Das Lächeln des Königs im Chaos

5. April 2007, 16:09 Uhr

Eine fremde Stadt. Ein Stadtplan. Zwei Koordinaten. stern.de-Mitarbeiterin Heike Sonnberger hat sich einen Tag durch Asiens Riesenstadt Bangkok treiben lassen. Sie fand, wonach Touristen nie suchen würden.

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Die meisten Händler bringen ihre Waren mit abenteuerlich beladenen Mopeds auf den Markt©

Der süße Geruch von rohem Fleisch nimmt mir fast den Atem. Hinter dem Klapptisch mit Bergen von Hühnerfüßen und Hähnchenflügeln zerhackt eine Frau glänzende Schweinsohren. Zack. Zack. Zack. Neben ihr ein Blechtablett voller zappelnder Welse. Stoffschirme filtern die grelle Mittagssonne und tauchen die Stände in buntes Dämmerlicht. Schweiß rinnt meinen Nacken hinunter.

Der Markt hat die Koordinaten M 10 auf dem Stadtplan von Bangkok. Nur deshalb bin ich hier. Denk dir zwei Koordinaten aus, hat man mir gesagt. Fahr hin und schaue, was passiert. Ich soll eine Seite von Thailands Hauptstadt finden, die sich Touristen nicht bemühen zu suchen. Man nennt das "Experimental Travelling". Klingt verwegen.

Wo die Vogelgrippe brütet

Dienstagvormittag im Stadtteil Khlong Toey. M wie Markt. 10 wie zehn Uhr. Ich schiebe mich durch die engen Gassen, drücke mich gegen einen Plastikbottich mit Schildkröten, um einem hupenden Moped auszuweichen. Ein Junge balanciert ein Tablett mit gebratenen Spießen durchs Gedränge. Das Geschnatter der Marktfrauen hängt in der drückenden Luft wie eine Wolke Moskitos.

Es überrascht nicht, dass an Orten wie diesem die Vogelgrippe brütet. Zwischen Spargel und Zitronengras sitzen Frauen vor Tischen mit gebratenen Hühnern, die grotesk ihre Krallen in die Luft strecken. Unter den Tischen gackert noch lebendiges Federvieh in Flechtkörben.

Schnelles Drogengeld im Slum

Ich solle mich hier vor "yaa bâa" - der "verrückten Droge" - in Acht nehmen, hat man mich gewarnt. So nennen die Thais Methamphetamin, in Europa bekannt als Crystal Meth, das in Bangkoks Nachtclubs reißenden Absatz findet. Damit würde in armen Gegenden schnelles und riskantes Geld gemacht. Drogenhandel wird in Thailand mit dem Tod bestraft.

Um zehn Uhr morgens sehe ich allerdings nur Ware, an der langsam und gemächlich verdient wird. Neben einem Berg Wassermelonen schnarcht eine Frau in Schürze mit offenem Mund. Ein Pappschild verrät: 30 Baht will sie für eine Melone - knapp 60 Cent.

Kühler ist es am Fluss

Angeboten wird auf dem Großmarkt alles - rund um die Uhr. Am geschäftigsten ist es hier morgens zwischen eins und fünf, wenn die Garküchen und Restaurants der Stadt Ware für den Tag einkaufen. Ordnung herrscht keine. Fisch- und Gemüseverkäufer reihen sich neben Gewürzhändlern und Ständen mit Glitzerhaarspangen und Küchenmessern. Dazwischen presst jemand Rohrzucker durch eine Walze und verkauft den Saft in Plastikbechern.

Ein Mädchen zwängt sein mit Einkaufstüten beladenes Fahrrad an mir vorbei. "Are you hot?", fragt sie und lacht jungenhaft. Ich nicke erschöpft. "Dann musst du an den Fluss, dort weht immer etwas Wind." Bevor ich etwas entgegnen kann, ist sie hinter zwei Lastern verschwunden. Ich wische mir mit meinem Sonnenhut die Schweißperlen von der Stirn. Im März klettert das Thermometer an manchen Tagen auf 39 Grad.

Meer aus Motorrädern, Tuktuks, Pickups, Bussen

Die Rama IV Road läuft direkt auf Bangkoks Hauptbahnhof zu. Ich folge ihr, bis ich nicht mehr weiterkomme. Eine Straße versperrt mir den Weg. Besser gesagt ein Expressway. Auf der Karte eine fette, blaue Schlange, die sich durch Bangkoks Häusernetz frisst. Horden knatternder Mopeds warten am Rand der Kreuzung darauf loszujagen. Ich stehe vor einem Meer aus Motorrädern, Tuktuks, Pickups, Bussen und schaue mich Hilfe suchend um. Kein Zebrastreifen, keine Fußgängerbrücke.

Experimental Travel Ein Reisetrend wird immer populärer: Experimental Travel. Statt Sightseeing stehen verrückte Ideen im Mittelpunkt. Begründer des Experimental Travel ist Joel Henry. Der 55-jährige Franzose ist Journalist und Schriftsteller. Die Idee des experimentellen Verreisens entstand 1990 bei einem Abendessen mit Freunden. Ziel ist es, auf phantasievolle und abwechslungsreiche Art und Weise unbekannte Orte zu entdecken, oder Altbekanntes neu zu erkunden.

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