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Der neue Sound von Harlem

Was hat Harlem nicht alles erlebt: das Weltereignis Jazz, die Jahre des Ghettos, Jahrzehnte der mörderischen Gangs. Heute kehren Lässigkeit und Musikalität zurück. Ein Besuch im magischsten aller Viertel New Yorks.

Von Alexandra Kraft, New York

  Afterparty im Red Rooster, eines der angesagtesten Bar-Restaurants in Harlem

Afterparty im Red Rooster, eines der angesagtesten Bar-Restaurants in Harlem

Das Herz von Harlem schmeckt nach Blumenkohl und Schweinerippchen, Champignons, dicker Brühe und Zukunft. East Village? Soho? Chelsea? Auch ganz schön, ja, aber doch von gestern. Herein ins einstige New Yorker Gangster- und Drogenviertel Harlem. Hinein in den "Red Rooster" am Schnittpunkt zweier Boulevards mit berühmten Namen: Malcolm X und Dr. Martin Luther King.

Und keine Angst, Marcus Samuelsson hat noch anderes als sein "Heart of Harlem" im Angebot, anderes als einen Kohleintopf: Es riecht in seinem Laden auch nach Kreuzkümmel und Koriander, orientalisch eingelegtem Rettich und gegrilltem Oktopus.

Der "Red Rooster" gehört zu den erfolgreichsten Restaurants, Patron Samuelsson zum neuen Establishment des Viertels. Ein in Äthiopien geborener, in Schweden bei Adoptiveltern aufgewachsener Koch von 45 Jahren, der die menschliche Intensität des Viertels so sehr schätzt. Und die Ethnien in der Küche fusioniert. "Als ich vor zehn Jahren ankam, wurde ich mit überwältigender Herzlichkeit aufgenommen", sagt Samuelsson, "ich habe mich nie vor Harlem gefürchtet."

Der Harlem-Way-of-Life

Das Viertel im Norden Manhattans erlebt einen ungebrochenen Aufschwung. Neue Museen, Theater und Jazzkeller reihen sich aneinander und schaffen reizvolle Kontraste zu den stuckverzierten Stadtvillen der 1920er Jahre. Sie sind Relikte der "Harlem Renaissance", jener legendären Ära der afroamerikanischen Musiker, Tänzer und Schauspieler.

An mancher Fassade finden sich Einschusslöcher; stille Symbole für den Absturz in den 1980er Jahren. Gangs beherrschten die Gegend jenseits der 110ten Straße, Schießereien und Morde gehörten zum Alltag. Harlem wurde ein Ghetto für Afroamerikaner, in das sich kaum mehr ein Weißer wagte. Wer mit der U-Bahn-Linie 2 oder 3 vom Times Square nach Harlem fuhr, stieg in einer anderen Welt aus.

Die Kriminalitätsrate ist dramatisch gesunken

"Dieses alte Bild haben heute noch viele im Kopf", sagt Samuelsson. Er sitzt an der Bar des "Red Rooster". An den Wänden hängen Bilder, gemalt von jungen Künstlern aus der Nachbarschaft. In einem Röhrenfernseher läuft das Video von einem Auftritt James Browns im Apollo Theater um die Ecke. "Harlem wurde von Armut und Kriminalität fast in die Knie gezwungen, aber die Musiker, die Künstler, die Immigranten und all die anderen wunderbaren Menschen richteten es wieder auf", sagt Kurs in der Sicherheitspolitik. Wie in ganz New York ist die Kriminalitätsrate dramatisch gesunken, die Mieten sind vergleichsweise günstig.

  Ausgelassenen feiern: Partynacht in einer Nachbarschaftskneipe im Harlem 

Ausgelassenen feiern: Partynacht in einer Nachbarschaftskneipe im Harlem 


Erst waren es Familien, die aus den Häuserschluchten der Innenstadt in die renovierten Stadthäuser zogen, später folgten Musiker, Maler, Medienmacher. Heute leben auch Prominente wie der Schauspieler Neil Patrick Harris in Harlem. Jonathan Franzen schrieb hier seinen Welt-Bestseller "Die Korrekturen". Es ist vor allem das Lebensgefühl, das sie alle lockt, diese Melange aus Leichtigkeit, Transparenz und Zugewandtheit.

Sonntags wird sich herausgeputzt

Die Menschen sitzen abends auf den Treppenstufen und reden miteinander. Diesem Harlem-Way-of-Life lässt sich an Sonntagen nachspüren, wenn aus den Kirchen erst die Gospelklänge durch die Straßen ziehen und dann die Gottesdienstbesucher: herausgeputzt für den Herrn und die Welt. Mit mächtigen Frisuren, extravaganten Hüten, bunten Kleidern und schwarzen Anzügen. Sonntagsstaat halt.

Es sind die Sonntage, die auch an einem anderen Ort, in einem 14-stöckigen Wohnhaus an der Edgecombe Avenue, so sinnbildlich für Harlem stehen. Das Haus trägt die Nummer 555. Das ist wichtig zu wissen, denn hier ist jedermann willkommen, der den Jazz mag, die teuren Downtown-Manhattan- Clubs wie das "Birdland" aber meiden möchte oder muss. Seit fast einem Vierteljahrhundert verwandelt Marjorie Eliot ihre Wohnung in einen Konzertsaal.

An jenem Sonntag, als wir sie besuchen, ist es mal wieder besonders eng: In Flur, Küche und Wohnzimmer sitzen in buntester Mischung etwa 50 Menschen: Europäer und Asiaten, Studenten, Rentner und die unvermeidlichen New Yorker Hipster. Auf den Tischen und Tischchen stehen Müsliriegel und Apfelsaft, an den Wänden kleben Zeitungsausschnitte früherer legendärer Jazzkonzerte.

Liebhaber aus aller Welt

Als Marjorie Eliot mit vogelwild abstehenden Haaren und weißem Strickkleid hereinkommt, wirkt sie zerbrechlich. Behutsam und langsam bahnt sie sich den Weg zum Klavier. Kaum aber hat sie Platz genommen, da durchströmt Marjorie Eliot Energie. Sie trifft mit so viel Kraft die Tasten, dass ihr kleiner Körper auf dem Klavierstuhl auf und ab hüpft. Nach den ersten Tönen des Gospels "Go Tell It On The Mountain" klatschen alle mit.

Die Konzerte sind für sie Lebenselixier und Therapie. "1992 starb mein Sohn Phil mit 32 Jahren – an einem Sonntag", sagt die ehemalige Klavierlehrerin mit zittriger Stimme. 14 Jahre später starb ein weiterer Sohn, Michael, mit 47 Jahren an einer Hirnhautentzündung.

  Galakonzert im Apollo Theater unter dem Motto 'A Great Night in Harlem': Auftritt von Donald Fagen, Randy Brecker und Billy Harper.

Galakonzert im Apollo Theater unter dem Motto 'A Great Night in Harlem': Auftritt von Donald Fagen, Randy Brecker und Billy Harper.


Wie viele solcher Prüfungen kann ein Mensch ertragen? "Damit der Schmerz mich nicht überkommt, versuche ich, mit Musik Freude in das Leben anderer zu bringen", sagt Eliot. Die Besetzungen wechseln, heute wird sie von ihrem Sohn Rudel Drears am Bass begleitet. Ein Franzose spielt Saxofon, ein Japaner Trompete. "Das sind alles meine Freunde", sagt die alte Dame.

Wo Duke Ellington und Count Basie lebten

Ihre Konzerte nennt Marjorie Eliot Parlor Jazz. Private Musik-Soirees hatten im Harlem der 40er und 50er Jahre Tradition, Jazzliebhaber aus aller Welt reisten extra an. Auch die 555 Edgecombe Avenue hat eine Geschichte. Und was für eine: In diesem 1916 gebauten Haus lebten die Jazzlegenden Duke Ellington und Count Basie. Das war vor Marjorie Eliots Zeit. Sie ist, ja wie alt ist sie eigentlich? Da schweigt sie hartnäckig. Und sagt dann, als habe sie mit ihren geschätzten Ende 80 das Leben erst vor sich: "Ich hoffe, dass in Harlem jetzt glänzende Zeiten vor uns liegen." 

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