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Einzigartige Bilder aus eisigen Tiefen

Kein Mensch ist je tiefer unter das Meereis der Antarktis getaucht als der Autor und Fotograf Laurent Ballesta. Mitgebracht hat er spektakuläre Einblicke in eine märchenhafte Lebenswelt.

Eisstalaktiten, die wie Tentakel aus dem Meereis ranken, sind von kurzem Bestand und ein rarer Anblick. Sie entstehen, wenn eingeschlossenes, eiskaltes Salzwasser aus dem Eis entweicht und das weniger salzige Meerwasser gefrieren lässt.

Eisstalaktiten, die wie Tentakel aus dem Meereis ranken, sind von kurzem Bestand und ein rarer Anblick. Sie entstehen, wenn eingeschlossenes, eiskaltes Salzwasser aus dem Eis entweicht und das weniger salzige Meerwasser gefrieren lässt.

Von der Forschungsstation Dumont d’Urville in der wandern wir zu dem Eisloch, das wir am Vortag gebohrt haben. Über Nacht hat sich eine dünne Eisschicht auf dem Loch gebildet, das senkrecht die drei Meter dicke Eisscholle durchstößt. Es ist gerade groß genug für einen Menschen. Darunter liegt das Meer. Noch nie sind wir durch eine so enge Öffnung ins Wasser gestiegen.

Der Fotograf Vincent Munier und ich sind auf Einladung des Filmemachers Luc Jacquet hier. Er arbeitet an der Fortsetzung seines Filmhits "Die Reise der Pinguine" von 2005. Mein Team will die Meereslebewesen unter dem dokumentieren. Wir haben vor, 36 Tage lang bis auf eine Tiefe von 70 Metern unter das Eis zu tauchen. Ich arbeite seit 30 Jahren als Tiefseefotograf. Aber diese Südpolarexpedition ist mit nichts zu vergleichen. Wir werden tiefer unter das antarktische Eis tauchen als je ein Mensch zuvor – unter extremen Bedingungen.

Tauchen in Antarktis bei -1,8 Grad

Daheim in haben wir uns zwei Jahre lang auf die Reise vorbereitet. Ich hatte Tauchstellen mit unterschiedlichen Meerestiefen ausgewählt, maximal zehn Kilometer entfernt von der französischen Forschungsstation Dumont d’Urville an der Adélieküste. Die Wassertemperatur würde bei minus 1,8 Grad Celsius liegen – Salzwasser ist auch unterhalb des Süßwassergefrierpunkts noch flüssig. Ohne Trockentauchanzüge wären wir nach zehn Minuten tot.

Unsere größte Sorge ist, dass wir uns verirren und unter dem Eis gefangen sind. Deshalb lassen wir eine leuchtend gelbe Leine in das Loch hinunter und ziehen sie beim hinter uns her. Am Ende des Tauchgangs finden wir damit zurück an die Oberfläche.

Unsere Tauchanzüge bestehen aus vier Schichten: aus warmer Unterwäsche, einem elektrisch beheizten Bodysuit, dickem Fleece und zentimeterdickem, wasserdichtem Neopren. Dazu kommen eine Kopfhaube mit Unterhaube, wasserdichte Handschuhe mit beheizter Fütterung, Schwimmflossen und 16 Kilo Gewichte. Schließlich tragen wir noch Ersatzdruckluftflaschen – und ich meine Fotoausrüstung.

Die gemächlichen Weddellrobben halten sich überwiegend in Küstennähe auf. Sie holen durch Löcher im Eis Luft. Ausgewachsen wird das Jungtier irgendwann so groß wie seine Mutter sein: drei Meter lang und eine halbe Tonne schwer.

Die gemächlichen Weddellrobben halten sich überwiegend in Küstennähe auf. Sie holen durch Löcher im Eis Luft. Ausgewachsen wird das Jungtier irgendwann so groß wie seine Mutter sein: drei Meter lang und eine halbe Tonne schwer.

Am Ende trägt jeder von uns 90 Kilo an zusätzlichem Gewicht. Es kommt uns vor, als müssten wir das Tauchen neu lernen. Jede Bewegung fällt schwer, schwimmen ist fast unmöglich. Die Kälte betäubt sofort die wenigen Quadratzentimeter ungeschützte Gesichtshaut. Im Verlauf der Exkursion dringt die Kälte immer tiefer in unsere Anzüge und Handschuhe. Wir versuchen alles, um uns von den Schmerzen abzulenken.

Über Wochen gefühllose Zehenspitzen

Endlich kriechen wir aus dem eisigen Meer. Meine Haut ist verhärtet und faltig, Lippen, Hände und Füße sind geschwollen und taub. Selbst nach vier Wochen spüre ich meine Zehen nicht mehr, auch im Warmen nicht. Es wird nach unserer Rückkehr sieben Monate dauern, bis sich meine geschädigten Nerven erholt haben.

Warum tun wir uns das an? Es ist zum einen das Licht – ein Anblick, der jeden Fotografen begeistern würde. Unter dem Meereis ist es außergewöhnlich klar, weil kaum ein Teilchen das Licht bricht. Und das wenige Licht scheint wie aus Straßenlaternen durch Risse und Robbenlöcher nach unten und taucht die Unterwasserlandschaft in einen sanften Glanz.

Und was für eine Landschaft! Organismen im Südpolarmeer leben weitgehend isoliert, seitdem sich der Antarktische Kontinent vor mehreren Dutzend Millionen Jahren von den anderen Landflächen löste und vereiste. Die lange Abgeschiedenheit hat eine einmalige Artenvielfalt am Meeresboden entstehen lassen.

In neun bis 15 Meter Tiefe liegen Tangwälder. Die Blätter der Tange sind über drei Meter lang und erzeugen eine gedämpfte, beeindruckende Stimmung. Weiter unten leben Riesenseesterne. Als Nächstes stößt man auf riesige Asselspinnen.

Unterhalb von 50 Meter Tiefe wird das Licht schwächer. Hier bedecken dichte Nesseltierteppiche und Tausende Jakobsmuscheln den Meeresboden. In dieser Tiefe stößt man auch auf Seelilien, die eng mit Seesternen verwandt sind. Zwischen ihnen kriechen und schwimmen riesige, an Käfer erinnernde antarktische Asseln.

Farbenpracht wie bei einem Korallenriff

Unsere Tauchgrenze liegt bei 70 Metern. Hier herrscht die größte Vielfalt. Wir begegnen Hornkorallen, Schalentieren, Weichkorallen, Schwämmen und kleinen Fischen. Die Farbenpracht erinnert an tropische Korallenriffe. Besonders auffällig sind die fest sitzenden, wirbellosen Lebewesen. Die pflanzenartigen Tiere sind gut an ihre stabile Umgebung angepasst. Wie werden sie mit der Erwärmung ihrer Umwelt durch den Klimawandel zurechtkommen?

30 Meter unter dem Eis winkt ein Haarstern auf der Suche nach Futterpartikeln mit seinen Armen, die Palmwedeln ähneln. Für seine Aufnahmen tauchte der französische Fotograf Laurent Ballesta bis zu 70 Meter tief.

30 Meter unter dem Eis winkt ein Haarstern auf der Suche nach Futterpartikeln mit seinen Armen, die Palmwedeln ähneln. Für seine Aufnahmen tauchte der französische Fotograf Laurent Ballesta bis zu 70 Meter tief.


Beim Aufstieg an die Oberfläche nimmt der Artenreichtum ab. Eisberge und scheuern am Meeresboden, die Meeresoberfläche friert und schmilzt je nach Jahreszeit. Mikroalgen wachsen in der Eisdecke über uns und verwandeln sie in einen prächtigen Regenbogen aus Orange, Gelb und Grün. Mein Tauchbegleiter weist mich auf eine Stelle mit winzigen, durchsichtigen Seeanemonen hin, die an der Unterseite der Eisscholle hängen.

Unter dem Polareis ist es wie auf dem Mount Everest: magisch, aber so unwirtlich, dass man sich seiner Sehnsucht sehr sicher sein muss, bevor man losfährt. Die Reise ist intensiv, unsere Arbeit so schwierig und ermüdend, dass sich das Unternehmen wie ein einziger 36 Tage dauernder Tauchgang anfühlt.


Aus dem Englischen von Sabine Schmidt

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