New York ohne Hektik

Fort Greene in Brooklyn ist New Yorks entspannteste Nachbarschaft - obgleich nur zehn U-Bahn-Minuten von Manhattan entfernt. Malerin Mickalene Thomas zeigt ihren Stadteil. Von Isabel Ludwig

Brooklyn, New York, Fort Greene

Die Malerin Mickalene Thomas und Basquali, der Besitzer des Cafés "Smooch".©

Stop and Go. Es ist nicht ganz einfach, mit ihr durch Fort Greene zu spazieren. Sie hält ständig an. "Hi Hank", sagt Mickalene Thomas zu einem rastalockigen Mann, der ihr vor dem "Smooch" begegnet, ihrem Lieblings- Café. "Das ist Hank, ein befreundeter Künstler." Kurzes Nicken, schönen Tag noch. "Mickalene! Wie geht's?" Eine föhngewellte Blondine bleibt vor ihr stehen. "Emily!", ruft Thomas. "Danke, gut. Ich melde mich die Tage." Die Blondine läuft weiter. "Eine Maklerin", erklärt meine Begleiterin und öffnet die Tür des Cafés. "Sie arbeitet hier in der Gegend", in Fort Greene, einem Teil Brooklyns, von dem Mickalene Thomas sagt: "Man schaut sich hier in die Augen und spricht miteinander."

Die Malerin mit afroamerikanischen Wurzeln ist kaum zu übersehen: bestimmt eins achtzig groß, die schwarzen Haare stehen von ihrem Kopf ab, als wären sie um kurze Drähte gewickelt. Sie trägt eine braungesprenkelte Harry-Potter-Brille und eine weite blaue Jacke im Hausmeisterstil. Thomas ist berühmt, auch wenn sie bescheiden sagt: "Es läuft ganz gut bei mir." Vor sieben Jahren hatte sie ihre erste Einzelausstellung. Für ihre Porträts schwarzer Schönheiten, die sie in bunten Collagen inszeniert, zahlen Sammler bis zu 250.000 Dollar. Dafür haben ihre Werke gern die Ausmaße von zwei Tischtennisplatten.

Ein Mikrokosmos New Yorks

An diesem Sonntag ist Thomas auf dem Weg von ihrer Souterrainwohnung unweit des Fort Greene Park zum neuen Barclays Center, wo ihr größtes Gemälde zu sehen ist: Es füllt eine ganze Wand. Die Riesenarena ist so etwas wie der Madison Square Garden Brooklyns und eine Attraktion für die ganze Stadt. Vor einem Jahr wurde sie eröffnet, Barbra Streisand, die Rolling Stones und Paul McCartney traten hier auf. Und während in Manhattan die New York Knicks Basketball spielen, leistet sich Fort Greene nun die Brooklyn Nets - frisch aus New Jersey eingekauft, da hießen sie noch New Jersey Nets.

Fort Greene ist ein Mikrokosmos New Yorks, weltoffen und gemütlich zugleich. Die Bewohner stammen aus allen möglichen Ländern und Kulturen. An den schmalen Häusern aus braunem Sandstein führen ein paar Stufen hinauf zur Eingangstür. Im Sommer sitzen Nachbarn darauf und unterhalten sich. Aus einem der wenigen hohen Gebäude, der Williamsburgh Savings Bank, schießt senkrecht wie eine Rakete ein Turm mit vergoldeter Kuppel; die Uhr am Wahrzeichen des Viertels ist von überall zu sehen.

Ein Café als Nachbarschaftszentrum

Im Vergleich zu Manhattan geht es zu wie auf einem Biomarkt, die Menschen gönnen sich Zeit für Gespräche, für ihre Einkäufe, fürs Lesen im Café. Das Barclays Center nahmen sie hin, es schuf ja Arbeitsplätze. Über die großen Kaffeeketten aber rümpft man in Fort Greene gern die Nase. Schließlich gibt es ja schon zahlreiche Stadtteil-Cafés. Das "Smooch" etwa, in dem Mickalene Thomas einen Iced Coffee bestellt, "ist schon seit zwölf Jahren so etwas wie das Gemeinschaftszentrum der Nachbarschaft."

Dabei ist es kaum größer als ein U-Bahn-Waggon. Doch die großen Fenster machen es hell und luftig. Thomas sitzt auf einem kleinen Podest vor einem Kuhfell, das wie eine Tapete an der Wand hängt. Sie winkt einem Paar zu, das hereinkommt, zwei Männern, die ein kleines Mädchen an den Händen halten. Thomas lächelt. Seit einem Jahr ist sie Mutter. Ihre Lebensgefährtin, die Konzeptkünstlerin Carmen McLeod, brachte Tochter Junya zur Welt.

Hinter dem Tresen stehen Basquali, der australische Besitzer des "Smooch" - klein und kräftig, ein blaues Hütchen auf dem Kopf -, und Eiman, ein junger Somalier, groß und grazil, der einen Afro trägt. Er versucht, Mickalene ein "Buddhist Ohmmmlette" schmackhaft zu machen (mit Cream Cheese und Tomaten) und mustert neugierig die Deutschen, die sie mitgebracht hat: "Wo kommt ihr her? Was ist das für eine Kamera, mit der ihr da fotografiert?"

Durch Fort Greene in Brooklyn
Durch Fort Greene in Brooklyn
Durch Fort Greene in Brooklyn
Durch Fort Greene in Brooklyn
Durch Fort Greene in Brooklyn Neighbourhood mit Nestwärme
Übernommen aus

Übernommen aus Geo Saison, Heft September 2013, ab sofort für 6 Euro am Kiosk.

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