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In Chinas weitem Westen: Die wilden Pferde sind zurück

In ihrer Heimat, dem Niemandsland zwischen Kasachstan, China und der Mongolei, waren sie bereits ausgerottet. Heute aber leben Przewalski-Pferde hier wieder in freier Wildbahn. Entdeckungen in einem der abgeschiedensten Gebiete der Erde.

Von Stefan Schomann

Ein Przewalski-Pferd in der weiten Steppe der Provinz Xingjang im Nordwesten Chinas.

Ein Przewalski-Pferd in der weiten Steppe der Provinz Xingjang im Nordwesten Chinas.

Es hat seinen eigenen Reiz, gewissermaßen durch die Hintertür zu betreten, auf dem Landweg nämlich. Zum Beispiel über die Dsungarische Pforte. Sie ist so etwas wie der Brenner von Zentralasien, der noch am einfachsten zu passierende Übergang zwischen Orient und Fernem Osten.

Von her kommend, muss die Eisenbahn weit in die Steppe hinein ausweichen, um das himmelhohe Tian Shan-Gebirge zu umfahren. Zu beiden Seiten erstrecken sich bis zum Horizont bleiche Grasbüschel auf noch bleicherem Boden, ausgedörrt von einer fahlen, weißen Sonne. Am Grenzposten Druschba ("Freundschaft") muss der Zug schließlich umgegleist werden, von der russischen Breitspur auf die auch in China gebräuchliche Normalspur. Zusammen mit den Grenzformalitäten zieht sich diese Prozedur über viele Stunden hin. Das Warten ist die geistige Entsprechung zur Steppe: gleichförmig und unausweichlich.

Die Entdeckung der letzten ihrer Art

Lassen wir die Gedanken also etwas schweifen. Rund 140 Jahre ist es her, dass Nikolai Michailowitsch Przewalski, ein russischer Forscher und Offizier polnischer Herkunft, östlich von hier die letzten der Erde entdeckte. Ihm zu Ehren wurden sie als Przewalski-Pferde benannt; bisweilen firmieren sie auch unter ihrem mongolischen Namen Takhi. Den Einheimischen waren sie natürlich seit je vertraut, und vereinzelt tauchten sie auch in der örtlichen Literatur auf. Bereits im 10. Jahrhundert hatte ein tibetischer Mönch sie erwähnt.

Und in der "Geheimen Geschichte der Mongolen" aus dem 13. Jahrhundert gerät kein Geringerer als Dschingis Khan durch eine Takhi-Herde zu Fall, die unvermutet seinen Weg kreuzt und sein Pferd scheuen lässt. Einerseits verehrten die Mongolen die Takhi als die "Ahnen" ihrer über alles geliebten Pferde – andererseits verfolgten sie sie bis zur Ausrottung. Im Westen dagegen hatte man bis zu Przewalskis Entdeckung keine Kenntnis von ihnen. Dabei war das Urwildpferd einst in ganz Eurasien verbreitet; eine der bekanntesten steinzeitlichen Darstellungen findet sich in der Höhle von Lascaux.

Es handelte sich um vergleichsweise kleine, sehr kraftvolle und ausdauernde . Typisch waren das isabellfarbene, also zwischen graugelb und goldbraun variierende Fell sowie der schwarze Aalstrich in der Mähne. Sie zogen in Herden durch die Steppen Innerasiens. Doch schon zu Przewalskis Zeit waren sie rar geworden, dezimiert durch Bejagung und durch die Konkurrenz domestizierter Pferde um Wasser und Weidegründe.

Rückkehr in die Wildnis

Auf chinesischem Gebiet erfolgte die letzte Sichtung in freier Wildbahn dann 1958, nachdem der Pekinger Zoo zuvor vergeblich zwei Fang-Expeditionen in die Dsungarei geschickt hatte. Aus der kamen noch bis Anfang der siebziger Jahre Berichte, danach mussten die Pferde als ausgestorben gelten. Lediglich in Zoologischen Gärten hatten einzelne Exemplare überlebt, die Gebrüder Heck im Münchner Tierpark Hellabrunn waren bei dieser Rettungszucht federführend gewesen. Die Zahl der Tiere war freilich 1945 mit etwa dreißig bedenklich gering.

Doch bis in die neunziger Jahre wuchs sie auf anderthalbtausend an. Nun konnte man daran gehen, einzelne Tiere in ihrem ursprünglichen Lebensraum auszuwildern. Zunächst in zwei Reservaten in der Mongolei, dem Chustain Nuruu-Nationalpark sowie der sogenannten "Gobi B", ab 2001 dann auch rund um das Kalamaili-Schutzgebiet in Xinjiang, auf halber Strecke zwischen Ürümqi und der Gobi. Darüber hinaus gibt es in China einige Zuchtstationen und Großgehege für Przewalski-Pferde, etwa bei Dunhuang.

Reiter in der Inneren Mongolei: im Gegentala Grasland

Reiter in der Inneren Mongolei: im Gegentala Grasland

Harte Winter, weitreichende Bergbau-Aktivitäten, aber auch etliche tödliche Verkehrsunfälle nach dem Ausbau einer Schnellstraße führten immer wieder zu Rückschlägen. Hinzu kommen natürliche Feinde wie die Wölfe. Dennoch liegt der Bestand in freier Wildbahn in China inzwischen bei etwa 150 Tieren. In den letzten Jahren hat sich ein engerer Kontakt mit Fachleuten der International Takhi Group (ITG) entwickelt. Parallel soll die Zusammenarbeit mit der Mongolei intensiviert werden, in der Hoffnung auf Reaktivierung alter Wanderrouten. "Wildtiere kümmern sich nicht um staatliche Grenzen", erklärte der schweizerische Biologe Reinhard Schnidrig, Präsident der ITG, kürzlich nach Gesprächen in Xinjiang. "Unser Traum wäre ein grenzüberschreitendes Schutzgebiet, das nicht nur die Tiere zueinander brächte, sondern auch die Menschen aus beiden Ländern verbinden würde."

In der gleichen Region südlich des Altai-Gebirges, in noch trockeneren und abgeschiedeneren Gebieten, hat auch das wilde, zweihöckrige Trampeltier überlebt, das Baktrische Kamel. Es wurde ebenfalls von Przewalski erstmals wissenschaftlich beschrieben. Anders als bei den Pferden hat die Wildform hier durchgängig überdauert, wenngleich in sehr geringer Zahl, so dass sie bis heute akut vom Aussterben bedroht ist. Um so wichtiger wird der Erhalt und Schutz des Lebensraums Steppe. Immerhin handelt es sich um die Stammformen von zwei der wichtigsten Nutztiere der Menschheit. Vieles spricht dafür, dass sie einst rund um den Altai domestiziert worden sind, möglicherweise noch mit dem Rentier im Bunde.

Eine Grenze im Nirgendwo

Es dunkelt bereits, als der Zug wieder anrollt. Von der Grenzstation weht eine muntere Fanfare herüber. Hier herrscht Ordnung, signalisiert sie. Hier herrscht Optimismus. Hier herrscht China. Es geht hinein nach Xinjiang, wörtlich "neue Grenze". Erst seit zwanzig Jahren durchquert die Eisenbahn dieses Gebiet. Zwar war der Anschluss des chinesischen Schienennetzes an die sowjetische Turksib schon in den fünfziger Jahren geplant, doch dann zerstritten sich die beiden Riesen, und statt schwüler Freundschaft herrschte fortan Permafrost. 1968 wurden entlang der Grenze massiv Truppen zusammengezogen, und die Feindseligkeiten hätten leicht zu einem Krieg eskalieren können, womöglich zu einem Atomkrieg. Vier Jahre zuvor hatte China in der Taklamakan seine erste Atombombe gezündet. Doch es blieb schließlich beim Kalten Krieg zwischen Nord und Süd.

Top-Sehenswürdigkeiten wie die Große Mauer dürfen sich mit dem Emblem des Fliegenden Pferdes schmücken.

Top-Sehenswürdigkeiten wie die Große Mauer dürfen sich mit dem Emblem des Fliegenden Pferdes schmücken.

Die dreihundert kasachischen Studenten im Zug vertreiben sich die Zeit lesend, plaudernd und kartenspielend. Sie studieren an chinesischen Universitäten. Dort, sagen sie, liegt ihre Zukunft. Die meisten fahren bis Ürümqi, manche auch bis Lanzhou. Wo sie im Provinzialmuseum von Gansu das berühmte Standbild des Fliegenden Pferdes bestaunen können. Eine gut zweitausend Jahre alte Bronzefigur, deren Entdeckung sich ausgerechnet der Krise mit der Sowjetunion verdankt. Damals wurden die Bewohner der Stadt Wuwei angewiesen, Unterstände für den Luftschutz auszuheben. Dabei stießen sie auf zweihundert Bronzefiguren in einem Grab, darunter das besagte Pferd.

Der Schriftsteller und Archäologe Guo Muruo wurde hinzugezogen und erkannte sofort die herausragende künstlerische Qualität des Fundstücks wie auch seine Symbolkraft als eine Art chinesischer Pegasus. Das Pferd scheint der Schwerkraft enthoben, touchiert die Erde allein mit dem rechten Hinterhuf. Doch was heißt hier Erde – eigentlich schwebt es gänzlich in der Luft, genauer auf einem Vogel, der mal als Schwalbe, mal als Falke angesehen wird.

Diese ungemein kraftvolle und stilistisch ganz eigenständige Tierplastik verkörpert Freiheit und kreatürliche Energie in Reinform. Bis heute bringt sie die Bewunderung zum Ausdruck, welche die Chinesen, die vor zwei Jahrtausenden in dieser unruhigen Grenzregion lebten, für die Steppenpferde hegten. Seit den achtziger Jahren verwendet das Staatliche Amt für Tourismus die Statuette als Emblem. Die besten Reiseziele des Landes dürfen sich damit schmücken. So ist das Fliegende Pferd zum Botschafter einer ganzen Kulturnation geworden.


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