
Chinesische Touristen vor den Sanddünden in der Wüste Gobi© Per-Anders Pettersson/Getty Images for GEO Magazine
Kurz vor Hotan ereignet sich ein weiteres Wunder: Es regnet. Muhamad ist außer sich. "Das passiert hier nur alle paar Jahre", ruft er. "Ihr seid gesegnet, lasst euch berühren." Wir steigen aus, der Regen wäscht unsere Gesichter, Muhamad tanzt. Von der Wüste weht der Geruch von Schilf, dazu das Brausen des Windes, das Wasser wie Gischt - plötzlich ist es, als wären wir am Meer. Ich schließe die Augen, um zu genießen.
Ein paar Stunden später reiße ich sie umso weiter auf, als mir ein Händler den Preis für einen sieben Kilogramm schweren Jadestein nennt. "300.000 Yuan", 28.400 Euro. Der dicke Arken Abaidulla sitzt im "Zhejiang", Hotans teuerstem Hotel. Er versinkt fast im Ledersofa der Empfangshalle, in der Hand ein ständig klingelndes Mobiltelefon: Das Hotel ist in Wahrheit eine Börse für die Schmucksteine. Immer wieder wird Abaidulla in ein Zimmer gerufen. Dort sitzen die Käufer, Chinesen zumeist, mit denen er um die Steine feilscht. Auf einem Zettel hat er die Zimmernummern der Bieter notiert, derzeit steht "Room 301" ganz oben. "Room 734", Platz zwei auf der Liste, muss mit einem besseren Angebot nachziehen. Abaidullas Telefon klingelt, der Händler verschwindet im Lift. Hotans Reichtum liegt im ausgetrockneten Bett des Ywungkax He. Vor rund zehn Jahren kamen die ersten Glückssucher hierher. Inzwischen sind es jährlich Hunderte Bauern, die auf den großen Gewinn beim "Uigurischen Casino" hoffen und nach Jade schürfen. Der heilige Stein Chinas steht in der Mythologie des Landes für Glück und Frieden. Eine der höchsten Gottheiten im Pantheon des Daoismus, der Jadekaiser, trägt seinen Namen. Überhaupt schreibt man dem Mineral wundertätige Kräfte zu: Am Halsband getragen, versichert Händler Abaidulla, sei er gut fürs Herz. Am Handgelenk halte er das Blut rein. Zu Pulver zerstampft und in Tees verrührt, gilt Jade gar als Allheilmittel. Immer wieder berichten alte Reiseschilderungen von dieser anderen Kostbarkeit, die mit den Seidenballen transportiert wurde. Die meisten Steine des Flusses sind von milchigem Weiß und kieselgroß. Doch auch in den Bergen und in der Wüste werden Preziosen gefunden. Richtige Brocken aber, wie der von Abaidulla, kommen höchstens alle paar Wochen ans Licht - dann zumeist von Baufirmen gehoben, die ihre Bagger im Ywungkax He schürfen lassen. Über dem Fluss, auf den Klippen, warten die Händler. Konzentriert lugen sie auf die Schürfer. "Wir sehen auf ihre Gesichter", sagt einer von ihnen, "hat jemand einen Fund, dann verändert sich sein Gesicht." Wenig später ist der Finder umringt von einem Schwarm Käufer.
Auch Händler Abaidulla hat seine Mittelsmänner am Fluss. "Hey", sagt er zu uns, "lasst uns ein business machen." Er sitzt wieder auf der Ledercouch des Luxushotels und breitet vor uns Steine aus. Ein paar sollen wir kaufen, ein paar aber will er uns schenken. Beziehungsweise als Muster mitgeben. "Die Europäer lieben Schmuck", ruft er. "Ihr könnt ein großes Geschäft machen. Wir könnten reich werden." Zu Zeiten der Kamel¬karawanen mögen Verhandlungen ähnlich abgelaufen sein.
Noch größer wird der Kontrast in Kaschgar, etwa 450 Kilometer nordwestlich, nur dass dieses Mal das Alte ins Neue bricht, und zwar in vollem Galopp: Reiter auf schnaubenden Schimmeln sprengen mitten durch den mehrspurigen Feierabendverkehr. Niemand nimmt Notiz. Das Schauspiel ist alltäglich, denn vor ein paar Jahren schlossen viele Uiguren ihre Höfe in den Kunlun-Bergen. Sie ließen die Tiere zurück, um sich in der Stadt zu versuchen. Nachdem manche zu Geld gekommen sind, holen sie nun die Vierbeiner nach: Es gehört zur Ehre eines echten Uiguren, sein Pferd zu Hause zu füttern. Auch in einer Stadt mit Hochhäusern und rund 300.000 Einwohnern.
Fast 2000 Jahre lang war Kaschgar, die westlichste Stadt Chinas, das Einfallstor der Reisenden aus dem Westen. Wohl an kaum einem anderen Ort mischten sich die Ethnien und Konfessionen so wie hier. Später geriet die Gegend zum geopolitischen Zentrum, hier belauerten sich die britischen und russischen Geheimdienste bei ihrem Wettlauf um die Vorherrschaft in Zentralasien. Die Konsulate beider Länder stehen noch, sie sind heute Hotels. Wir wohnen im russischen und damit im Inneren einer Torte: Die Wände sind gelb, der Stuck babyblau, die Gardinen hellrosa. Dennoch haben die Briten gesiegt - zum Frühstück gibt es gebratenen Speck statt kaltes Hühnchen.
In Kaschgar ragt auch ein gewaltiges Mao-Denkmal auf: genau 12,26 Meter hoch, nach den Daten von Maos Geburt, erzählen die Stadtführer. Zum Glück schreibt man hier den Monat vor dem Tag, sonst wäre der "Überragende Führer" noch größer geraten. Das Gesicht des Denkmals wendet sich den zwei Märkten der Stadt zu. Jenen Welten, die weder die Seidenstraße noch Mao und seine Nachfolger einen konnten: dem Markt der Uiguren mit all den wunderlichen Waren des Orients und dem Markt der Chinesen, der fast einer modernen Shoppingmall gleicht. Softeis kleckert hier aus Automaten. Auf dem uigurischen Basar dagegen gibt es Eis, dessen Wasser aus den Bergen kommt. Es wurde gefroren und dann mit Joghurt, schwarzem Honig und Nüssen gemischt - das Rezept alter Wüstenreisender.
Mit dieser Leckerei in Händen fahren wir zum Torugart-Pass. Am Grenzpunkt zu Kirgisistan ist unser Weg zu Ende. Auch der von Jewgenij, vorerst. Seit Tagen sitzt der russische Truckfahrer fest. Irgendwelche Dokumente, irgendwelche Stempel fehlen. Was genau, das weiß auch er nicht. "Beim letzten Mal stimmte die Farbe der Kopie nicht", sagt er entnervt. Wenigstens verdirbt seine Ladung nicht, ein paar Tonnen Zement. Auf der Straße reihen sich die Lastwagen in langer Schlange, zwischen Obstständen und Grillbuden liegen ganze Tieflader auf Sand, reifenlos. Darunter keuchen die Fahrer, sie ziehen die Federn nach, verstärken die Achsen. Hinter der Grenze endet der Asphalt, dann wird es holprig. Hinter der Grenze ist Kirgisistan. "Ein wunderbares Land", seufzt Jewgenij, "keine Bürokratie, nur Freunde." Jewgenij wartet schon ewig, aber er ist nicht ungeduldig. Er weiß: Irgendwann wird es weitergehen. So wie immer. Die Karawane, alter Herr Zheng, sie bleibt auf dem Weg.