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Junge Boys für alte Ladys

Für einige deutsche Urlauberinnen bedeutet Urlaub in Kenia Romantik, Zärtlichkeit und vielleicht auch Sex - mit den einheimischen Lovern. Doch das käufliche Tête-à-tête entpuppt sich für die meisten nur als große Illusion.

Von Roland Brockmann, Mombasa

Zu Hause sinken die Temperaturen, Zeit, in einen Ferienflieger zu steigen. Zum Beispiel nach Bamburi Beach an der Nordküste von Mombasa. Sanft wiegen sich hier die Palmen im Wind, und federnden Schrittes laufen hier auch einige gut gebaute Männer durch den Sandstrand. Manche spielen einfach Fußball. Andere verkaufen Kokosnüsse und wieder andere sich selbst.

Typen wie John. Eben stand er noch händchenhaltend mit einer Urlauberin in der warmen Brandung. Schwarz und Weiß, Mann und Frau, Hand in Hand. Hier so weit nichts Besonderes, aber John ist nicht nur einen Kopf kleiner als seine deutsche Geliebte, er wiegt auch weit weniger und ist nicht mal halb so alt wie sie: 24. Jetzt braucht er erst mal ein kaltes Bier.

Weiße Frauen zwischen 50 und 70 auf der Suche nach Romantik

Der Barkeeper weiß ganz genau, womit John sein Geld verdient. Aber das stört ihn nicht, sorgt der doch an der Bar für Umsatz. Für John ist es Routine. Wie andere im Büro geht er seiner Arbeit am Strand nach. Und die Urlauberin will im Grunde gar nicht wissen, weshalb John so zärtlich ihre Hand hält. (Nämlich, weil er seine eigene Frau und Kinder unterhalten muss.) Und kann man es den Rentnerinnen und Witwen verdenken, wenn sie ihre Einsamkeit vor der Mattscheibe im kalten Deutschland mit der Zweisamkeit bei Reggaemusik mit einem Afrikaner eintauschen? Vor allem wenn die im exotischen Massai-Dress am Strand auftauchen - schwer mit Perlen und Federn herausgeputzt, statt in der Massai Mara ihr Vieh hütend, lieber in Mombasa weißen Frauen nachjagend.

Offiziell gelten Leute wie John Mutua allerdings nicht gerade als Aushängeschild vom Urlaubsparadies Kenia. Tatsächlich sind sie stets auf der Flucht vor der Touristenpolizei. Und bieten doch eine der Attraktionen. Jedenfalls für weiße Frauen von 50 bis 70, die den deutschen Alltag gerne für ein paar Wochen in Kenia eintauschen - auf der Suche nach Sonne, Strand und mehr: gar nicht mal nur Sex, sondern Herzenswärme, Zärtlichkeit und Romantik.

Moderne Dienstleistungen für rund 200 Euro die Woche

John, ein Giriama, original von der Küste, setzt vor allem auf sein Lächeln. Auf keinen Fall dürfe man die Sache zu direkt angehen, erklärt er. Nicht gleich über Sex reden. "Das verschreckt viele Frauen." Belanglose Scherze ebnen den Weg. Zunächst zu einem Drink in einer Bar; da wird dann die Verabredung für den Abend klargemacht. Und danach? "Viele wollen erst mal ausgeführt werden, tanzen", sagt er. Dafür muss er dann zurück in sein Dorf und sich das passende Outfit besorgen: sportlich und natürlich Addidas oder Nike - und dazu Goldketten. Aber als Leihgabe vom Shop! Nicht jeder Beachboy kann sich solche Sachen selber leisten. Die Frauen wiederum bevorzugen den afrikanischen Stil: bunte Wickeltücher oder gar Rastafrisuren mit eingeflochtenen Perlen - Kulturadaption auf Urlaubszeit. Auch Rentnerinnen wollen heutzutage attraktiv aussehen.

Was aber geht überhaupt noch mit einer 70-Jährigen im Bett? "Oft bleibt es bei Zärtlichkeit: Kuscheln und natürlich massieren." Doch auch zum echten Sex komme es durchaus. "Das ist nicht immer ein Vergnügen", erzählt John, aber er sei eben ein moderner Dienstleister. Auch wenn er nie direkt nach Geld frage. "Das würde als Mann einfach nicht gehen." Am Ende des Urlaubs werde es freiwillig überreicht. Natürlich zahlen die Damen vorher bereits Restaurant- und Zimmerrechungen. Und auch wenn er sie zum Souvenirshop bringt, verdient John stets mit: Während "Brigitte" glaubt, einen guten Preis zu kriegen, weil sie doch mit einem Einheimischen zusammen ist, verhandelt John auf Swahili bereits seine Kommission. So ungefähr auf 150 bis 200 Euro pro Woche kommt John insgesamt. Sagt er. Fast das Vierfache eines Hotel-Rezeptionisten "Und wenn die Frau ein großes Herz hat, gibt sie mehr."

Liebesschwüre an Dutzende Frauen

Doch das Geschäft eines professionellen Lovers erfordert einiges Organisationstalent. Es kommt vor, dass Irmgard bereits am Gepäckband des Flughafens wartet, während Brigitte noch eincheckt. Eben hat der Lover sich eine (gespielte) Träne aus dem Auge gewischt, nun überreicht er Irmgard strahlend Blumen als Willkommensgeschenk. Doch allzu leicht verplappert man sich, und es überschneiden sich Urlaubstermine. Da ist dann schnell das Drama. Echte Tränen fließen, während der Geldstrom versiegt.

Vor allem Beziehungen zu großzügigen Damen werden langfristig gepflegt - sollen sie doch wiederkommen. Auf dem Postamt sieht man Boys, die 20 Postkarten Richtung Deutschland verschicken, an 20 verschiedene Adressen, versteht sich. 20 weibliche Empfänger, die sich jeweils für die Einzige halten und zurück in der Heimat über dieselben Liebesschwüre freuen. Obwohl Postkarten immer mehr von SMS verdrängt werden. "Nakupenda sana" - "ich liebe dich". So viel Swahili verstehen inzwischen auch die deutschen Frauen. Den älteren allerdings müsse man erst noch zeigen, wie man eine SMS verschickt.

John muss jetzt los. Ein anderes Date. Der Barkeeper sieht ihm grinsend nach. Warum macht er es nicht genauso, statt für 80 Euro im Monat zehn Stunden am Tag Bier auszuschenken? "Ja, warum eigentlich nicht?" Der Barmann hört für einen Moment auf, den Tresen zu wischen. "Nein, nein", sagt er dann, "das ist nichts für mich. Es gibt Dinge, die kann ich einfach nicht machen, auch wenn sie verlockend sind."

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