. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
4. Juli 2009, 17:39 Uhr
Schriftgröße: A A A

Authentizität und Spitzenhäubchen

In amerikanischen Jamesport rollen Kutschen die Landstrasse entlang. Männer mit langen Bärten geben ihren Pferden die Sporen. Frauen mit Hauben halten einen Schwatz auf der Hauptstrasse. Ein Filmdreh oder Themenpark? Nein. Ein Besuch bei den Amischen. Von Jessica Braun

Amisch, Amische, Jamesport, Missouri

Bilden die Mehrheit in Jamesport: Amische und Mennoniten© Jessica Braun

Natürlich könne mir Deutsch schwätze!" David Yoder zwinkert gutgelaunt. Ein wenig sieht er dabei aus wie Bashful - der Zwerg aus Walt Disneys Märchenverfilmung, der eine heimliche Schwäche für Schneewittchen hat. Das liegt zum einen an seinem Bart - David Yoder ist Amisch - aber auch an seinen blauen Augen, die fast die gleiche märchenhafte Farbe haben wie seine Hosenträger und an dem altmodischen Strohhut.

In Jamesport, einem Dorf im US-Bundesstaat Missouri, fällt er mit seiner Kluft nicht auf. Tatsächlich sind die Amischen, eine Glaubensgemeinschaft mit schweizerischen und deutschen Wurzeln, in Jamesport sogar in der Überzahl. Auch wenn sie offiziell nicht als Einwohner gelten: 1500 Menschen gehören zu ihrer Gemeinde. Das sind dreimal mehr Menschen als in Jamesport leben. Wie David Yoder besitzen auch die anderen Amischen große Teile des Farmlandes. Sie versorgen mit ihren Handwerksbetrieben nicht nur die Läden im Ortskern - eine Kreuzung, die sich scheinbar kaum verändert hat, seit der Revolverheld Jesse James Missouri unsicher machte - sondern auch Händler überall in den USA. Und sie sind wie in anderen Bundesstaaten auch eine gute Einnahmequelle für die Region. Weil dort, wo Amische der alten Ordnung leben, die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Etwas, das Touristen gefällt.

"Wollt ihr meine Pferde sehen?" Wie die meisten Amischen in der Gegend ist der Kutschenbauer David Yoder es gewohnt, dass Touristen auf seinem Hof aufkreuzen. Fotografieren will er sich nicht lassen - das wäre Hochmut. Aber seinen Besitz - Werkstatt, Scheune, Pferdekoppel - zeigt er mit der Routine eines professionellen Fremdenführers. Und auch die Fragen zu einem Lebensstil, an dem sich seit der Emigration großer Teile der Gemeinschaft in die USA im 18. Jahrhundert scheinbar wenig geändert hat, beantwortet er gerne. Für deutsche Besucher auch in dem den Amischen eigenen Dialekt Pennsylvaniadeutsch, einer Mischung aus pfälzischer Mundart und englischen Sprenkeln.

Hosenträger und Hufgeklapper

Bereits im Jahr 1683 hatte der Brite William Penn, Gründer der Kolonie Pennsylvania, verfolgte Glaubensgruppen dazu aufgerufen, nach Pennsylvania auszuwandern. Der Sohn eines Admirals hatte eine Vision: In seiner Kolonie sollten Siedler und Indianer als Landbesitzer friedlich nebeneinander leben und ihrem jeweiligen Glauben treu bleiben dürfen. Der Ruf erreichte auch die Amischen, eine christlich-fundamentalistische Gruppe, die es in ihrer Heimat Europa zunehmend schwerer hatte. Bis heute lebt ein Großteil der über 200.000 US-amerikanischen Amischen in Pennsylvania. Dort, wo 1985 auch der Kinofilm "Der einzige Zeuge" mit Harrison Ford gedreht wurde. Die idyllischen Bilder des Films, die Szenen vom Farmleben und Aufnahmen von Ford in typischer Amischen-Kluft sind sicher mit Schuld daran, dass es immer wieder Reisende nach Jamesport verschlägt.

Eine Kreuzung mit vier Gebäuden in jeder Richtung, drei Restaurants, ein Haushaltswarengeschäft und mehrere Einrichtungsläden, eingebettet in eine hügelige Landschaft mit vielen Flüssen und Seen - nach zehn Minuten kennt man den Ort. Und der Ort kennt einen. "So you just made it over the creek, huh?" ist die Standardfrage, mit der man hier im Mittleren Westen begrüßt wird. Die Metropole Kansas City liegt fast zwei Stunden mit dem Auto entfernt. Für die meisten Amischen eine kleine Weltreise: Wer sich nur mit Kutschen fortbewegt, hat einen eingeschränkten Radius.

Das Klapp-Klapp-Klapp der Hufe ist von früh morgens bis spät abends zu hören und die Kutschen versetzen einen bei ihrem Anblick sofort zurück in die gute alte Zeit. Ähnlich ist es mit den Trachten: Die Männer in den Kutschen tragen steife Filz- oder Strohhüte und Hosen, wie man sie aus Western kennt. Die Frauen kleiden sich mit Hauben und schmucklosen langen Kleidern in Pastellfarben. Die Regeln der Amischen in Jamesport sind streng und für Außenstehende nicht immer zu verstehen. Wie sehr sich eine Gemeinde vom modernen Leben distanziert, hängt davon ab, ob sie sich zur alten Ordnung zählt oder nicht - Amisch zu sein heißt nicht zwingend, kein Auto fahren zu dürfen.

Das versteckte Handy

In Jamesport ist Elektrizität im Haus verboten. Ein mit Gas betriebener Kühlschrank oder ein Akkuschrauber sind erlaubt. Fahrräder dürfen nicht benutzt werden, aber es kann schon passieren, dass man einen Amischen auf dem Tretroller oder mit Rollerblades sieht. Darüber, was sich ziemt und was nicht, entscheiden die Bischöfe. Als sich 1953 mehrere Familien in Jamesport ansiedelten, brachten sie gleich einen mit.

"Tu das weg!" Mary Beechy scheucht ihren Mann durch das Wohnzimmer, damit er das Handy auf dem Couchtisch unter einer Zeitung versteckt. Das Wohnzimmer sieht aus wie das vieler anderer amerikanischer Familien: große Sofas, geblümte Kissen und Vorhänge, Nippes. Allerdings kein Fernseher. Und auch die beiden passen in ihrer Kluft nicht richtig ins Bild. Die Beechys, die ihren gut gehenden Lebensmittelladen mittlerweile den Kindern überschrieben haben, gehören zu den liberal denkenden Familien im Ort. Sie sind sich bewusst, dass ihre Art zu leben nicht die einzig wahre sein muss und verschließen sich dem Leben der "Englischen" - so nennen die Amischen alle Nicht-Amischen - nicht rigoros. Wohl wissend, dass sie mit einem Handy im Haus die Regeln übertreten. Zwar hat jede Familie ein Telefonhäuschen auf ihrem Grundstück, aber im Haus sind Telefone verboten.

Bei den Gesetzen der Amischen geht es vor allem um eines: den Zusammenhalt der Gemeinde. Darum, nah beieinander zu leben und sich gegenseitig zu unterstützen. Also sich lieber zu treffen, als anzurufen. Nicht mit dem Auto durch die Weltgeschichte zu gondeln, sondern bei Haus und Familie zu bleiben. Und eben kein Ferienhaus mit Pool in Kalifornien zu haben. Die Beechys mussten ihres auf Anweisung des Bischofs verkaufen.

Das Wetter in Kansas City
Symbol: Sonnig Heute: 13° C
Symbol: Regenschauer Morgen: 12° C
Symbol: Regenschauer Montag: 12° C
Symbol: Wolkig Dienstag: 8° C
Zum Wetterangebot
  zurück
1 2
KOMMENTARE (3 von 3)
 
DarkSpir (05.07.2009, 11:06 Uhr)
@spamonmass
Im Prinzip schon denke ich. Weisst du, ich glaube gar nicht an Gott, betrachte mich selbst als Atheisten. Aber zu mir hat mal jemand gesagt, dass ich ein guter Christ bin, lediglich ein schlechter Kirchgänger.
Zugegeben, das war eher scherzhaft gemeint, aber es hat den Kern getroffen. Die Amish mögen seltsame Regeln haben und ob das erstrebenswert ist, auf menschlicher oder auf kirchlicher Basis, sei mal dahin gestellt. Aber: Ihre Art miteinander umzugehen, aufeinander zu achten und sich gegenseitig zu helfen... das ist wirklich erstrebens- und bewundernswert meiner Meinung nach.
Ich habe das mit dem Christsein nachgesagt bekommen, weil ich mich als Pfadfinder engagiere und hilfsbereit zu anderen Leuten bin. Ich denke, dafür brauchts keinen Glauben an Gott, das sollte in jeder Gesellschaft selbstverständlich sein.
spamonmass (04.07.2009, 21:08 Uhr)
jaja...
Die Gingerichs waren ursprünglich auch Amische. [...]Nun sind sie Mennoiten.
Tausend Wege führen nach Rom, ob nun Moslim, Hindu, katholischer-, evangelischer- und was auch immer Christ. Alle kommen sie in den Himmel. Also glaube ich das, was mir das irdische Leben einfacher macht, oder wie?!
GordonBleu (04.07.2009, 18:09 Uhr)
weird al
http://www.youtube.com/watch?v=xo74Dn7W_pA
MEHR ZUM ARTIKEL
Reiseziel Vereinigte Staaten Wie USA-Urlauber jetzt Geld sparen

Dank Barack Obama wollen wieder mehr Deutsche in die Vereinigten Staaten reisen. Das positive Image des Präsidenten beflügelt den USA-Tourismus, doch durch die weltweite Rezession bleibt der große Ansturm aus. Mit günstigen Preisen werden jetzt verstärkt Gäste aus Europa angelockt. mehr...

Neue Einreisebestimmungen Via Internet in die USA

Wer ab dem 12. Januar ohne Visum in die USA fliegen möchte, für den gelten geänderte Einreisebestimmungen: Besucher müssen sich vorher auf einer Webseite des Department of Homeland Security registrieren. Mit der elektronischen Erfassung lösen die USA das bisherige System ab, das noch auf Papierformularen beruhte. mehr...

Extra Traumziel USA

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind eins der klassischen Traum-Reiseziele - auch wenn in den vergangenen Jahren immer weniger Touristen kamen. Die Branche hofft auf den Obama-Faktor. Die Erfolge im letzten Jahr - 50 Prozent mehr Deutsche als noch 2003 - lassen sich auch auf den günstigen Dollarkurs zurückführen. mehr...

 
 
 
Aktuelle Extras
 
Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...