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Neuer Schwung in Buenos Aires

Die Wirtschaftskrise ist überwunden, Stolz und Lebenslust sind zurückgekehrt. Nirgendwo ist das Ursprüngliche der argentinischen Hauptstadt für Besucher besser zu erleben als in Palermo Viejo, dem Herzstück der Metropole.

Alvaro ist in Höchstform. Er steht hinter dem Tresen der Bar Malasartes, zapft Quilmes-Bier in geeiste Gläser, hält die Kellner auf Trab und erklärt nebenbei, was es mit dem Trubel vor der Tür auf sich hat. Dort, auf der Plaza Cortázar, beginnt lautstark, was eine lange Samstagnacht werden wird. Die Tische in den Straßencafés sind voll besetzt, zwei Bandoneon-Spieler beschallen den Platz mit Tango, unter den Bäumen turteln Pärchen. Die heiße Luft ist parfümiert mit Akazienduft und Holzkohlerauch, fliegende Händler schwatzen den Frauen Ohrringe auf, aus Taxis quellen hungrige Großfamilien auf der Suche nach einem guten Stück Fleisch. "Die Leute gieren nach Leben, wollen die verlorene Zeit nachholen", ruft Alvaro. Buenos Aires ist zurück. Drei Jahre nach der schwersten Wirtschaftskrise in der Geschichte des Landes ist die argentinische Hauptstadt aus der Schockstarre erwacht. Wo im Dezember 2001 Hunderttausende frustrierte Bürger auf ihre Kochtöpfe eindroschen, dass die Fensterscheiben im Präsidentenpalast klirrten, wo nach dem Bankencrash kaum noch Geld da war, um Miete und Essen zu zahlen, wo sich lähmende Verzweiflung breit machte, brummt Buenos Aires wieder. Zwar ist der auf Kredit finanzierte Reichtum der fetten Jahre unwiederbringlich verloren, aber die Porteños, die Hafenbewohner, wie die Einwohner der Hauptstadt heißen, haben ihren Stolz und ihre Lebenslust wiedergefunden.

"Das Schlimmste war die Demütigung", sagt Alvaro, 36. "Wir waren immer sehr stolz auf unser Land." Und dann erklärt er die Brühwürfel-Theorie: Buenos Aires trägt konzentriert das Beste aus all seinen europäischen Zutaten in sich. Von Frankreich habe es die Prachtboulevards, von den Italienern die gute Küche und den Familiensinn, die Nachfahren der spanischen Einwanderer pflegten in unzähligen Eckkneipen die Gastlichkeit. Und wer die Parks und akkurat gepflegten Rasen sehe, der müsse doch zugeben, dass die nur von Engländern angelegt worden sein können, sagt Alvaro. Doch das sei nun Geschichte. "Wir waren ganz oben, dann ganz unten. Jetzt endlich geht es mit neuem Schwung nach vorn." Wenn Buenos Aires vor neuer Lebenslust bebt, dann befindet sich das Epizentrum in Palermo Viejo, mit der Plaza Cortázar als Herzstück. Das Viertel, vor fünf Jahren noch beschaulich verschlafen, liegt eingekuschelt wie ein Dorf im Häusermeer des Zwölf-Millionen-Molochs. Heute findet sich in den Altstadthäusern die größte Dichte an Boutiquen, Restaurants und Galerien südlich des Äquators, erzählen Stadtführer gern. Dennoch hat sich das Quartier seinen Charme bewahrt. Man kennt sich, pflegt gute Nachbarschaft und zitiert bei jeder Gelegenheit Jorge Luís Borges, Argentiniens berühmtesten Schriftsteller, der hier seine Kindheit verbrachte: "In Palermo lebt die Stadt fort, die einst war."

Wer das ursprüngliche Buenos Aires in Palermo finden will, steht am besten früh auf. Wenn die Mädchen aus den Modeboutiquen unter Getöse die Metalljalousien vor den Schaufenstern hochziehen, wenn die letzten Nachtschwärmer unter lila blühenden Jacaranda-Bäumen Schmalzgebäck in den ersten Kaffee stippen, vergisst man, dass nur ein paar Straßen weiter der morgendliche Großstadtverkehr dröhnt. Auf der Plaza Armenia umjagen Dutzende Hunde die Spaziergänger, während Pablo und Facundo, zwei professionelle Hundeausführer, ihren Mate-Tee durch die bombilla, ein Silberröhrchen, aus dem traditionellen Kürbisgefäß schlürfen. "Wollt ihr mal probieren?", fragen sie und sehen amüsiert in verzogene Gesichter: Mate ist bitter, sehr bitter, wenn man ihn nicht als Beuteltee zubereitet.

Vor einer Reifenhandlung wienern Taxifahrer ihre schwarzgelben Autos, man plaudert über das Wetter, aus den Radios dudelt der Morgenfunk. Im Pastageschäft Genua in der Calle Thames walken um neun Uhr morgens 100 Jahre alte Maschinen den Teig für die mittäglichen Ravioli, Chef Guillermo püriert Kürbis für die Füllung. An der Ecke Honduras und Gurruchaga läuft man kurzfristig Blumenslalom, weil der Lieferant für den Edelladen "La mejor flor" seine Ware auf dem Gehsteig abstellt. Auch der Kaffeemann El Turco, der die Nachbarschaft beliefert, findet seinen Einkaufswagen voll Thermoskannen plötzlich eingekeilt zwischen Eimern mit hüfthohen Lilien, Mimosen und Rittersporn wieder. Er sagt: "Was ist das, ein neuer Botanischer Garten?" Um 1600 erwarb der Kaufmann Juan Domínguez Palermo Land vor den Toren von Buenos Aires. Aber erst die Tram- und Eisenbahnlinien, die 1897 den Vorort an die Stadt banden, brachten den Aufschwung. Entlang den Schienen entstanden Werkstätten und Kleinindustrie, die Tausenden Einwanderern Arbeit gab. Vier, fünf Familien lebten damals eng gedrängt in den niedrigen Häusern mit Dachterrasse und Patio. Dass man heute beim Bummeln einen Blick in viele der Altbauten werfen kann, ist Menschen wie Nadine Zlotogora zu verdanken. Ein ganzes Jahr hat die Modemacherin eines der alten Häuser renoviert, hat das Steinmosaik restauriert, die dunklen Dielen ausgebessert, den Stuck neu gestrichen. In den Hinterzimmern entwirft, näht und färbt sie ihre neoromantische Mode, vorn verkauft sie die Tüll- und Samt-Kreationen. Dass einige nur wegen ihres Ladens kommen, gefällt Nadine. "Besser, als wenn die Leute ins Museum gehen. Bei mir sehen sie, wie die Arbeiter in Argentiniens goldenem Zeitalter lebten."

Eines der schönsten Lädchen an der kopfsteingepflasterten Calle Gurruchaga gehört Martín Sabater. Schon auf der Straße riecht man die edlen Seifenstücke, die der 29-Jährige wochentags auf einer schrundigen Arbeitsplatte zurechtschneidet. Die Wände schmückt eine liebevoll angeordnete Collage aus alten Reklamen, Familienfotos, Zeitungsausschnitten. Am Sonntagmorgen überlässt Martín sein Geschäft einer Aushilfe, er selbst sitzt bei "Freud & Fahler" gegenüber und sieht aus, als gehörte er in eine heiße Badewanne. Eine mit ordentlich viel Schaum aus den Seifenblütenblättern mit Ingwerduft, die der Verkaufsschlager des Seifenhändlers sind. "Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte", brummt er. "Es war spät gestern, wir waren schon auf dem Weg nach Hause, hatten bei Jesœs draußen auf der Terrasse ein Steak gegessen und Wein getrunken. Da winken uns auf einmal diese Mädchen im Straßencafé zu sich rüber." Viele Flaschen Wein und einige verliebte Worte später ging über dem Rio de la Plata die Sonne auf. "Es klingt komisch, aber für viele von uns hier im Viertel war die Krise eine Chance", sagt Martín, einen Grapefruitsaft und zwei Aspirin vor sich. Wie fast alle Ladenbesitzer hier machte auch er sich selbstständig, als das Land den Bankrott längst erklärt hatte. "Erst als Import-Design unerschwinglich wurde, entdeckten modebewusste Argentinier die nationalen Marken für sich", sagt Martín. Und erst als der Würgegriff der Dollar-Peso-Bindung gelöst war und sich der Wechselkurs stabilisierte, kamen die Touristen, die in Buenos Aires seitdem europäische Qualität zu südamerikanischen Preisen kaufen. Die notgedrungene Häuslichkeit der Argentinier treibt aber auch Stilblüten: Wenn wir uns das Reisen nicht mehr leisten können, simulieren wir zu Hause weite Welt, mögen sich die Marketingstrategen gedacht haben, die Palermo zu Werbezwecken einen neuen Namen aufzwingen wollen: Diesseits der Bahnlinien soll es jetzt Palermo Soho heißen, jenseits Palermo Hollywood.

Martín, der das Handwerk des Seifensieders von seinem Vater gelernt hat, sieht den Hype gelassen. "Wichtig ist nur, dass es vorangeht. Vor zwei Jahren hat hier niemand geglaubt, dass es uns jemals wieder gut gehen wird." Vorbei schien die Zeit, in der sich die Argentinier leisten konnten, was die Lebensqualität in der Megalopolis Buenos Aires ausmachte: ausgedehnte Essen mit der Großfamilie, Besuche im Theater, von denen es in Buenos Aires mehr gibt als sonstwo in der spanischsprachigen Welt. Der nächtliche Bummel durch die berühmten Buchläden der Avenida Corrientes, die langen Nachmittage bei Mate und Alfajores, dem mit Karamellcreme gefüllten Nationalgebäck, alles schien passé. Selbst die Ränge der Sportstadien waren oft halb leer, wo doch die Fußballbegeisterung der Kitt ist, der die Gesellschaft des Landes zusammenhält. Die Argentinier stammen nicht vom Affen ab, sondern von Schiffen, heißt es. Und wo jede Einwanderergruppe ihren eigenen Glauben beibehielt, wo die Leute zu den jeweiligen Feiertagen orthodoxe Zwiebelturmkirchen, Synagogen, Kathedralen und Moscheen besuchen, funktioniert Religion als gemeinsamer Nenner nicht - Fußball schon. Ein ähnlich entschiedenes Verhältnis wie zum Fußball haben Argentinier zum Fleisch: Sie lieben es. 67 Kilo pro Kopf und Jahr verdrückt der Durchschnittsmensch im Pampaland. Und auch wenn die jungen argentinischen Spitzenköche heute die besten Filetstücke gern in reduzierten Saucen und Kräutermänteln servieren, essen die meisten Einheimischen ihr Bife de lomo am liebsten pur, höchstens mit einem Salat als Beigabe.

Im Club Eros in der Calle Uriarte sieht es noch so aus wie vor mehr als 60 Jahren, als er 1941 als Nachbarschaftsverein der italienischen Einwanderer gegründet wurde. Wie einst wird hier nachmittags auf schwarzweißem Kachelboden Tango getanzt, die Kinder bolzen, alte Männer spielen Domino. Höhepunkt eines jeden Wochenendes ist jedoch das sonntägliche Mittagessen, das gegen halb vier beginnt und bis in den Abend dauert. Dazu versammeln sich Clubmitglieder, Stammgäste und junge Kreative aus der Nachbarschaft - der Club ist ein Tipp. Eine Karte gibt es nicht, Kellner schleppen vom Bife de lomo (Filetsteak), über Asado de tira (Rippchen) bis zu den gewöhnungsbedürftigen Chinchulines (Dünndärme vom Milchkalb) Fleisch satt an die Tische. An einem treffen wir Alvaro wieder, der sich nach der langen Nacht statt Frühstück gleich eine Schlachtplatte gönnt. Wie sich herausstellt, ist er seit Geburt Mitglied, seine Eltern haben sich im Club kennen gelernt. "Das hier ist ein guter Ort, um sich ab und an zu erden", erzählt er beim Cognac. So gut die Geschäfte in Palermo derzeit auch gingen: In Argentinien sei kein Aufschwung je von Dauer gewesen, die nächste Wirtschaftskrise komme bestimmt. Dann sei es wichtig, einen Rückzugsort wie den Club Eros zu haben. Bis dahin", sagt er, "sollte man das Leben natürlich kräftig genießen."

Ulrike Putz/print
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