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Feilschen wie die Kalifen

Wie die burgähnlichen Kasbahs - Festungen früherer Herrscher - drohen die Traditionen der marokkanischen Stämme zu zerbrechen. Die Berber sind heute nur noch einmal in der Woche Nomaden - wenn sie kilometerweit zum Markt ziehen.

Von Peter Linden

In der Abendsonne leuchtet die Kasbah wie eine mittelalterliche Burgruine. Wie rote Zähne blitzen die Reste der Mauern aus Lehm und Stroh in den dunkelblauen Himmel, während die Gipfel des Hohen Atlas hinter einem bleigrauen Vorhang verschwinden. In dieser Stunde zwischen Tag und Nacht erwachen für Momente orientalische Mythen zum Leben.

Der alte Kalif Hadj Lahcin Bazzi taucht auf, gehüllt in blütenweiße Kriegermontur, hoch zu Ross. Dahinter seine Gefolgsleute, ebenfalls in Weiß, bewaffnet mit langen Büchsen und Säbeln. Sie alle gehören zu den Talgjount, einem weithin berüchtigten Berber-Stamm. Sie werden auf Beutezug gehen, die Männer um Hadj Lahcin. Die grünen Flusstäler hinauf. Oder hinunter in die Oasen am Rande der Sahara.

Seitdem zerrinnt die Vergangenheit

In der Abendsonne leuchten die dunklen Augen von Mohamed Bazzi und sehen der Kasbah von Lahcin Bazzi beim Verfallen zu. Was aussieht wie ein Stück Mittelalter, war bis 1975 der Wohnsitz von Mohameds Großvater. Dann starb der alte Kalif, doch Omar, der den Titel eines Scheichs erbte, konnte es sich nicht leisten, die Kasbah zu erhalten. Omar beschloss, in das Haus der Familie unten im Dorf Indermas zu ziehen. Und seit diesem Tag zerrinnt die Vergangenheit der Talgjount.

Jeder Tropfen Regen, jeder Windstoß, vor allem aber die alles ausmergelnde Hitze des Sommers lecken, rütteln, zehren an der Kasbah. Als erstes stürzte das Dach ein, traditionell getragen von Baumstämmen und quer gelegten Bambusrohren. Dann rissen die Wände oder fielen einfach um. Und manchmal, vermutet Mohamed Bazzi, kommen wohl auch die Menschen aus dem Dorf, um mit den Resten der Kasbah ihre eigenen Häuser zu retten.

Kein Staat störte die brutale Ordnung der Berge

Fast jeden Abend sitzt Mohamed im Innenhof des Familiensitzes im Dorf Indermas und blickt hinüber auf die Burg. Manchmal geht er auch in den Saal, in dem sich sein Onkel Omar und die Alten der Talgjount noch immer treffen, und betrachtet das Bild: Der alte Lahcin Bazzi hoch zu Ross, seine Gefolgsleute, bewaffnet und in weißer Montur - das haben sie sich kurz vor dem Tod des Großvaters noch festhalten lassen von einem Fotografen aus der Stadt. Als Erinnerung an das, woran sie sich selbst nicht mehr erinnern können.

An Zeiten, da die Berber freie Stämme waren und Kalifen und Scheichs mächtige Männer. Kein Staat, kein König, nicht einmal die Araber störten die manchmal brutale Ordnung in den Bergen. Doch dann kamen die Franzosen, das war 1912. Und 1956 kam der unabhängige Nationalstaat. Heute erhalten die Kalifen ihre Befehle vom Innenminister. Und Scheichs wie Omar, 300 an der Zahl, kümmern sich darum, dass die Berber die Befehle auch befolgen.

Für die meisten Stämme herrscht Stille

Viel gibt es nicht zu befehlen in diesen Zeiten, in denen die alten Kasbahs zerfließen wie die Tage, Monate, Jahre. Die Berber im Hohen Atlas sind arm. Die jungen Männer suchen Arbeit in Marrakesch oder in Casablanca oder in Frankreich. Und die Frauen hoffen, dass ihre Männer irgendwann zurückkehren mit einem Auto, einem Fernseher oder ein bisschen Glück.

Die wunderbare Stille dieser Berge, die sich bis auf 4167 Meter erheben wie eine Barriere gegen den gnadenlosen Sand aus dem Süden - sie ist auch eine Stille der Einsamkeit. Mancherorts, in Ahmed zum Beispiel, haben sich die Berber umschulen lassen zu Bergführern und stürmen mit Touristen die Gipfel. In Imilchil verkaufen die Berber ihr traditionelles Hochzeitsfest als folkloristische Spektakel. Und entlang der Passstraßen verkaufen die Berber Fossilien aus den vielen Steinbrüchen. Für die meisten Stämme aber herrscht Stille.

"Früher waren wir auch alle Nomaden"

Mohamed Bazzi ist nach 14 Jahren beim Militär zurückgekehrt nach Indermas. Weshalb, weiß er selbst nicht. Er hätte in die Stadt gehen können, doch das hätte er vermutlich nicht ausgehalten. "In der Stadt", schreibt der marokkanische Schriftsteller Driss Chraibi, "leben nur gezähmte Tiere. Die noch ein bisschen Stolz in sich haben, sperrt man in Zoos. Und mit den Menschen verfährt man genauso."

Also sitzt Mohamed Abend für Abend in Indermas und sieht der Burg seines Großvaters beim Verfallen zu. Scheich Omar, sein Onkel, sitzt manchmal daneben in seinem blauen Gewand und mit seinem weißen Turban. Auf seinen Stock gestützt, sagt Omar dann Sätze wie: "Wenn die Jungen weggehen wollen, sollen sie doch gehen. Früher waren wir auch alle Nomaden."

Eine Kartoffel dient als Scheibenwischer

Heute sind sie es noch einmal pro Woche. Nur Allah weiß, wieso die Berber des westlichen Hohen Atlas ausgerechnet in Tigouga ihren größten Markt abhalten. Auf 2500 Metern Höhe. Am Ende abenteuerlicher Pisten. In dünner Luft. In gottverlassener Kargheit. Aber sie tun es. Aus einem Umkreis von 40 Kilometern ziehen sie zu dem staubigen, mit buntbemalten Garagen umbauten, sanften Abhang. Und jeden Montag verwandeln sich diese plötzlich in Geschäfte und Cafés. Manchmal fährt Mohamed am Sonntagnachmittag mit Houmad Bazzi hinauf nach Tigouga. Houmad ist ein ferner Verwandter. Houmad besitzt einen hellblauen Nissan Junior.

Houmads Nissan ist in einem ähnlichen Zustand wie Mohameds Kasbah. Die Fahrertüre geht nicht zu, Houmad hält sie mit der linken Hand fest. Die Beifahrertüre geht nicht auf, Houmad hat sie mit einem eisernen Riegel verbarrikadiert. Die Scheibenwischer sind defekt. Die Motorkühlung auch. Beides ersetzt eine Kartoffel auf dem Gebläse im Armaturenbrett. Mit dem Saft der Kartoffel würde Houmad die Windschutzscheibe einreiben, damit das Regenwasser besser abperlt. Solange es nicht regnet, umgreift Houmad die Kartoffel immer wieder, um zu überprüfen, wie überhitzt der Motor schon ist. Manchmal geht der Motor einfach aus, bergab startet ihn Houmad mit der Kupplung wieder. Bergauf hilft sein unerschöpfliches Werkzeug hinter der Bank im Führerhäuschen. In manchen Fällen tut es auch ein schlichtes Seil, etwa, wenn Houmad den Lenkradschalter festbindet, damit der erste Gang nicht ständig herausspringt.

Warme Cola ist der Inbegriff von Luxus

Die Fahrt nach Tigouga ist für viele Höhepunkt des Wochenablaufs. Die Metzger der Talgjount springen jeden Sonntag auf die Ladefläche von Houmads Nissan. Die Gemüsehändler. Die Händler mit frischen Kräutern und frischer Minze für den Tee. Die Viehhändler steigen zu, ein paar Ziegen oder Schafe unter den Armen. Wer auch immer am Wegesrand wartet: Houmad nimmt ihn mit.

Bloß die Coca-Cola-Kisten werden von besonderen Spediteuren auf den steinernen Pisten zum entlegensten Markt des Hohen Atlas transportiert. Für manchen Berber ist es der Inbegriff von Luxus, einmal in der Woche eine warme Coca Cola für vier Dirham zu trinken.

Dörfer so rotbraun wie die Berge

Die Fahrt im hellblauen Nissan führt durch tiefe, rötlichbraune Schluchten, in denen kühle Quellen entspringen. Sie führt vorbei an mühsam errichteten und raffiniert bewässerten Terrassenfeldern, auf denen die Bergbewohner Weizen, Gemüse, Kartoffeln kultivieren. Sie führt durch Dörfer aus Lehm, rötlichbraun wie die sie umgebenden Berge.

Auf den Hängen sitzen Wacholderbäume, Walnussbäume, Arganien und Zedern, einzeln, in gemessenem Abstand, damit die Wurzeln sich ausbreiten können auf der Suche nach Feuchtigkeit. Die Fahrt führt auch vorbei am Grab Sidi Abdullah O'Saids, der im 16. Jahrhundert wie ein Schamane Wunder wirkte. Zu Sidi Abdullah O‘Said pilgern die Berber noch heute, wenn weder Ärzte noch Allah helfen können.

Schätze alter Kalifen und Scheichs

Die Fahrt im hellblauen Nissan führt in ein Gebiet, in dem kein Haus fließendes Wasser hat. Stromleitungen gibt es nicht. Telefonleitungen oder Funknetze auch nicht. Wer Glück hat und einen Verwandten in der Stadt, kann sich vielleicht eine Solarstromzelle aufs Dach setzen. Wer Pech hat, haust zwischen vier kargen Wänden ohne Fenster, ohne Schmuck und heizt im Winter mit Gas.

Immer wieder muss Houmad seinen hellblauen Nissan anhalten, weil Bautrupps Erdrutsche beseitigen oder weggeschwemmte Straßenteile flicken. Mohamed Bazzi glaubt, dass die Bauarbeiter ihre Arbeit gerne tun. Denn überall, so die Sage, liegen im Hohen Atlas Schätze alter Kalifen und Scheichs begraben. Am Rand der Passstraßen, am Grab Sidi Abdullah O'Saids. Auch unter der Kasbah seines Großvaters vermutet Mohamed einen Schatz.

Das Schicksal der Kuh ist besiegelt

Jeder kennt Houmad, Houmad kennt jeden. Mohamed trifft Freunde und Verwandte, und die treffen Mohamed. Alle, die da vom hellblauen Nissan springen, springen in offene Arme. Der Markt in Tigouga gehört den Männern aus dem Hohen Atlas. Die Viehhändler gehen noch am Sonntag an die Arbeit.

Ali, der Metzger der Talgjount, begutachtet Hühner, Schafe, Ziegen, Rinder. "Oho, oho", ruft er, sobald ein Viehhändler einen Preis nennt. Eine Kuh für 2500 Dirham? Oho!, nein! Die Viehhändler ziehen sich zurück. Die Metzger ziehen sich zurück. Neue Verhandlungsrunden. Oho, oho. Zurückziehen. Handeln. Weggehen. Nachrufen. Ali rollt 1700 Dirham in bar zusammen und drückt sie einem Händler in die Hand. Oho, ruft der, oho! Ali will schon einschlagen, der Händler ziert sich. Bei 1800 Dirham endlich klatschen zwei Hände kraftvoll ineinander. Das Schicksal der Kuh ist besiegelt.

Farbe in der Tristesse des staubigen Alltags

In Tigouga gibt es keine Moschee. Also läuft der Muezzin bei Sonnenaufgang einen Berghang auf und ab und ruft zum ersten Gebet des Montags. Doch die Männer in Tigouga sind längst wach. Trinken eine Schale Askif, dickflüssigen Weizenbrei, trinken ein Glas zuckersüßen Minztee.

Dann explodiert der Markt. Alle Garagentore gehen auf. Kräuter, Gemüse, Plastik, Blut, alles färbt die Tristesse des staubigen Abhangs so knallbunt wie jeden Markt in jeder Stadt. Alis Kuh hängt in Teilen an silbernen Haken, ein Händler aus der Stadt preist praktische Nadeln an, mit denen Teppiche viel schneller geknüpft werden können.

Mohamed wandert von Cafégarage zu Cafégarage, küsst seine Freunde und erzählt, was es zu erzählen gibt von den Talgjount, Scheich Omar und der alten Kasbah. Kleine Kinder laufen hinter den wenigen Fremden her und betteln um ein paar Dirham: Auch sie wollen handeln, feilschen, Markt spielen, montags, wenn die Schule selbstverständlich geschlossen bleibt.

Und Gott will wirklich

Dann hupt Houmad, die Hupe des hellblauen Nissan funktioniert. Abreise. Vier Stunden Wegs liegen vor den Männern der Talgjount, und Houmad möchte zurückkehren, ehe die Sonne untergeht. Abenteuerlicher noch als beim Hinweg, geht es nun über 1500 Höhenmeter hinab, gen Süden, mit Blick auf die Kette des Anti-Atlas, die Ödnis der Wüste, die grünen Streifen der Flusstäler. Als die Straße schmaler wird als sein Lastwagen, sagt Houmar nur "Inschallah!" - so Gott will.

Und Gott will wirklich. Wenige Kilometer vor Talgjount, auf einem Weizenfeld, erstmals Frauen. Singende Frauen, die sich dicke Bündel Weizen auf den Rücken binden, um sie ins Dorf zu tragen. "Sie singen nicht, weil sie fröhlich sind", sagt Mohamed plötzlich, als müsse er vor all seinen Freunden ein Missverständnis ausräumen, "sie singen, damit die Zeit vergeht. Und damit sie die Müdigkeit vergessen."

Wie rote Zähne in den dunklen Himmel

Zurück in Indermas, essen Houmad und Mohamed Tajine, den Eintopf, den die Berber immer essen. Gemüse, Kartoffeln, vielleicht auch Fleisch. Dazu Fladenbrot, das als Messer, Gabel und Löffel dient. Dann ein letztes Glas Minztee. In der Abendsonne leuchtet die Kasbah wie eine mittelalterliche Burgruine. Wie rote Zähne blitzen die Reste der Mauern aus Lehm und Stroh in den dunkelblauen Himmel, während die Gipfel des Hohen Atlas hinter einem bleigrauen Vorhang verschwinden.

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