In amerikanischen Jamesport rollen Kutschen die Landstrasse entlang. Männer mit langen Bärten geben ihren Pferden die Sporen. Frauen mit Hauben halten einen Schwatz auf der Hauptstrasse. Ein Filmdreh oder Themenpark? Nein. Ein Besuch bei den Amischen. Von Jessica Braun

Bilden die Mehrheit in Jamesport: Amische und Mennoniten© Jessica Braun
Natürlich könne mir Deutsch schwätze!" David Yoder zwinkert gutgelaunt. Ein wenig sieht er dabei aus wie Bashful - der Zwerg aus Walt Disneys Märchenverfilmung, der eine heimliche Schwäche für Schneewittchen hat. Das liegt zum einen an seinem Bart - David Yoder ist Amisch - aber auch an seinen blauen Augen, die fast die gleiche märchenhafte Farbe haben wie seine Hosenträger und an dem altmodischen Strohhut.
In Jamesport, einem Dorf im US-Bundesstaat Missouri, fällt er mit seiner Kluft nicht auf. Tatsächlich sind die Amischen, eine Glaubensgemeinschaft mit schweizerischen und deutschen Wurzeln, in Jamesport sogar in der Überzahl. Auch wenn sie offiziell nicht als Einwohner gelten: 1500 Menschen gehören zu ihrer Gemeinde. Das sind dreimal mehr Menschen als in Jamesport leben. Wie David Yoder besitzen auch die anderen Amischen große Teile des Farmlandes. Sie versorgen mit ihren Handwerksbetrieben nicht nur die Läden im Ortskern - eine Kreuzung, die sich scheinbar kaum verändert hat, seit der Revolverheld Jesse James Missouri unsicher machte - sondern auch Händler überall in den USA. Und sie sind wie in anderen Bundesstaaten auch eine gute Einnahmequelle für die Region. Weil dort, wo Amische der alten Ordnung leben, die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Etwas, das Touristen gefällt.
"Wollt ihr meine Pferde sehen?" Wie die meisten Amischen in der Gegend ist der Kutschenbauer David Yoder es gewohnt, dass Touristen auf seinem Hof aufkreuzen. Fotografieren will er sich nicht lassen - das wäre Hochmut. Aber seinen Besitz - Werkstatt, Scheune, Pferdekoppel - zeigt er mit der Routine eines professionellen Fremdenführers. Und auch die Fragen zu einem Lebensstil, an dem sich seit der Emigration großer Teile der Gemeinschaft in die USA im 18. Jahrhundert scheinbar wenig geändert hat, beantwortet er gerne. Für deutsche Besucher auch in dem den Amischen eigenen Dialekt Pennsylvaniadeutsch, einer Mischung aus pfälzischer Mundart und englischen Sprenkeln.
Bereits im Jahr 1683 hatte der Brite William Penn, Gründer der Kolonie Pennsylvania, verfolgte Glaubensgruppen dazu aufgerufen, nach Pennsylvania auszuwandern. Der Sohn eines Admirals hatte eine Vision: In seiner Kolonie sollten Siedler und Indianer als Landbesitzer friedlich nebeneinander leben und ihrem jeweiligen Glauben treu bleiben dürfen. Der Ruf erreichte auch die Amischen, eine christlich-fundamentalistische Gruppe, die es in ihrer Heimat Europa zunehmend schwerer hatte. Bis heute lebt ein Großteil der über 200.000 US-amerikanischen Amischen in Pennsylvania. Dort, wo 1985 auch der Kinofilm "Der einzige Zeuge" mit Harrison Ford gedreht wurde. Die idyllischen Bilder des Films, die Szenen vom Farmleben und Aufnahmen von Ford in typischer Amischen-Kluft sind sicher mit Schuld daran, dass es immer wieder Reisende nach Jamesport verschlägt.
Eine Kreuzung mit vier Gebäuden in jeder Richtung, drei Restaurants, ein Haushaltswarengeschäft und mehrere Einrichtungsläden, eingebettet in eine hügelige Landschaft mit vielen Flüssen und Seen - nach zehn Minuten kennt man den Ort. Und der Ort kennt einen. "So you just made it over the creek, huh?" ist die Standardfrage, mit der man hier im Mittleren Westen begrüßt wird. Die Metropole Kansas City liegt fast zwei Stunden mit dem Auto entfernt. Für die meisten Amischen eine kleine Weltreise: Wer sich nur mit Kutschen fortbewegt, hat einen eingeschränkten Radius.
Das Klapp-Klapp-Klapp der Hufe ist von früh morgens bis spät abends zu hören und die Kutschen versetzen einen bei ihrem Anblick sofort zurück in die gute alte Zeit. Ähnlich ist es mit den Trachten: Die Männer in den Kutschen tragen steife Filz- oder Strohhüte und Hosen, wie man sie aus Western kennt. Die Frauen kleiden sich mit Hauben und schmucklosen langen Kleidern in Pastellfarben. Die Regeln der Amischen in Jamesport sind streng und für Außenstehende nicht immer zu verstehen. Wie sehr sich eine Gemeinde vom modernen Leben distanziert, hängt davon ab, ob sie sich zur alten Ordnung zählt oder nicht - Amisch zu sein heißt nicht zwingend, kein Auto fahren zu dürfen.
In Jamesport ist Elektrizität im Haus verboten. Ein mit Gas betriebener Kühlschrank oder ein Akkuschrauber sind erlaubt. Fahrräder dürfen nicht benutzt werden, aber es kann schon passieren, dass man einen Amischen auf dem Tretroller oder mit Rollerblades sieht. Darüber, was sich ziemt und was nicht, entscheiden die Bischöfe. Als sich 1953 mehrere Familien in Jamesport ansiedelten, brachten sie gleich einen mit.
"Tu das weg!" Mary Beechy scheucht ihren Mann durch das Wohnzimmer, damit er das Handy auf dem Couchtisch unter einer Zeitung versteckt. Das Wohnzimmer sieht aus wie das vieler anderer amerikanischer Familien: große Sofas, geblümte Kissen und Vorhänge, Nippes. Allerdings kein Fernseher. Und auch die beiden passen in ihrer Kluft nicht richtig ins Bild. Die Beechys, die ihren gut gehenden Lebensmittelladen mittlerweile den Kindern überschrieben haben, gehören zu den liberal denkenden Familien im Ort. Sie sind sich bewusst, dass ihre Art zu leben nicht die einzig wahre sein muss und verschließen sich dem Leben der "Englischen" - so nennen die Amischen alle Nicht-Amischen - nicht rigoros. Wohl wissend, dass sie mit einem Handy im Haus die Regeln übertreten. Zwar hat jede Familie ein Telefonhäuschen auf ihrem Grundstück, aber im Haus sind Telefone verboten.
Bei den Gesetzen der Amischen geht es vor allem um eines: den Zusammenhalt der Gemeinde. Darum, nah beieinander zu leben und sich gegenseitig zu unterstützen. Also sich lieber zu treffen, als anzurufen. Nicht mit dem Auto durch die Weltgeschichte zu gondeln, sondern bei Haus und Familie zu bleiben. Und eben kein Ferienhaus mit Pool in Kalifornien zu haben. Die Beechys mussten ihres auf Anweisung des Bischofs verkaufen.