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Mexikos scharfe Ecke

Einladende Strände, abweisende Sierras. Prächtige Golfplätze, schäbige Autowracks. Die Baja California - eine verwegene Mischung aus Wildwestromantik, Disneyland und Hippiekultur.

Von Christine Kruttschnitt

Bei Kilometer 79 liegt ein toter Esel. Es ist nicht so, dass Verkehrsopfer in irgendeinem Land dieser Welt dem Tourismus förderlich sind. Aber man muss schon sagen: Ein ganz klein bisschen hat man auch erwartet, dass in diesem einsamen Zipfel von Mexiko die Natur der Zivilisation ein dramatischeres Opfer bringt als ein plattgefahrenes Eichhörnchen.

Vielleicht liegt es daran, dass der Himmel hier so unwirklich hoch ist. Dass die Sonne so streng aufs fahle Land sticht. Dass meterhohe Cardon-Kakteen, alte Bekannte aus Westernfilmen, die leere Straße säumen; ihre Stachelfinger recken sich aus der gelben Erde bis an den hügeligen Horizont. Und wie still es ist. Adler segeln in Zeitlupe vor tiefem Blau. Auf Steinen schläfrige Echsen. Kam heute schon ein Auto vorbei? Eines vielleicht; Pech für den Esel. Man braucht nur eine halbe Stunde ins Landesinnere der Baja California zu fahren, raus aus den glitzernden Küstenstädtchen Cabo San Lucas und San José del Cabo an der Südspitze der Halbinsel, und schon erliegt man der Fantasie, ein Kulturflüchtling zu sein. Ein Pionier, der in Glut und Staub und Stille ein fremdes, sprödes Land erobert. Ein Gringo, dem Skorpione um die Füße tanzen und der, bekäme er jetzt einen Sonnenstich, für lange Zeit unbemerkt in einem Graben schmorte, womöglich gleich neben einem Esel.

Landstrich der Gegensätze

Baja California, "Niederkalifornien", heißt diese 1300 Kilometer lange Landzunge, die so hübsch kompakt alle erdenklichen Gegensätze auf ihrem sonnenreichen Grund vereint: abweisende Sierras, in denen nicht weniger als zweieinhalbtausend Pflanzenarten um ein bisschen Leben kämpfen - und an den Säumen dieses schmalen Hügelzugs 3000 Kilometer der einladendsten Strände der Welt. Im Innern der "Bacha", die wie ein dicker Finger am US-Bundesstaat Kalifornien baumelt - doppelt so lang wie Florida auf der anderen Seite des Kontinents -, stehen dicht an dicht Kakteen, die über 300 Jahre alt sind; in den Beach-Bars drängen sich Teenager, Backe an Backe, und saufen sich die Hucke voll. Es gibt bettelnde Kinder in dieser mexikanischen Provinz und sieben der international prächtigsten Golfplätze; spektakuläre Buchten, in denen Zehntausende, aus der eisigen Beringsee angereiste Wale kalben, und Vororte, in denen Hunderte Autowracks ebenso ungestört vor sich hin rosten; tropische Hotelanlagen mit 600-Dollar-Suiten und ein paar Kilometer weiter Missionskirchen, die wirken, als läsen dort noch die original Jesuitenpater die Messe. Die besten Restaurants des Landes befinden sich am Südzipfel der Baja, aber auch jede Menge amerikanischer Fritten-Ketten. Eines der am dünnsten besiedelten Gebiete der Welt, umspült von deren artenreichstem Gewässer: Spirituelle Naturfreaks werden glücklich hier, Sportangler und Schnorchler, Sonnenanbeter und die ganzen verwöhnten Jetsetter aus Hollywood obendrein.

"An manchen Tagen fühlt man sich wie in Miami Beach", sagt Tom Palmieri und blickt über den Yachthafen von Cabo San Lucas, wo in der Morgensonne die Boote sanft auf türkisfarbenem Wasser wippen. "An anderen merkst du einfach: Hier ist es noch ganz schön wild."

Der 55-jährige New Yorker hat vor gut einem Jahr ein Restaurant direkt an der Marina aufgemacht. Jeden Morgen um fünf tritt er von dessen weitläufiger Terrasse unten an die Mole und liefert Lunch-Pakete für die Fischerboote ab, die Touristen hinaus aufs "Mar de Cortés" bringen; zum Delfinegucken oder Schwertfischangeln. Das Cortés-Meer, auch "Golf von Kalifornien" genannt, ist der im Schnitt nur 150 Kilometer breite Wasserstreifen, der die Baja vom mexikanischen Festland trennt. "Gottes Aquarium" liegt direkt über der gefürchteten San-Andreas-Spalte. Steinbeck hat es beschrieben, Hemingway befahren, Jacques Cousteau darin getaucht, John Wayne darin gefischt. Palmieri verfiel dem glasklaren Blau Mitte der 80er Jahre. Damals war die Baja noch nicht Boomland. Damals war sie einfach ein hinreißend schöner und ziemlich leerer Flecken, an den die ersten Urlauber trotz zweifelhafter Trinkwassersituation zogen, weil Hawaii und all die anderen Paradiese im Pazifik zu teuer wurden.

Las Vegas im Peso-Land

Leer ist es hier eigentlich immer noch. Selbst an der Playa Medano, dem Stadtstrand von Cabo San Lucas, kommt's nur einmal im Jahr zu Ballermann-Feeling: wenn zur amerikanischen Frühlingsferienzeit Teenies wie Robbenkolonien den Sand bevölkern, kichernd und kreischend unter einer Dunstglocke aus Sonnenmilch und gerülpstem Bier.

Im 100.000-Seelen-Ort Cabo San Lucas, südlich vom Wendekreis des Krebses, liegt das gefühlte Zentrum der Baja. Hotelburgen, Nippes-Lädchen, Malls wie in einer amerikanischen Großstadt, wuselige Einkaufsstraßen, Margarita-Bars an jeder Ecke. Viele Straßen sind aufgerissen, Baustaub liegt in der Luft, es riecht nach Aufschwung. Cabo San Lucas und das ruhigere Schwesterstädtchen San José del Cabo, verbunden über eine 30 Kilometer lange, mit Edelhotels bestückte Küstenstraße, werden zu "Los Cabos" zusammengefasst und entwickeln sich gerade zu einer Art Las Vegas im Peso-Land.

"Tourismus ist hier unten die einzige Industrie", sagt David Ram’rez, der vor einigen Jahren aus Mexiko-City herzog, des Wetters wegen. "Siempre bello" lautet das Motto der Region, immer schön: weniger Regentage als Hawaii und Miami, und außer in den unerträglich heißen August- und Septemberwochen ist immer Saison. Ram’rez arbeitet für die Luxushotelkette "Royal Solaris", eine der wenigen in mexikanischer Hand.

Nur in der Touristenhochburg Cancœn auf der Atlantikseite verzeichnet die mexikanische Wirtschaft ein höheres Wachstum. Immer mehr Feriengäste kommen in die Süd-Baja, 28 Millionen waren es im vergangenen Jahr, immer mehr Ausländer kaufen Land und Immobilien. Am Strand vor San José del Cabo - das verwinkelte Städtchen liegt, anders als Cabo San Lucas, nicht direkt am Wasser - wachsen gerade zwei riesige neue Hotelkomplexe, ein Yachthafen ist in Planung. Ferienwohnungen, Internetcafés, Tequila-Bars, Galerien, Gourmet-Restaurants ... An allen Ecken wird auch hier geputzt, gemalt, gemauert. Und wenn man nur ein paar Kilometer raus aus den Ortschaften fährt, sieht man mehr "For Sale"-Schilder in die Landschaft gepflanzt als Sonnenschirmchen an den Playas. Ja, auf Englisch: Schließlich stammen 80 Prozent der Touristen aus den USA.

Und wir reden nicht von Rucksackgruppen. Hollywoodstar John Travolta feierte vor zwei Jahren hier seinen Fünfzigsten mit 280 seiner engsten Freunde in einem der schönsten und ältesten Hotels von Los Cabos, dem kurz zuvor für 80 Millionen Dollar gelifteten "Palmilla". Ein paar Kilometer weiter entlang dem "corridor" zwischen den beiden Kaps verbrachten Gwyneth Paltrow und ihr Musikergatte im "Esperanza" die Flitterwochen. Brad Pitt und Jennifer Aniston zog es ins "Las Ventanas al Para’so", Fenster zum Paradies, das sich für die beiden bekanntlich geschlossen hat.

Dem Van-Halen-Rocker Sammy Hagar gefiel es so gut in Cabo San Lucas, dass er dort gleich eine Bar eröffnete: Sein "Cabo Wabo" samt hauseigener Tequila-Marke richtet sich vorwiegend an die erwähnte "Spring break"-Jugend, die eigentlich rund um die Uhr betrunken ist; nicht zuletzt, weil in der "Happy Hour" der Agaven-schnaps zum Abwinken fließt, "all you can drink".

"Sobald wir Amerikaner unseren Pass benützen müssen", sagt Tom Palmieri spöttisch, "werden wir zu Idioten." In seiner Heimat freilich hätte er niemals gewagt, ein Restaurant zu eröffnen, 50 Leute einzustellen. Zu hohe Löhne, zu großes Risiko. Hier in Los Cabos, sagt er, verkraftet man finanzielle Fehler leichter. Und profitiert von der Goldgräberstimmung unter den Angestellten, ihrem Ehrgeiz. "Fünf Jahre noch", überlegt er, "dann ist nicht mehr viel von Mexiko zu spüren." Dann seien die Cabos endgültig ein amerikanischer Außenposten - effizient, durchorganisiert, gezähmt.

Und die Stars-andStripes-Besatzungszone, sie wächst. In Todos Santos zum Beispiel, 70 Kilometer nördlich von Los Cabos, florieren Lädchen voller mexikanischer Töpfereien und Stoffe, die genau so - und mit genau den gleichen Preisen - in Los Angeles stehen könnten. Die Hauptstraße ist asphaltiert, gepflegt, mit Laternen bestückt und von Galerien und Immobilienbüros gesäumt. Jeder sechste der 6000 Einwohner ist Amerikaner. Maler, Rentner, Hippies, die einmal im Jahr ein Filmfestival veranstalten, sich mit dem Eifer Mallorca-Deutscher um streunende Hunde kümmern. Vor zwei Jahren hat ein kanadisches Ehepaar das berühmteste Haus am Platze wiedereröffnet: das "Hotel California". Es lebt vom Ruf, das von den Eagles 1976 besungene zu sein, was Unsinn ist, aber auch nichts schadet. Das Ambiente, eine Mischung aus dunklen Hölzern, Metall und den leuchtenden Farben Mexikos, könnte jede coole New Yorker Lobby schmücken.

Kein Schild weist den Weg zum "Killer Beach"

Doch schon wer einmal um den Block geht, bemerkt das Ende von Disneyland: Aus der Straße wird ein steiniger Feldweg, auf vielen Dächern liegt Wellblech, Kinder spielen barfuß im Staub. Hinter dem ungewöhnlich fetten Grün, das sich um das ehemalige Missionsstädtchen bauscht, liegt ein Strand, dessen Wellen Surfer aus der ganzen Welt anlocken. Kein Schild weist den Weg zum "Killer Beach". Man muss fragen, irgendwo im Wohngebiet hinter der schmucken "main street".

Verbeulte alte Fords am Straßenrand, Plastiktütenberge. "The beach?", rufen zwei junge Amerikaner aus ihrem Mietwagen fragend in die Vorgärten. Keiner versteht hier Englisch. Die Jungs geben auf. Vielleicht finden sie den Strand. Vielleicht bleiben sie an einem der steinigen Feldwege hängen.

Wie schön, wieder Mexiko.

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