
Beliebter Freizeitspaß im chinesischem Kurles: Auf dem Wasser laufen© Per-Anders Pettersson/Getty Images for GEO Magazine
In Xayar, 130 Kilometer südwestlich von Luntai, brennt die Luft. Wo die nördliche Takla Makan beginnt, schlagen Flammen aus etwa 100 Bohrlöchern und lassen die Wüste lodern. Rund 30 Prozent der chinesischen Erdölvorkommen lagert unter der zweitgrößten Sandwüste der Erde. Riesige Tanks und Raffinerien im Sand, mittendrin Wohnblöcke für die Arbeiter. Niemand bleibt hier länger als drei Monate, die Arbeiter kommen aus allen Landesteilen und gehen wieder nach wochenlanger Schicht.
Xayar ist eine Bohrinsel im Sandmeer, eine mit Restaurants, Frisierläden, Karaoke-Bars. Es sind glitzernde Schuppen, Bruchbuden des Amüsements. Doch sie florieren, nirgendwo in China verdient ein Arbeiter mehr als "im Öl" - ungefähr 10 000 Yuan (900 Euro) im Monat, das ist das Vielfache eines Durchschnittseinkommens. Nirgendwo auch gibt es mehr "Personal" als in diesen Läden. Prostitution? Aber nein, sagen die Offiziellen. Die halb nackte Wahrheit offenbart sich, als wir in einen der Läden wollen. Die Chefin versperrt den Eingang, dahinter die Frauen in zu kurzen, zu engen und zu grellen Kostümen. Ausländer dürfen hier nicht rein. "Warum?" "Ihr seid zu stark für die Mädchen." Ungeduldige drängen uns weg; noch in Helm und Overall fällt die Tagesschicht ein.
Weiter fahren wir, vorbei an der ehemaligen Oase Kuqa, immer am Nordrand der Takla Makan entlang. Wo die Wasser des Tian Shan versickern, breitet sich Wüste aus. Hier gibt es keine Städte mehr, keine Felder. Hier ist nur Sand. Wir biegen nach Süden ab - mitten hinein. Ein Unterfangen, das zu Zeiten Marco Polos wahrscheinlich tödlich geendet hätte. "Ort ohne Wiederkehr" nennt man diese Wüste, die so groß wie Deutschland ist. Temperaturen von plus 50 Grad am Tag und minus 20 Grad in der Nacht sind keine Seltenheit in der Takla Makan. Dazu tagelange Sandstürme, die den Himmel schwärzen und die Sonne auslöschen. "Es gibt nur die Gebeine der Toten, an denen man sich orientieren kann", klagte der Mönch Faxian Anfang des 5. Jahrhunderts. Und auch der große Forschungsreisende Sven Hedin irrte während seiner ersten Expedition, die 1893 begann, nach einem Sandsturm tagelang durch die leere Wildnis. Einer seiner Begleiter verdurstete, Hedin trank das Blut eines Hahnes und überlebte.
Im Januar 2007 wurde in der Takla Makan eine neue, einspurige Straße fertig. Über 400 Kilometer führt sie nun von Aksu nach Hotan, von Nord nach Süd. Die Querung ist Teil einer modernen Infrastruktur in Chinas Westen. Schon bald könnte sie an das Wegenetz Transport Corridor Europe Caucasus Asia anschließen und so die Städte Europas mit dem chinesischen Osten verbinden. Eine neue Seidenstraße, länger als die historische - und größtenteils asphaltiert. Bald schon werden die modernen Karawanen rollen.
In lokalen Zeitungen wird die Fertigstellung des Takla-Makan-Abschnitts bereits gefeiert. Doch anscheinend wagte sich kein Reporter weit genug in die unheimliche Gegend: Ein paar Kilometer hinter Aksu, die letzten Bäume sind vom Sand verschluckt, bricht der geteerte Teil ab. Wir fahren im Schritttempo auf Kies. Beklemmung macht sich breit, denn die Dünen werden höher. Plötzlich scheinen wir mitten in der Wüste zu sein, von Horizont zu Horizont nichts als Sand. Nur alle paar Kilometer stehen Zelte am Straßenrand, die Unterkünfte der Straßenbauer. In einem Camp halten wir. Ein paar Zelte, halb verweht, ein Plastikbecken mit schalem Wasser. Sechs Uiguren sitzen im Kreis, sie haben die Jacken schützend über die Köpfe gezogen. Der Tee, den uns der ehemalige Bauer Abdulla reicht, schmeckt salzig. Viel Zeit haben er und seine Kollegen nicht. Die Mittagspause ist fast vorbei, zu ihrem Arbeitsplatz sind es fünf Kilometer. Sie gehen zu Fuß, in sengender Sonne.
Wir sehen kaum Maschinen, dafür eine Menge Schilfgras. Bevor asphaltiert werden kann, muss der Sand gestoppt werden: Zäune aus Reet sollen ihn abhalten. 40 Kilometer Schilfzaun müssen Abdulla und seine Kollegen in sechs Monaten schaffen. Mit einer Hebelschere schneiden sie die trockenen Halme, verschnüren sie und wuchten die 50 Kilo schweren Bündel auf den Rücken. Auch Abdulla, der 63 Jahre alte mehrfache Großvater. Rund 100 Meter von der Straße entfernt, öffnet er seinen Packen, drückt die Halme in die Erde und bindet sie an horizontal gespanntem Draht fest. 600 Yuan, 60 Euro soll er dafür im Monat bekommen. "1000 waren versprochen", sagt Abdulla, "aber wir schaffen den Zeitplan nicht wegen der Sandstürme." Es koste Zeit, den Sand immer wieder von der Straße zu schippen. Manchmal schaufeln sie den ganzen Tag.
Die Männer berichten, dass sie ihr Trinkwasser selbst kaufen müssten, zum doppelten als dem üblichen Preis. Sie sehnen sich nach ihren Familien, doch sie können nicht zurück - ein Auto, das sie nach Hause bringen könnte, kostet einen Monatslohn. Wir verabschieden uns. Die Straßenarbeiter fassen unsere Hände. Abdulla, der Alte, weint. Wir sehen ihn winken. Ich weiß, dass die Männer auf unsere Hilfe hoffen. Eine Biegung, eine Düne, und sie sind verschwunden. Mir ist, als ließen wir Verdurstende zurück.
Trotzdem finde ich die Wüste wunderschön. Sie ist nicht leer. Ihre Dünen sind Skulpturen eines Meisters, der immer neue Formen erfindet und diese tanzen lässt. Ich erkenne Gesichter im Sand. Ich sehe Dünenkämme, die Tieren ähneln, glaube Häuser auszumachen. Die Straße liegt wie ein dunkler Fluss inmitten dieser Bilder. Wo keine Zäune aus Schilfgras stehen, ist sie fast versandet, beinahe wieder Düne geworden. Ohne Vierradantrieb blieben wir stecken.
Muhamads Jeep ist genau richtig. Erst recht, als wir auf eine Straßensperre treffen: Bulldozer und Raupe, quer über die Fahrbahn gestellt. Die Strecke ist trotz Fertigstellung noch im¬mer nicht freigegeben. Genutzt wird sie dennoch, zumeist sind es Kleinlastwagen voller Vieh, die den neuen Weg zwischen den Märkten von Aksu und Hotan nutzen. Eine leichte Beute für moderne Straßenräuber: Baufirmen kassieren hier illegal ab.
Und wieder haben wir das richtige Nummernschild. Muhamad steigt aus und redet mit den Posten. Wenig später rücken die Maschinen auseinander, lächelnd steigt Muhamad ein. Fast ehrfürchtig blicken die Bewacher auf uns. "Guckt etwas sportlicher", flüstert Muhamad, "ich habe ihnen gesagt, ihr seid vom Internationalen Olympischen Komitee." Noch zweimal muss der Trick funktionieren, wir kommen ohne Wüstenmaut durch.