Als legendärer Windjammer segelt die "Alexander von Humboldt" über die Weltmeere - und durch die Bierwerbung. Ihr Markenzeichen: die grünen Segel. Damit soll bald Schluss sein - der Eigner will 2011 ein neues Schiff bauen lassen. Eine womöglich letzte Fahrt auf einer maritimen Rarität. Von Stefanie Zenke

Werber-Romantik unter grünen Segeln: "Sail away - dream your dreams"© Maurizio Gambarini/DPA
Mit voller Kraft wirft die "Alexander von Humboldt" ihren Bug ins Wasser. Das Segelschiff rauscht mit acht Knoten gen Gran Canaria. Alle 25 Segel sind gesetzt, Sonnenstrahlen tanzen auf den meterhohen Wellen. Der Wind bläst kräftig aus Nord-Nord-Ost. Was kitschig klingt, sind Traumbedingungen für Segler.
Grüne Segel und grüner Rumpf - wer dieses Schiff sieht, denkt unweigerlich an Bier. Und an braun gebrannte Menschen, die sich kopfüber in azurblaues Wasser stürzen, um sich anschließend mit einem kühlen Bier zu stärken, das die "Alex" erst bekannt gemacht hat. Die Realität an Bord sieht jedoch anders aus: Das Reißen an den Tampen sorgt für dicke Schwielen an den Händen, die Augenringe zeugen von Schlafdefizit, denn: Der ständige Wachwechsel gönnt den Törnteilnehmern selten sechs Stunden Schlaf am Stück. Und: Alkohol ist während der Wache tabu.
"Klar beim Großtopp Brassen!" schreit Topps-Matrose Oliver gegen den Wind an. Er ist die rechte Hand des Steuermanns. Klar bei was? Seine Wache, drei Matrosen und neun so genannte Trainees, die Mitsegler, huscht über das Deck - auf der Suche nach dem richtigen Tau. Keine einfache Aufgabe, gibt es doch 236 davon an Bord der "Alex" - in der Sprache der Seeleute heißen sie Tampen. Größtes Problem: Welcher Tampen ist für welches Segel? Segel aufgeien (Segel wegnehmen), das Großtopp vierkant brassen (Segel in den Wind drehen) - die Verwirrung ist groß. Oliver will der Gruppe Mut machen: "In ein paar Tagen habt ihr das drauf, da wisst ihr, wo ihr anpacken müsst, keine Sorge."
Die schönste Sache der Welt: Sie macht nicht nur Anfänger hoch in den Wanten seekrank. An der Reling herrscht kurz nach dem Ablegen dichtes Gedränge. "Das schöne Rotkraut", sagt Iris, und guckt ihrem Mittagessen hinterher. Sie fährt ihren ersten Törn auf der "Alex". Neben ihr steht Sven, etwas blass um die Nase und holt tief Luft: "Ich frag mich in den ersten Tagen immer wieder, warum ich mir das hier antue." Ist die Seekrankheit erst einmal überstanden, dann, so Sven: "Ist es nur noch spitze." Matrose "Schmiddi", ein grauhaariger Mann Ende sechzig, verbringt jede freie Minute auf der Bark: "Ich fiebere von einem Törn zum nächsten. Wir nennen es an Bord das grüne Virus - irgendwann erwischt es jeden."
Klingt pathetisch. Doch wenn 1035 Quadratmeter grüne Segel das Schiff zum Windjammer krönen und die alte Lady sich geschmeidig durch die grobe See schiebt, weiß man, dass es stimmt. "Hier kann ich richtig abschalten, kann mich körperlich verausgaben", sagt Jana aus Bremen. Die Informatikerin kennt nur Urlaub an Bord der "Alex": "Am Strand liegen ist nichts für mich", so die 27-Jährige.
Etwa 430.000 Seemeilen hat die "Alex", deren Tage mittlerweile gezählt sind, in ihrem Schiffsleben bislang zurückgelegt. Anlässlich ihres 100. Geburtstages vor drei Jahren sogar mit Kurs auf und um das berühmt-berüchtigte Kap Hoorn. Kapitäne, Steuerleute, Matrosen und Maschinisten - die Stammbesatzung des Windjammers, eine Gruppe von etwa 800 Leuten, bringt ehrenamtlich anderen in ihrer Freizeit Segeln auf dem Rahsegler bei. Als Trainee kann jeder mitfahren, ganz ohne Segelkenntnisse. Körperlich fit sollte man sein und zwischen 16 und 70 Jahre alt. Die Deutsche Stiftung Sail Training (DSST) in Bremerhaven, der der Dreimaster gehört, hat es sich allerdings zur Aufgabe gemacht, bevorzugt Jugendlichen das Erlebnis auf hoher See zu ermöglichen. Sie sollen lernen, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.