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Auf der Suche nach dem Geheimnis von Bodega Bay

Ein besonderer Zauber umgibt Bodega und Bodega Bay nördlich von San Francisco. Alfred Hitchcock drehte hier den Film "Die Vögel", Künstlern diente die Region als Kraftort und Inspirationsquelle.

Bodega Bay

Bei Bodega Bay, wo sich die Pazifikwellen an der Küste Kaliforniens brechen.

Das Geheimnis von Bodega? Tony Anello, 67, denkt nach, ob er mit Alfred Hitchcock beginnen soll. Oder doch eher mit Christo und Jeanne-Claude, den Verhüllungskünstlern? Oder am Ende mit Ansel Adams, dem Jahrhundertfotografen? Sie alle wirkten in Bodega, prägten das Bild des Ortes, dessen Motive weltberühmt sind und dessen Namen doch kaum einer kennt. "Na, immerhin kann ich das bestgehütete Geheimnis nennen", sagt Anello schließlich: "Das Rezept für meine Muschelsuppe." Er sagt das mit einem Pokerface, halb Schalk und halb Ernst dahinter – und zu den Akkorden eines Bluesgitarristen, der sich neben Anellos Fischbude eingerichtet hat und die Wartenden allein für Trinkgeld unterhält.

In der kitzelnden Immerbrise, unter dem cyanblauen Allgewölbe des kalifornischen Himmels, warten ein paar Dutzend Menschen auf den Aufruf der Nummer für ihre Clam Chowder. "83 ist fertig", quakt die Lautsprecheranlage, "83 … hallo?" Zwei Hungrige eilen zur Ausgabe und holen sich die legierte Suppe auf Muschelsaftbasis, mild salzig, von leichter Schärfe, mit Muschelstückchen, Kartoffelbröckchen und Kräutern. Soul Food nennt man so etwas.

Die Leute könnten jetzt auch wenige Hundert Meter weiter im schnieken Hotel "The Tides" Lachs oder Austern essen, aber sie fahren lieber hinunter in den Hafen zu Anellos "Spud Point Crab Company", auf Harleys, in Pick-ups und in Limousinen. Seine Muschelsuppe dampft und duftet, sie schmeckt nach Meer und Himmel.

Die Geräusch der Takelage

Ferien im nördlichen , dazu gehört neben dem Geschmack der brandenden See auch das klinkernde Geräusch der Takelage, die der Wind gegen die Bootsmasten schlägt, gehört das Knattern der flatternden Wimpel, das Knirschen der Seile, die die Boote an den Stegen vertäut halten. Gehören die Schreie der Raubmöwen und die Hammerschläge der von Sonne und Salz gegerbten Fischer, die ihre Seilwinden für die Fangkörbe zurechtklopfen.

odega Bay in Nordkalifornien

Im Hafen von Bodega Bay in Nordkalifornien


"Eigentlich brauchten wir und die anderen gar nicht", sagt Anello. "Es ist auch so schön genug hier. Gerade wegen der Schönheit und wohl auch wegen der geheimnisvollen Kraft des Ortes kamen diese Künstler, drehten Filme, verwirklichten Projekte, schufen Fotografie. Wurden so noch berühmter und geben uns dafür von ihrem Ruhm etwas ab."

Echte Antiquitäten

Was für ein Städtchen, wenn man es denn sieht und es nicht im Nebel schläft, der sich vom Pazifik an die Küste presst, dick über die ersten Hügelketten qualstert und alles schluckt. Gut eine Stunde nördlich von , zweigeteilt durch eine Hügelkette und verbunden durch eine schlängelnde Schlucht: Bodega Bay, der Teil westlich der Hügelkette, das sind Hafenhotels mit Restaurants, feinen Bars und Straßen zum Flanieren. Bodega östlich der Hügel, das sind alte Holzhäuser mit kauzigen Bewohnern, alte Bäume, die strahlend weiße Kirche, der Saloon "Casino", der Surfshop "Northern Light", Antiquitätenläden. Die bergen – anders als oft sonst in den USA – wirklich alte Sachen, Möbel, Bücher, Instrumente, Schmuck. Der Mann hinter dem Tresen gibt in lupenreinem Boston-Englisch gezirkelt Auskunft.

Aber erst nebenan im "Country Store" mit seinen Bildern und Fotos an der Wand und dem in Endlosschleife laufenden Film dämmert einem, wohin man geraten ist. In Bodega drehte Hitchcock 1962 "Die Vögel". Das alte Haus hinter den Bäumen neben der Kirche? Im Film ist das die Schule, vor der Tippi Hedren verzweifelt die kreischenden und pickenden Vögel von den Augen abhält. Die Kirche selbst wurde auch durch ein Foto bekannt: "Church and Road" von Ansel Adams.

Saint Teresa of Avila Church in Bodega Bay

Das berühmte Fotomotiv von Ansel Adams: Saint Teresa of Avila Church in Bodega Bay

"Das Geheimnis von Bodega?" Adam Leal, 33, lange Jahre im General Store tätig, denkt nach, warum es Künstler und Intellektuelle in so großer Zahl in den Ort zieht – es wimmelt dort von Ex-Uniprofessoren. "Ich kann es nicht sagen", sagt Leal. "Aber ich kann dir das Geheimnis nennen, an dem alle Fotostudenten scheitern, die nach Bodega kommen und die Kirche so aufnehmen wollen wie Adams: Sie kriegen den Ausschnitt alle nicht hin." Adams habe sich 1953 für sein Foto hoch auf die Ladefläche eines Trucks gestellt, erzählt Leal, "das ist das Geheimnis seines Winkels".

Menschen mit Eigensinn

Und wie antwortet Evelyn Casini, 90, auf die Frage nach dem Geheimnis Bodegas? Sie geht zum Nachdenken in die Küche und lässt auf diese Weise Zeit, sich ihren Saloon "Casino" anzusehen. Die dunkle Holztheke misst zehn Meter, über die könnte man die Whiskeys wie im Western mit Schmackes schieben. Vor den Poolbillard-Tischen liegen sich die Locals – viele wirkten in Kindertagen als Statisten bei "Die Vögel" mit – zur Begrüßung in den Armen. 20 präparierte Hirschköpfe schauen dabei zu, so sie nicht auf die zwei Sportbildschirme blicken oder in den Speisesaal mit acht Tischen, groben Bänken, quietschenden Stühlen.

Szene aus Alfred Hitchcocks Film "Die Vögel", den er 1962 in Bodega Bay drehte.

Szene aus Alfred Hitchcocks Film "Die Vögel", den er 1962 in Bodega Bay drehte.



Etwa 200 Menschen leben in Inlands-Bodega: alteingesessene Familien, Milchbauern, Schafzüchter, Nachfahren von Einwanderern aus der Lombardei und dem Tessin, mehr noch von Iren, die eine Kirche bauten, sie Teresa von Avila weihten und sich wunderten, dass ein Fotograf sie weltberühmt machte. Seit 1968 ist sie "State Historic Landmark", Denkmal also.

Das Geheimnis der Fischfrikadellen

Casini bringt den Kaffee und sagt: "Die Leute hier sind störrisch, das macht den Ort so eigen." Sie erzählt von Christo und Jeanne-Claudes Projekt "Running Fence", das die Landschaft im September 1976 mit einem fast 40 Kilometer langen blickdichten Zaun durchschnitt, weiter im Hinterland in Valley Ford begann und in Bodega Bay endete. "Die Farmer waren alle dagegen. Bis Politiker das Projekt verbieten wollten.

Da waren plötzlich alle dafür und setzten die Sache auch durch." Warum erst Adams, später Hitchcock und schließlich Christo mit Jeanne-Claude ausgerechnet hierherkamen? "Ich weiß es nicht", sagt Casini. "Aber ohnehin ist viel spannender, warum meine Fischfrikadellen so gut schmecken. Ich bring dir eine, das kriegst du nie raus!"


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