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Das Lächeln des Königs im Chaos

Eine fremde Stadt. Ein Stadtplan. Zwei Koordinaten. stern.de-Mitarbeiterin Heike Sonnberger hat sich einen Tag durch Asiens Riesenstadt Bangkok treiben lassen. Sie fand, wonach Touristen nie suchen würden.

Der süße Geruch von rohem Fleisch nimmt mir fast den Atem. Hinter dem Klapptisch mit Bergen von Hühnerfüßen und Hähnchenflügeln zerhackt eine Frau glänzende Schweinsohren. Zack. Zack. Zack. Neben ihr ein Blechtablett voller zappelnder Welse. Stoffschirme filtern die grelle Mittagssonne und tauchen die Stände in buntes Dämmerlicht. Schweiß rinnt meinen Nacken hinunter.

Der Markt hat die Koordinaten M 10 auf dem Stadtplan von Bangkok. Nur deshalb bin ich hier. Denk dir zwei Koordinaten aus, hat man mir gesagt. Fahr hin und schaue, was passiert. Ich soll eine Seite von Thailands Hauptstadt finden, die sich Touristen nicht bemühen zu suchen. Man nennt das "Experimental Travelling". Klingt verwegen.

Wo die Vogelgrippe brütet

Dienstagvormittag im Stadtteil Khlong Toey. M wie Markt. 10 wie zehn Uhr. Ich schiebe mich durch die engen Gassen, drücke mich gegen einen Plastikbottich mit Schildkröten, um einem hupenden Moped auszuweichen. Ein Junge balanciert ein Tablett mit gebratenen Spießen durchs Gedränge. Das Geschnatter der Marktfrauen hängt in der drückenden Luft wie eine Wolke Moskitos.

Es überrascht nicht, dass an Orten wie diesem die Vogelgrippe brütet. Zwischen Spargel und Zitronengras sitzen Frauen vor Tischen mit gebratenen Hühnern, die grotesk ihre Krallen in die Luft strecken. Unter den Tischen gackert noch lebendiges Federvieh in Flechtkörben.

Schnelles Drogengeld im Slum

Ich solle mich hier vor "yaa bâa" - der "verrückten Droge" - in Acht nehmen, hat man mich gewarnt. So nennen die Thais Methamphetamin, in Europa bekannt als Crystal Meth, das in Bangkoks Nachtclubs reißenden Absatz findet. Damit würde in armen Gegenden schnelles und riskantes Geld gemacht. Drogenhandel wird in Thailand mit dem Tod bestraft.

Um zehn Uhr morgens sehe ich allerdings nur Ware, an der langsam und gemächlich verdient wird. Neben einem Berg Wassermelonen schnarcht eine Frau in Schürze mit offenem Mund. Ein Pappschild verrät: 30 Baht will sie für eine Melone - knapp 60 Cent.

Kühler ist es am Fluss

Angeboten wird auf dem Großmarkt alles - rund um die Uhr. Am geschäftigsten ist es hier morgens zwischen eins und fünf, wenn die Garküchen und Restaurants der Stadt Ware für den Tag einkaufen. Ordnung herrscht keine. Fisch- und Gemüseverkäufer reihen sich neben Gewürzhändlern und Ständen mit Glitzerhaarspangen und Küchenmessern. Dazwischen presst jemand Rohrzucker durch eine Walze und verkauft den Saft in Plastikbechern.

Ein Mädchen zwängt sein mit Einkaufstüten beladenes Fahrrad an mir vorbei. "Are you hot?", fragt sie und lacht jungenhaft. Ich nicke erschöpft. "Dann musst du an den Fluss, dort weht immer etwas Wind." Bevor ich etwas entgegnen kann, ist sie hinter zwei Lastern verschwunden. Ich wische mir mit meinem Sonnenhut die Schweißperlen von der Stirn. Im März klettert das Thermometer an manchen Tagen auf 39 Grad.

Meer aus Motorrädern, Tuktuks, Pickups, Bussen

Die Rama IV Road läuft direkt auf Bangkoks Hauptbahnhof zu. Ich folge ihr, bis ich nicht mehr weiterkomme. Eine Straße versperrt mir den Weg. Besser gesagt ein Expressway. Auf der Karte eine fette, blaue Schlange, die sich durch Bangkoks Häusernetz frisst. Horden knatternder Mopeds warten am Rand der Kreuzung darauf loszujagen. Ich stehe vor einem Meer aus Motorrädern, Tuktuks, Pickups, Bussen und schaue mich Hilfe suchend um. Kein Zebrastreifen, keine Fußgängerbrücke.

Hinter mir schlendert ein Junge in ausgewaschenem T-Shirt auf die Kreuzung zu. "Redemption 07" steht auf dem rosafarbenen Stoff. "Erlösung 07". Ich habe meinen Retter gefunden. Er spricht sogar Englisch. Wohin ich möchte? Nur über das Meer bitte. Er schaut mich spöttelnd an, zupft mich dann mütterlich am Handgelenk und schleust mich gelassen durch die Abgaswolke ans andere Ufer.

Nervös seit den Bomben

Mein Retter heißt Thumanoon Kuangtip, ist 19 Jahre alt und ein strenger Lehrer. Auf dem Weg zum Fluss lässt er mich Vokabeln nachsprechen. "Rorn": heiß. "Rorn ma": sehr heiß. "Tam bruat": Polizist. Letztere sieht man in Bangkok seit den Bombenanschlägen an Neujahr überall. Die Stadt ist nervös. Mülleimer wurden entfernt, Abfall liegt jetzt am Straßenrand in Tüten und stinkt süßlich faul vor sich hin. An den Eingängen zur U-Bahn kontrollieren Ordnungshüter die Taschen der Fahrgäste.

Die beiden Stadtbahnen Skytrain und MRT sollen moderne Effizienz ins Chaos Bangkok hauchen. Wir nehmen den Skytrain zum Chao Phraya River. Die Kontrollstation schluckt lautlos unser Plastikticket. Gelbe Pfeile auf dem Boden vor den Bahntüren mahnen zur Disziplin beim Einsteigen. Die Wagons sind wohl temperiert. Eine weibliche Stimme zwitschert den Namen der nächsten Station auf Thai und auf Englisch.

Krankenpfleger für die Eltern

Doch bis zur Endstation kommen wir nicht. Ein Ansager verkündet einen technischen Defekt. Die Bahn kehrt um. Wasser tropft von der Decke. Wir warten eine Weile auf einen Bus, der nicht kommt. Schließlich laufen wir zum Fluss, kaufen Kokoseis und eine Tüte mit Früchten, die winzigen Mangos ähneln, von Ständen am Weg.

"Ich wollte Medizin studieren, habe aber die Aufnahmeprüfung nicht geschafft", erzählt Thumanoon. Jetzt studiert der sanfte Junge mit erstem Bartflaum auf der Oberlippe Krankenpflege. Er tut es seinen Eltern zuliebe, viel lieber hätte er Koreanisch gelernt. Doch Sprachen bringen kein Geld, sagen die Eltern.

Mönche neben Ladyboys

Geld braucht er, um die Studiengebühren zurückzuzahlen. 400 Euro pro Jahr plus Lebenshaltung in Bangkok ist eine große Belastung für die Familie aus Sakhon Nakhon nahe der Grenze zu Laos. Den Vormittag hat Thumanoon mit der Suche nach einem Ferienjob verbracht. Jetzt will er mir seinen Lieblingsort zeigen, das Wat Phra Kaew.

Wir besteigen die Fähre mit zwei Mönchen in orangefarbenen Roben, einer Gruppe Schulmädchen und einem Ladyboy, der sich mit blutrotem Lippenstift Weiblichkeit aufzumalen versucht. Thumanoons Augen leuchten. Er ist noch nie mit der Fähre den Chao Phraya hinaufgefahren. Das Ticket kostet 18 Baht. Zuhause verbraucht er so viel an einem ganzen Tag.

Vom König belächeltes Chaos

Schlanke, bunt bemalte Motorboote aus Holz rasen über die Wasseroberfläche. Schiffe ziehen mit Sand beladene Lastkähne an langen Seilen den Fluss hinunter. Zwei kleine Jungen hängen an den Seilen in der schlammbraunen Brühe und tauchen durch die Wellen. "Das ist gefährlich!" Thumanoon verdreht die Augen. König Bhumibol Adulyadej belächelt von einem hausgroßen Poster am Ufer das Treiben auf dem Wasser. Im Dezember hat er Geburtstag. Schon jetzt trägt die halbe Stadt gelbe T-Shirts zu seinen Ehren.

Anlegestelle Tha Phra Chan. Garküchen und Obststände säumen die Straße zum Phra Kaew Tempel. Am Bürgersteig verkaufen Männer kleine Amulette und Figuren mit Buddhamotiven. Wir laufen Richtung Wat Phra Kaew, dem Tempel des Smaragd-Buddha, Bangkoks fantastischstem Heiligtum. Doch wir erreichen den Eingang nicht.

Frittierte Insekten für Drachensteiger

Über dem Sanam Luang, dem ovalen Feld vor den Mauern des Wat, tanzen hunderte bunte Papierdrachen im blauen Himmel. Kinder halten leere Dosen in den Händen, auf die die langen Drachenschnüre gewickelt sind. Verkäufer bieten auf Karren getrockneten Fisch, frittierte Insekten, Getränke und Obst an. Die goldenen Stupas des Wat dienen als hübsche Kulisse. Was hinter seinen Mauern liegt, interessiert uns plötzlich nicht mehr.

Das Drachenfest findet jedes Jahr für einen Monat statt. An Gestellen aus Holz hängen Drachen in allen Größen und Farben, die gemietet werden können. Eine Bühne ist am Rand des Feldes aufgebaut. Davor steht ein Boxring, in dem sich zwei Jungen auf ihren Kampf vorbereiten. Im Stimmbruch sind sie beide noch nicht. Ihre gestählten Oberkörper glänzen in der Sonne. Es riecht schwach nach Minzöl.

Thaiboxer begehrt wie ein Klitschko

Der brutale Volkssport Muay Thai beginnt mit einer Verbeugung der Jungen in allen vier Ecken des Rings. Dann tanzt jeder einzeln eine wiegende Sequenz von Kampftechniken und Dehnübungen. Vier Mädchen schlagen auf der Bühne Trommeln und blasen auf einer knarzigen Flöte eine beschwörende Melodie. Die Trainer legen als Segen die Hände über den Köpfen ihrer Zöglinge zusammen. Ein zahnloser Kommentator im gelben Hemd gibt das Startsignal.

Die Jungen schlagen hart aufeinander ein. Die Abendsonne leuchtet auf ihren wirbelnden Handschuhen. Die Menschentraube auf dem Feld johlt und pfeift. Der Sieger der Runde wirft die roten Fäustlinge in die Luft und trabt unter Jubel durch den Ring - selbstgewusst wie ein Klitschko. Ihm werden vor der nächsten Runde die Beine massiert.

Als die nackten Glühbirnen über dem Ring angeknipst werden, habe ich mich bereits von Thumanoon verabschiedet und stecke in einem Taxi im Stau. Der Fahrer summt ein Liebeslied aus dem Radio. "I love you, but you not love me." Er grinst mich verschmitzt an. Ich lächle wortlos zurück.

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