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Vom Nahostkonflikt direkt zur Party

Im Westjordanland hat das erste Hostel eröffnet. Wer hierher kommt, will mehr über den Nahostkonflikt erfahren - und die Partyszene der Stadt erleben, da kommt das Hostel gerade recht.

Von Steffi Hentschke, Ramallah

  Mitmachen erlaubt: Im ersten Hostel in Ramallah dürfen die Gäste an der Wanddekoration mitwirken

Mitmachen erlaubt: Im ersten Hostel in Ramallah dürfen die Gäste an der Wanddekoration mitwirken

  • Steffi Hentschke

Chris Alami weiß, was Backpacker mögen. Der 38-jährige Palästinenser mit dem Holzfällerbart betreibt seit fast zwei Jahrzehnten das Citadel Hostel in Jerusalem, das international beliebt ist und sogar im Lonely Planet empfohlen wird. "Mein Opa hatte in den Siebzigern die Idee dazu", sagt Alami und erzählt von Hippies und Weltenbummlern, die ihren Abenteuerurlaub in der Heiligen Stadt machen wollten. Heute kommen die Menschen in Busladungen nach Jerusalem - die Sicherheitslage hat sich entspannt und die Region hat den Tourismus als Wirtschaftsfaktor entdeckt. Zeit für eine neue Herausforderung, dachte sich Chris Alami. Zusammen mit seinem Bruder Bobo hat er eine Idee: Wie wäre es, ein Hostel in Ramallah zu eröffnen? Fünf Jahre später ist es so weit - das Hostel in Ramallah, das erste seiner Art, ist Wirklichkeit geworden.

Dabei ist Ramallah ein eher exotisches Ausflugsziel. Die Stadt liegt im von Israel besetzten Westjordanland - wer hierhin möchte, muss einen Grenzübergang passieren, den Checkpoint Qualandia außerhalb von Jerusalem. Eingerahmt von einer acht Meter hohen Betonmauer winken schwerbewaffnete Soldaten Autos und Busse durch. Gleich dahinter beginnen die Ausläufer der 30.000-Einwohner-Stadt Ramallah, wüstensandfarbene Siedlungen, Imbisse, Einkaufszentren. Landschaftlich schön ist das alles nicht - aber der Reiz der Stadt geht ohnehin von etwas anderem aus: Ramallah hat sich in den letzten Jahren zu einer echten Partymetropole gemausert. Junge Menschen aus der ganzen Welt, die ihren Freiwilligendienst bei internationalen Entwicklungshilfeorganisationen absolvieren oder ein Praktikum bei politischen Stiftungen machen, haben eine regelrechte Feier-Infrastruktur etabliert. Dank unzähligen Cafés, Bars und Clubs ist Ramallah im Vergleich zum restlichen, muslimisch geprägten Westjordanland heute liberal und tolerant – touristisch erschlossen ist die Stadt aber längst noch nicht.

Und auch das erste Hostel Ramallahs ist nicht leicht zu finden. Mitten im Zentrum, in einer Straße direkt am belebten Arafat Square haben die Alami-Brüder zwei Apartments in einem unauffälligen Wohnhaus angemietet. Hier fühlt sich der Gast eher wie in einer WG von Austauschstudenten als in einem anonymen Bettenlager: Ein gibt nur einen großen Schlafraum, die anderen Zimmer haben Doppel- oder Einzelbetten. Die separaten Zimmer sind mit eigenem Bad ausgestattet und kosten ungefähr 30 Euro pro Nacht, für ein Stockbett werden zehn Euro verlangt. Das Herz der Wohnung ist das Wohnzimmer, mit Sofas und Sitzecken und Ausblick auf die Stadt. Ramallah ist an einem 900 Meter hohen Berg gebaut, auch bei größter Hitze weht hier ein angenehmer Wind und trägt die Gebetsgesänge der Muezzins in die Wohnung. Jeden Morgen stellt Chris Alami frische Melone, Feigen und zuckriges Baklava auf den Küchentisch, abends wird zusammen gekocht.

Die andere Seite sehen

Die meisten Reisenden kommen ins Westjordanland, weil sie mehr über den Nahostkonflikt erfahren wollen. Das weiß Alami und zeigt deshalb regelmäßig palästinensische Filme über die politische Situation vor Ort. "Erst waren die Leute in Tel Aviv am Strand, dann kommen sie zu mir und lernen die andere Seite kennen." Dazu gehören auch Eimer und separate Wasserschläuche, die in jedem Badezimmer zu finden sind. Denn Israel kontrolliert weitestgehend die Wasserversorgung im Westjordanland, manchmal bleiben die Leitungen tagelang trocken. Deshalb sammeln die Palästinenser ihr Wasser in großen Kanistern, falls im Notfall die Toilettenspülung einmal nicht funktioniert.

Die einen fühlen sich schikaniert, die anderen in ihrer Sicherheit bedroht: Das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern ist angespannt, immer wieder eskaliert die Lage und gipfelt in blutigen Auseinandersetzungen. Es ist der große Streit um ein kleines Land, in dem sowohl Juden als auch Muslime leben wollen. Seit Juli gibt es nun zum ersten Mal seit Jahren wieder neue Friedensgespräche zwischen Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Palästinenser-Chef Mahmoud Abbas. Die Hoffnung: ein Abkommen, das die Rechte der Palästinenser stärkt und die Situation insgesamt entspannt. Darauf setzt auch Alami. Schließlich brächte politische Stabilität auch wirtschaftliche Sicherheit. "Wir wollen noch im Westjordanland expandieren, nach Nablus oder Hebron", das ist zumindest sein Traum.

Und die Chancen für eine echte Erfolgsgeschichte stehen nicht schlecht: Über 1000 Menschen gefällt die Facebook-Seite, dabei hat das Hostel in Ramallah erst seit zwei Monaten geöffnet. Viele Besucher haben sich bereits mit einer positiven Bewertung verewigt. "Chris ist der beste Gastgeber, den ich jemals hatte", wird da gelobt. "Wenn ihr nach Ramallah kommt, dann kommt hier her."

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