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"Bitte nicht auf die Echse treten!"

Die Galapagos-Inseln vor der Küste Ecuadors sind eine fabelhafte Welt für sich. Das Reich der furchtlosen Tiere, einst nur Ziel von Kreuzfahrten, lässt sich nun auch umweltfreundlich mit öffentlichen Fähren erforschen.

Von Uta van Steen

  Menagerie im Meer: Achtung, Drachen kreuzen! Vor Santa Cruz wechselt eine Meerechse die Seiten. Angst vor Menschen? Hat sie nicht. Schließlich sind der gesamte Archipel und die Gewässer drumherum ein geschützter Nationalpark. 

Menagerie im Meer: Achtung, Drachen kreuzen! Vor Santa Cruz wechselt eine Meerechse die Seiten. Angst vor Menschen? Hat sie nicht. Schließlich sind der gesamte Archipel und die Gewässer drumherum ein geschützter Nationalpark. 

In den Balsambäumen an der Academy Bay lauern fette Pelikane. Auch auf den Decks der Boote, die an der Hafenmauer festmachen, stehen sie in Zweierreihen und starren auf die zementierte Theke von Maria José Negrete an der Hafenmauer von Puerto Ayora, der hübschen Hauptstadt auf Santa Cruz. Ab und an lassen Männer aus Plastiktrögen Barrakudas, Barsche und rosa Langusten darauf flutschen.

Auch ein Seehund verfolgt jeden Handgriff von Maria. "Der Kleine kommt schon seit Jahren", sagt die Fischverkäuferin, zückt ihr Messer und wirft ihm ein Stück Flosse hin. "Aber mein merkwürdigster Besucher ist ein winziger gelber Vogel. Der interessierte sich erst nur für die Fliegen auf den Filets – anders als der da", ruft sie und schubst einen besonders dreisten Pelikan beiseite. "Aber inzwischen ist er total scharf auf den Fisch selbst. Langusten schmecken ihm am besten. Guckt mal, da oben sitzt einer!", ruft sie und stößt das Tranchiermesser in die Luft.

Und wie zur Illustration von Charles Darwins Kredo vom "Survival of the Fittest" flattert das Tierchen auf die Theke. Denn Maria sprach natürlich vom Darwinfinken, der den legendären Naturforscher mit seinen Essgewohnheiten zu seiner berühmten Theorie inspirierte, so die Legende. Die besagt, dass die Arten im Überlebenskampf siegen, die sich ihrer Umwelt am besten anpassen. So wie der Vogel eben. Denn ob Kaktus, Samen, Obst oder Blut – dem später nach seinem Entdecker benannten Finken schmeckt in seinem Dschungelcamp einfach alles.

13 Inseln und 100 Inselchen

Heute würden Charles Darwin die "Gärten der Hölle", wie er Galapagos 1835 taufte, wohl besser gefallen. Doch damals fand er das vulkanische Insel-Potpourri, das die "Beagle" rund 1000 Kilometer vor der Küste Ecuadors ansteuerte, um Schildkrötenfleisch zu kapern, erst einmal nur abstoßend. Anstatt in Primärfarben zu schillern, wie es sich für Tropeninseln gehört, drucksten die vier größten und mittlerweile bewohnten – Santa Cruz, Isabela, San Cristobal und Floreana – im strahlenden Wasserblau in allen Nuancen von Tristgrau, Schlamm, Taupe und Schlick herum. Ein käsebleiches Baumskelett und Büsche waren auf den ozeanischen Geröllhalden schon eine enorme Abwechslung.

Erst allmählich entdeckte der Forscher, wie abwechslungsreich die Landschaft auf den 13 Inseln und mehr als 100 Inselchen mit ihren vielen Klimazonen wirklich ist: Samtweiche Sandstrände wie die Tortuga Bay auf Santa Cruz, Mangrovendickichte und trockene Grassteppen verschmelzen mit Regenwäldern und hohen Basaltgebirgen wie auf Isabela. Rote Flechten überziehen im November die Felsen. Smaragdgrüne Kakteen sehen aus wie Bäume, ihren Stamm könnten zwei Arme nicht immer umfassen.

Manche Ureinwohner sind allerdings von Fremdlingen verdrängt worden: Die aus Indien eingeschleppte Brombeere überwuchert Scalesiabäume, und von Piraten mitgebrachte Ziegen machen sich über Bananen und Äpfel auf den Plantagen her. Für Polizei und Umweltschützer ist das Eindringen nicht endemischer Arten neben dem Wildtierhandel das größte Problem: Jede Handtasche wird deshalb akribisch auf fremde Tiere und Pflanzen kontrolliert, selbst wenn man nur von einer Insel zur anderen schippert.

Im Outdoor-Laboratorium für Naturkunde

300 Jahre vor Darwin verirrten sich die ersten Angehörigen der menschlichen Spezies in das Weitweitweg-Land. Bis auf die trägen und leckeren Schildkröten ließen die Glücksritter, Desperados und Piraten die weniger delikaten Tiere in Ruhe, und so kam es, dass die Vögel, Seehunde und Meerechsen niemals lernen mussten zu fliehen, sich prächtig vermehrten und das Inselreich zum Outdoor-Laboratorium für Naturkunde wurde. Riesige Landschildkröten, inzwischen die Lieblinge des Atolls, paradieren selbst Hauptstraßen entlang. Jede Insel hat ihre eigenen Unterarten. Einige aber wurden unwiderruflich abgeschlachtet: Der legendäre "Lonesome George" etwa war der letzte seiner Art der Pinta-Riesenschildkröten.

Heute sperrt die Regierung Ecuadors den Zuzug von menschlichen Siedlern – selbst Ehepartner vom Festland bekommen erst nach Jahren Bleiberecht. Denn nach jahrhundertelanger Isolation werden die Inseln nun als Atoll der Seligen gehypt, als eines der letzten Naturparadiese der Welt. Julian Quimi (65) zum Beispiel, selbst Einwanderer vom Festland, der lange Präsident der Fischereikooperative auf Santa Cruz war, sagt schlicht: "Ich lebe im Himmel. Man kann in der Schönheit seiner Umgebung versinken, muss seine Haustür nicht abschließen, alle kennen sich, es gibt keine Kriminalität, dafür genug Arbeit."

"Und was ist mit den Touristen?", frage ich beklommen. Denn die, so meine Befürchtung, müssten ihm eigentlich furchtbar auf die Nerven gehen. Klettern seit Anfang der Siebziger auf Seelöwenfelsen herum, scheuchen Blaufußtölpel auf, verschwenden kostbares Wasser und verschmutzen mit ihren Kreuzfahrtschiffen das Meer. Mittlerweile sind es über 200.000 im Jahr.

Julian aber weist wortlos auf die funkelnde Academy Bay, durch die Wassertaxis flitzen. Auf die Radwege von holländischen Dimensionen. Auf baumbestandenen Sträßchen halten sich die Minibusse und Jeeps ans Tempolimit. Auf der Promenade buchen Urlauber Touren zum Tauchen und Wandern, trinken Mojitos und machen Selfies an einem der ungezählten Echsen-Standbilder, Schildkröten-Statuen und Fisch-Plastiken.

"Natürlich muss der Tourismus reguliert werden"

"Diese Mär von Früher-war-alles-besser", sagt Julian, "ist doch Quatsch." Er zieht so erregt an seiner kubanischen Zigarre, dass Wölkchen in die Luft steigen wie flauschige Albatrosbabys. Als er etwa zeitgleich mit den ersten Urlaubern zum Langustenfischen auf die Insel reiste, war er 17, einsam und wollte nur eines: zurück aufs Festland. "Es gab keinen Strom und kein fließendes Wasser", zählt er auf, "kein Fernsehen, keine Bars, keinen Arzt, keine Busse, noch nicht einmal Straßen." Als dann der Tourismus in den Neunzigern Fahrt aufnahm, sei alles besser geworden. Und dann nochmal vor ungefähr zehn Jahren, als die Urlauber in den ersten Pensionen an Land schlafen konnten. "Natürlich muss der Tourismus reguliert werden", sagt er. "Wir wissen doch alle, dass die Inseln den Tieren gehören und wir nur Gäste sind."

97 Prozent der Inseln und 99 ihrer Gewässer sind als Nationalpark und – gefährdetes – Welterbe streng geschützt, kontrolliert von der Nationalparkverwaltung in Puerto Ayora. Aber die Balance des Ökosystems mit etwa 40 Prozent endemischen Arten ist delikat. Allein die 30.000 Einwohner, ihre Hunde und Katzen wirbeln es durcheinander, genauso wie Keime und Parasiten in Lebensmittellieferungen – und natürlich der Schmutz, den die Schiffe mit sich bringen. Ohne Tourismus aber droht die Verarmung, und so setzen sich Organisationen wie die "Galapagos Conservancy" für nachhaltigen Urlaub ein, betrieben von einer stattlichen Anzahl lokaler und internationaler Veranstalter.


Übernommen aus: "Geo Saison", Heft April 2016. Dort finden Sie auch die ungekürzte Reportage und den ausführlichen Serviceteil.

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