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Wellness auf den Wetterinseln

Man kennt die Azoren aus der Wettervorhersage, doch die portugiesische Inselgruppe hat weit mehr zu bieten: Etliche Mineralquellen locken zum Kur- und Wellnessurlaub.

Von Andreas Srenk

Dirk Petersens Weg zur Arbeit ist einer der schöneren in Europa. Morgens gegen neun durchquert er zunächst die Korridore des "Terra Nostra"-Hotels, geht weiter durch den blumenbewachsenen Garten des gleichnamigen Parks. Vorbei am größten Thermalbecken der Welt mit einem Durchmesser von 70 Metern, eilt er die Treppen der weißen herrschaftlichen Villa "Casa do Parque" empor. Die Villa wurde 1854 vom Parkbesitzer Visconde da Praia gebaut und vor einigen Jahren vom deutschen Arzt für chinesische Medizin gemietet.

Hier auf den Azoren im Örtchen Furnas, wo schon Mark Twain kurte, behandelt er mit seiner Frau Barbara, einer Pharmazietechnikerin und Chiropraktikerin, seine internationalen Patienten. Und zwar auf die etwas andere Art. Dirk Petersen hat chinesische Medizin in Taiwan studiert und als "Doctor of Chinese Medicine" abgeschlossen. Das heißt aber nicht, dass er die westliche Medizin als Apparate-Medizin ablehnt.

"Mich hat immer die Kombination von westlicher und traditioneller chinesischer Medizin fasziniert", beschreibt er seinen heilkundlichen Ansatz. "Deshalb habe ich zusammen mit meiner Frau seit 1991 die 'Slevoyre-Kur' entwickelt, die als eines der kürzesten, intensivsten und umfassendsten Regenerationssysteme im manchmal etwas unüber- sichtlichen Markt der Kur- und Wellnessangebote gilt."

Kombination aus Urlaub, Wellness und Kur

"Slevoyre" ist ein gewöhnungsbedürftiger Begriff, der so gar nicht zu den portugiesischen Azoren passt. Er stammt aus der Zeit, als das Ehepaar in einem irischen Schloss praktizierte, dessen keltischer Name "buchsbaumbewachsener Hügel" bedeutet.

In den geschmackvoll eingerichteten Behandlungsräumen warten die ersten Gäste bei einem Tee oder frisch gepressten Saft auf ihre Anwendungen, die verteilt über den Tag mehrere Stunden in Anspruch nehmen. Trotzdem hat man den Eindruck, die Damen und Herren aus Deutschland und anderswo würden hier eher urlauben. Kein Wunder, wohnen sie doch entweder im gegenüberliegenden Art-Déco-Hotel "Terra Nostra" von 1934 oder in einer der beiden Suiten des "Casa do Parque" über den Behandlungs- räumen.

Wie der medizinische Mix aus westlichen und fernöstlichen Elementen das Beste aus beiden Hemisphären zu vereinen versucht, so ist auch die zehntägige Auszeit vom Alltags-Stress eine gelungene Kombination aus Urlaub, Wellness und medizinischer Kur. Die maximal sieben Gäste wollen ihre Akkus wieder aufladen, etwas vom Land sehen, sich medizinisch-professionell behandeln lassen und gleichzeitig dem oft etwas spießigen Bäderaufenthalten in Deutschland, Ungarn oder Tschechien entkommen.

Entsäuern und freie Radikale einfangen

Dirk Petersen ist engagierter Therapeut, aber Gott sei Dank auch Realist, der den Menschen keine falschen Hoffnungen macht. Zwar sagt er: "Durch unsere besondere Therapie können Sie jede Körperzelle in nur zehn Tagen nachhaltig regenerieren." Aber er betont auch: "Wir behandeln einige Erkrankungen definitiv nicht - dazu gehören Krebs, Asthma oder Depressionen. Dagegen verzeichnen wir außerordentliche Erfolge bei Nikotinabhängigkeit."

Die von ihm und seiner Frau entwickelte Kur besteht aus 15 Schritten. Am Anfang steht die Entsäuerung. Die körpereigenen Eiweiße - sogenannte Proteine - entfalten ihre optimale Funktion bei einer ausgewogenen Säure-Basen-Balance. Ist man übersäuert, ziehen sich etwa Muskeln, Sehnen und Gelenke zusammen und verlieren ihre Elastizität. Man wird steifer. Erkrankungen wie Gelenk- und Rückenbeschwerden, aber auch Herzprobleme bis hin zum Infarkt, können die Folge sein. Dirk Petersen entsäuert die Kurgäste durch Ernährungsumstellung gründlich. So werden Muskeln und Co. wieder elastisch.

Danach wird gemessen, wie hoch die individuelle Belastung durch sogenannte "Freie Radikale" ist, die für die Zellalterung verantwortlich gemacht werden. "Bisher konnten wir in allen Fällen erhöhter Messwerte eine deutliche Senkung dieses Gesundheitsrisikos erzielen", erklärt Petersen.

Wein und Sightseeing zum Ausgleich

Neben der Darmsanierung und einer besonderen Diät, die auf enzymreicher leichter Kost wie Ananas, einer Gemüse-Lasagne oder einer schmackhaften Pfirsich-Mousse zum Nachtisch basiert, stehen Lymphdrainagen, Fuß-Reflexzonen-Massagen und eine Sauerstoffbehandlung auf dem Programm. Der medizinisch-reine, ionisierte Sauerstoff tut besonders den beiden sauerstoffbedürftigsten Organen gut: dem Hirn und dem Herz. "Je nach Gesundheitslage, Lebensweise und Alter hält die Erhöhung des Blutsauerstoffs bis zu zwei Jahre an", beschreibt Dirk Petersen den positiven Langzeit-Effekt.

Für die Steigerung des Wohlbefindens sind aber auch sogenannte "weiche" Faktoren wichtig: Etwa das Glas Wein am Abend oder das Sightseeing-Programm auf eigene Faust, zum Beispiel per Mietwagen. Die Hauptinsel Sao Miguel mit dem Grünen und dem Blauen See Sete Cidades, dem Vulkankrater "Lagoa do Fogo" und der quirligen Insel-Metropole Ponta Delgada sind absolute touristische Highlights.

Weiterer Bestandteil der Thermal-Kur ist die Verjüngung der Blutgefäße. "Rohrputzen auf chinesisch nennen wir das", sagt der Naturheilkundler schmunzelnd. Durch eine 1.400 Jahre alte Pflanzenrezeptur (die Kräuter werden ausschließlich aus der Gärtnerei einer chinesischen Universität bezogen) werden die Blutfette gesenkt. Das Blut wird fließfähiger, schädliche Einlagerungen in den Adern abgebaut, die Arterien elastischer.

Heilendes Wasser-Wunder

Verschiedene Massagen runden das Gesundheits- und Wohlfühl-Programm ab. Dazu gehört die Bauchmassage, die jeder fortan nach der Rückkehr innerhalb von einer Minute selbst anwenden kann und die der besseren Durchblutung und Straffung des Bauchraums dient.

Da fast alle Patienten Rückenprobleme haben, wird Osteodo praktiziert. Die menschliche Wirbelsäule wird durch die Interaktion zahlreicher Muskeln aufrecht gehalten. Ist nur ein Muskel stärker angespannt als die anderen, kommt es zu einer Verspannung in großen Rückenpartien. Durch die Behandlungstechnik des Osteodo erhalten alle Muskeln, die an der Beweglichkeit des Rückens beteiligt sind, die gleiche Spannung. Für einen Großteil der Behandelten bedeutet Osteodo eine schnell einsetzende Besserung der Beschwerden.

Die ganze west-östliche Medizinkunst wäre nicht vollständig ohne die Heilquellen. Selbst Fachleuten ist kaum bekannt, dass Furnas als Welthauptstadt der Mineralquellen gilt. 23 von ihnen sind medizinisch anerkannt, 19 weitere werden von der "Volksheilkunde" genutzt. Das Wasser-Wunder hilft unter anderem gegen Leberleiden, Osteoporose, rheumatische Beschwerden, Blasen- und Nierenerkrankungen. Dirk Petersen kann sich ins Stammbuch schreiben, der einzige Mediziner zu sein, der diese Quellen für seine Patienten nutzt. Und zwar mit Erfolg.

Wer in den Talkessel von Furnas hinabfährt, sieht bereits von der Höhenstraße aus die Rauchschwaden der Geysire. Überall blubbert und brodelt es. Bis zu 100 Grad heißes Wasser schießt nach oben, es riecht schweflig. Der Boden ist gelb oder rot, je nachdem, ob das Wasser schwefel- oder eisenhaltig ist. Manche Quelle scheint ein dunkles Geheimnis in den tiefen Abgründen zu verbergen. "Teufelsloch" heißt eine Erdspalte, aus der bräunlich-mineralisches Wasser nach oben schießt und dabei ein gurgelndes Echo erzeugt.

Wanderparadies mit Wellness-Faktor

Mittlerweile hat auch die Regionalregierung das Thema Wellness und Lifestyle für sich entdeckt und erkannt, dass man mit diesem kostenlosen Geschenk des Himmels (oder der Hölle?) die Besucher locken kann. In Furnas wird gerade ein 4-Sterne-Hotel gebaut, das 2008 als "Furnas Spa Hotel" seine Pforten öffnen soll. An einem Aussichtspunkt des Doppelsees Sete Cidades soll bis 2009 das erste 5-Sterne-Haus der Azoren eröffnen.

Mehrere Golfplätze sind im Bau oder bereits fertig gestellt, die ersten Design-Hotels und schicken Restaurants auf der Insel warten auf Gäste.

Vorbei die Zeiten, als die "neun Blumenkübel" im Atlantik fast ausnahmslos ein Wanderparadies für kernige Naturfreunde waren. Inzwischen ist der Mix der Besucher vielfältiger: Da gibt es die Leute, die schon überall waren und jetzt auch mal die Azoren "abarbeiten" wollen, die sie bislang nur von der Wetterkarte kannten. Oder den Naturliebhaber, der am Rande Europas mal wieder durchatmen will; aber auch versprengte Esoteriker auf der Suche nach Atlantis. Nun also die gestressten und gut verdienenden Wellness-Touristen.

Angenehmes Klima - das ganze Jahr

Die Azoren punkten aber noch mit anderen Dingen, die für viele Menschen wichtig sind: Es gibt angenehme Temperaturen nicht unter 14 Grad im Winter und selten über 28 Grad im Sommer. Wenig Mücken, weder giftige Tiere noch von Zecken übertragene Borreliose.

Dirk Petersen und seine Frau haben ihr kleines Paradies gefunden. Und dieses positive Gefühl überträgt sich offensichtlich auf die Kurgäste.

Wenn man die Briefe und E-Mails dankbarer Patienten liest, ist man fast schon peinlich berührt angesichts der euphorischen Sätze. "Wie neugeboren" fühlt sich einer und "glockenklar" ein anderer. "Wir haben rund 70% Wiederholer. Und viele kommen erst nach Jahren, weil der Gesundheitseffekt so lange vorhält", freuen sich die Petersens.

"Und soll ich Ihnen verraten", sagt Petersen zum Abschied, "welche Patienten besonders häufig in meine Therapie kommen? Ärzte."

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