Drucken | Fenster schließen    

Im stillen Osten Arabiens

Höher, schneller, weiter: Während Dubai und Abu Dhabi in der Finanzkrise straucheln, geht es im Oman gemächlicher zu. Das Land im Osten der Arabischen Halbinsel entwickelt sich zu einem touristischen Ziel. Wer das echte Arabien sehen will, muss in den Oman fahren. Von Malte Krebs

Bevor es mit dem Landcruiser ins Landesinnere geht, muss Achmed an der Stadtautobahn von Maskat tanken. Umgerechnet etwas mehr als 20 Euro für die 120 Liter Diesel, für europäische Autofahrer ist der Oman ein Paradies. Beunruhigend nur, dass beim Tanken der Motor läuft. Wegen der Klimaanlage, sagt Achmed. Er kennt seine Gäste und weiß, dass sie sich erst an das trockene Wüstenklima gewöhnen müssen.

Ob hier Frauen auch fahren dürfen? Komische Frage, findet Achmed, bleibt aber äußerst höflich: Natürlich gibt es im Oman weibliche Autofahrer, schließlich ist das hier nicht Saudi-Arabien. Frauen gehören sogar dem Ministerrat an, wenn auch nur vier. Und wie alle Parlamentarier sind sie in der absoluten Monarchie des Oman nur Berater von Sultan Qabus, der zugleich Staatsoberhaupt, Ministerpräsident, Außenminister, Verteidigungsminister und Oberbefehlshaber der Streitkräfte und der Polizei ist.

Die Quellen des Reichtums sind endlich

Seit er 1970 seinen eigenen Vater ins Exil verbannte und sich selbst auf den Thron setzte, hat Sultan Qabus das Land binnen weniger Jahrzehnte aus dem arabischen Mittelalter in die westliche Moderne katapultiert. Mit den Öl-Milliarden, die noch immer aus dem Wüstenboden sprudeln, hat er seinem Volk kostenlose Schulen, eine flächendeckende Gesundheitsversorgung und Infrastruktur spendiert. Aber die Vorräte reichen nur noch für 15 Jahre, so schätzen Experten. Bis dahin muss sich der Staat von seiner Öl-Abhängigkeit lösen, müssen Alternativen und Perspektiven her. Nun sollen auch Touristen Geld ins Land bringen.

Erst Mitte der 90er Jahre hat sich das Sultanat dem Tourismus geöffnet. Der Oman gehört zu den am dünnsten besiedelten Regionen der Welt, die drei Millionen Einwohner verteilen sich auf einer Fläche, die annähernd so groß ist wie Polen. Anders als in den Emiraten, wo man ein Millionenheer von Gastarbeitern für sich schuften lässt, arbeiten im Oman fast nur Einheimische - auch das gehört zum Zukunftsplan für die Zeit nach dem Öl.

Verzicht auf Massentourismus

In seiner weißen Dischdascha, dem bodenlangen Gewand, Turban und Oakley-Sonnenbrille steuert Achmed durch den dichten Verkehr. Die Fahrt aus der Hauptstadt geht vorbei an schlichten Neubauten im maurischen Stil, protzigen Miniaturpalästen und kleineren Shopping-Malls, auf denen die bekannten Logos westlicher Fastfood-Ketten leuchten. Blumenrabatten und Fähnchen im Mittelstreifen, auf den Verkehrsinseln akkurat geschnittene Büsche - im Vergleich zu den Glas- und Stahl-Metropolen Dubai und Abu Dhabi wirkt die omanische Hauptstadt eher wie ein beschaulicher Kurort.

Der Flughafen von Muskat wird modernisiert und ausgebaut, man rüstet sich für die wachsende Zahl von Touristen. Bisher fehlen noch die Hotelburgen, und viele Oman-Besucher hoffen, dass das noch lange so bleibt. Zudem sind Temperaturen von über 40 Grad von Juni bis September auch für Sonnenhungrige kein Spaß.

Ruinen werden Weltkulturerbe

Statt auf Baurekorde und Megaprojekte setzt man hier auf eine behutsame Entwicklung - und auf das eigene kulturelle Erbe, das einmalig ist auf der arabischen Halbinsel. Unverfälschte Kultur, monumentale Gebirge, fast unberührte Wüsten. Dazu 1700 Kilometer Küste mit unverbauten Stränden. Von hier aus soll Sindbad der Seefahrer in See gestochen sein, um Handel zu treiben, später kamen Portugiesen und Briten als Kolonialherren. Mehr als 500 Festungen erinnern an Omans bewegte Vergangenheit. Von einigen stehen nur noch die Ruinen, manche sind gut erhalten.

"Manchmal schneit es da sogar", sagt Achmed und zeigt auf die gewaltigen Felsen, die sich hinter einer riesigen Dattelpalmen-Oase erheben. Das bis zu 3000 Meter hohe Haschar-Gebirge zieht sich von der Grenze zu den Vereinigten Arabischen Emiraten im Norden bis zum Indischen Ozean im Südosten. Inmitten des satten Grüns der Palmen steht die mächtige Festungsanlage von Nakhl. Etwas ratlos steht Achmed am Rand, während etwa 30 Touristen einem Guide lauschen, der von der über tausendjährigen Geschichte des Gemäuers berichtet. Wie Achmed geht es noch vielen Omanis, die den Wert der alten Bauten erst langsam begreifen. Schließlich wurden architektonische Relikte aus der Vergangenheit bis vor kurzem dem Erdboden gleich gemacht. Seit der Sultan auf Tourismus als Einnahmequelle setzt, werden auch halb verfallene Forts wieder aufgebaut, manche von der Unesco sogar zum Weltkulturerbe ernannt.

Obwohl sich in den letzten Jahren die Gästezahlen jährlich fast verdoppelt haben, sind die Folgeerscheinungen des Tourismus bisher ausgeblieben: Keine aufdringlichen Händler, keine bettelnden Kinder, Touristen werden von selbstbewussten Einheimischen als Gäste empfangen, und Frauen können unbefangen durchs Land reisen. Besonders deutlich wird das im Souk inmitten der Altstadt von Maskat. In den labyrinthartigen Gängen duftet es nach Weihrauch, Rosenwasser und indischen Gewürzen. Hier wird ohne Hektik gehandelt, um Safran, Silberschmuck und Kleidung. Die selbstbewussten Omanis sitzen ruhig in ihren Läden. Sie wissen, was sie anzubieten haben und kennen den Wert ihrer Waren.

Weitere Infos Beste Reisezeit: Oktober bis Mai
Flüge: Oman Air fliegt direkt ab Frankfurt oder München nach Maskat.
Reisen: Pauschaltrips haben viele Veranstalter im Programm. Auch individuell reist man sicher. Weil es nur wenige Hotels gibt, sollte man langfristig planen.
Infos: Oman Tourism

© 2014 stern.de GmbH