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Der große Zoff um Wohnraum

Mit dem Spruch "Willkommen zu Hause" wirbt die Online- Plattform für private Unterkünfte. Doch inzwischen mischen immer mehr gewerbliche Vermieter mit. Der Widerstand gegen die Sharing-Plattform wächst.

Protestschilder an einem Balkongeländer

Protestschilder gegen Touristenwohnungen an einem Balkongeländer im Strandviertel von Barcelona

Bei den letzten drei Vermittlungen lernte der Hamburger Carsten Speer* die Wohnungsbesitzer niemals kennen. Zur Schlüsselübergabe wartete in Venedig eine Rumänin auf ihn, in Berlin eine Polin und in Barcelona eine Migrantin aus Südamerika. Für sie alle war der Einweisungs-Job im Auftrag der Eigentümer in fünf Minuten erledigt. Für persönliche Tipps blieb keine Zeit. Drei unglückliche Zufälle? Kaum.

Fotos von hübschen Apartments mit persönlicher Deko und freundliche Vermietergesichter werben für die Wohnungs-Plattform Airbnb und verheißen Nähe und das intensive Eintauchen in fremde Städte und Kulturen. Doch aus der Idee, mit ungenutztem Wohnraum Geld zu verdienen, "ist ein kommerzialisiertes Produkt" geworden, sagt Dirk Schmücker von der "Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen". Immer mehr gewerbliche Anbieter sind aktiv.

Power-User in Berlin

In Berlin, mit 17 000 Wohneinheiten deutsche Airbnb-Hauptstadt, vermieten die Top-Ten-Anbieter zusammen 281 Wohnungen, wie drei Studenten der Fachhochschule Potsdam herausfanden. "Power-User Martin" etwa verwaltet 44 Wohnungen – ein "Indiz für den Missbrauch der Plattform als Gewerbeportal", lautet ein Ergebnis der Studie (www.airbnbvsberlin.de). Auffällig ist die Konzentration auf die Szenebezirke Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Neukölln, wo allein in der  Sonnenallee und der Weserstraße rund 200 Angebote auf dem Markt sind.

Stadtplan von Berlin

Die Grafik von airbnbvsberlin.de zeigt "Airbnb-Straßen" in Berlin mit über 20 Angeboten: je dunkler die Straße, umso mehr Offerten.




Für Eigentümer ist die Vermietung an Touristen viel lukrativer, als sich Langzeitmieter zu suchen. Doch unter den Anwohnern in Gegenden, in denen bezahlbare Mietwohnungen schwer zu finden sind, formiert sich Widerstand. In Barcelonas Strandviertel Barceloneta, wo ganze Häuser zu privaten Hostelburgen wurden, haben Einheimische auf ihre Balkone Transparente gehängt mit dem Spruch "Cap pis turistic" – keine Touristenwohnungen.

Bürger wehren sich gegen Airbnb

Ähnliche Proteste gab es in New York, Paris und Hamburg. Strengere Auflagen für Airbnb - u. a. maximal 75 Vermietungstage im Jahr - forderte Anfang November ein Bürgerentscheid in San Francisco, wo 2008 alles begann und jetzt zunächst glimpflich für die Online-Plattform ausging: 55 Prozent waren gegen die Begrenzung, 45 dafür.

Transparent in Barcelona

Transparent in der Barceloneta mit dem Spruch "Cap pis turistic" – keine Touristenwohnungen


Eine Umfrage des Portals deals.com ergab, dass auch 55 Prozent der Berliner gegen das kommerzielle Übernachten von Touristen in Privatquartieren sind: Die Sharing-Plattformen gefährdeten Nachbarschaften und bezahlbare Mieten. Und den Kommunen entgeht Gewerbe- und Bettensteuer. In Berlin muss der Vermieter dem Bezirksamt melden, wenn er Wohnraum an Touristen vermietet, hier kassiert die Stadt auch eine Steuer von ihm. In den USA und seit Herbst in Paris zahlt Airbnb inzwischen Bettensteuer.

Telefonnummer zur Schlüsselübergabe

Mietern indes, die ihre Wohnung ohne Erlaubnis des Vermieters über Airbnb anbieten, darf fristlos gekündigt werden. Das hat das Landgericht Berlin entschieden. In Hamburg und München spüren Fahnder illegale Vermietungen auf – wobei der Begriff schwammig ist.


So erlaubt Hamburg nun Ferien-Vermietung, sofern die vermietete Fläche weniger als die Hälfte der ganzen Wohnung ausmacht und eine Erlaubnis des Vermieters vorliegt. Kürzlich hat Airbnb auf die wachsende Kritik reagiert. Vermieter sollen bald nachweisen, dass sie ihren Erstwohnsitz vermieten, beim Eintreiben der Steuern will Airbnb nachbessern.

  Demonstration gegen Airbnb in New York: "Stop illegal hotels"

Demonstration gegen Airbnb in New York: "Stop illegal hotels"


Der Hauptwunsch der Reisenden jedenfalls, so ergab eine Umfrage der Fachhochschule Worms, sei ein günstiger Preis. "Hotels haben diese User als verlässliche Gäste verloren", konstatiert Professor Roland Conrady, "die klassische Hotellerie muss dringend Strategien für diese Bedrohungslage entwickeln." Derweil haben Kunden von Airbnb keine Chance, beim Buchen den netten Typen in Brooklyn von einem Miethai zu unterscheiden. Die Handynummer zur Schlüsselübergabe gibt es erst kurz vorher. 

*Name von der Redaktion geändert

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