Einst waren die Cayman Islands ein obskurer Winkel in der Karibik - bis Banken und Briefkastenfirmen die Inselgruppe entdeckten. Es ist der Ort, wo das Geld dick wie Honig fließt und der Ozean warm ist wie eine frisch gefüllte Badewanne. Von Peter Haffner, George Town

Baden am Seven Mile Beach im tropischen Steuerparadies Cayman Islands© Brennan Linsley/AP
Wir waren unterwegs zu einer Stadt, in der nur Außerirdische leben. Sie liegt mitten im Ozean. Es gibt eine Sandbank da, wir ankerten und glitten ins Wasser, das bis zur Hüfte reichte. Nicht lange, da schwebten sie auf uns zu: Stealth-Bomber mit sanftem Flügelschlag und todbringendem Stachel. Sie streiften einen wie fließende Seide, fixierten einen mit fahlgrünen Augen und zogen weiter - traumverlorene Geister der Tiefe.
Die zahmen Stachelrochen im nördlichen Sund von Grand Cayman sind eine Touristenattraktion. Fischer säuberten hier früher ihren Fang und warfen die Abfälle über Bord, das hat die Tiere angelockt.
Wie sich die Cayman Islands seitdem verändert haben, das illustrieren die Passagiere unseres Segelboots. Chris, ein einheimischer Künstler, wurde 1972 in ein Haus ohne Strom geboren; nun ist ein Blackberry sein ständiger Begleiter. Seine Frau Trina, eine Kanadierin, kam mit dem Touristenstrom und führt heute die Kunstgalerie im Ritz-Carlton am Seven Mile Beach, dem zwölf Kilometer langen Sandstrand. Ellen, eine irische Managementberaterin, hat in der halben Welt gearbeitet und sucht jetzt einen Job in George Town, dem fünftgrößten Finanzplatz der Welt.
Mit über hundert Nationalitäten sind die rund 65.000 Einwohner zählenden Caymans eine Art Vereinte Nationen im Zwergformat. Ohne Leute wie Chris und Trina wäre vom kulturellen Erbe kaum mehr etwas übrig; in einem Lehmhäuschen bieten sie Kurse im Körbe- und Seilemachen an, zeigen, wie man auf einem Caboose-Grill kocht oder Drachen bastelt, die im Wind singen. Das alles war gestern noch keine Folklore, so wie vielleicht morgen schon Folklore sein wird, wie man einen Hedge-Fonds oder eine steuerbefreite Firma gründet; Dienstleistungen, für die die Caymans berühmt, wenn nicht berüchtigt sind.
Geografisch sind die Karibikinseln ein Epilog von Kuba; die Gipfel eines Unterwassergebirges auf halbem Weg zwischen Fidel Castros Reich und Jamaica. Jacques Cousteau zählte die Tauchgründe zu den schönsten des Planeten, mit Riffen und Wänden, die Tausende von Metern abfallen und eine kristallklare Sicht bieten auf eine an Wundern volle Welt.
An Land ziehen Hotels, Restaurants und Luxusapartments in einschläferndem Rhythmus vorüber; zwischendurch markieren verwitterte Friedhöfe einen alten Takt. Viele Villen stehen auf der Insel zum Verkauf; die Finanzkrise macht vor dem Tropentresor nicht halt.
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