa, Malev, Lot und Turkish Airlines Für die Ukraine wird kein Visum benötigt. Hotel: Der Klassiker ist das "Londonskaja", hier wohnten der Schriftsteller Anton Tschechow, die Tänzerin Isadora Duncan und der Regisseur Sergej Eisenstein, der seinen Film "Panzerkreuzer Potemkin" in Odessa drehte. Ab 70 Euro. Weitere Hotels unter www.osteuropa-hotels.de Ausführliche Odessa-Infos: www.odessa-guide.com