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Thailands stille Trauminsel

So romantisch wie früher: In Südthailand hat eine Insel ihren Ursprung bewahrt. Auf Ko Bulon Lae können Sie Robinson spielen, Dschungelkonzerten lauschen und in einsamen Buchten baden.

Von Wolfgang Röhl

Wenn mal alles zu stimmen scheint, alles wie im Katalog ausschaut - muss das nicht misstrauisch machen? Wenn also der Bug des Longtail-Bootes, das uns zur Insel gebracht hat, knirschend auf einen blendend weißen Muschelkalkstrand fährt, den Kokospalmen, Kasuarinen und Banyan-Bäume säumen.

Wenn das türkisblaue Meer in einer Brandungskante ausläuft, Wolken Türme schieben, ohne die Sonne gänzlich zu verbauen. Wenn sich im Dunst über dem Meer helle Felsen mit grünen Vegetationsmützen abzeichnen. Wenn, kaum dass wir vom Bootsrand gesprungen sind und im seichten, warmen Wasser stehen, Hotelangestellte "Sawasdee" rufen, Willkommen! - da wird der innere Bedenkenträger wach.

Wo ist der Haken?

Versteckte Kameraleute könnten eine Insel-Dokusoap drehen, Sandflöhe sich zur Attacke formieren, Giftschlangen und Feuerquallen auf uns lauern oder Haie vor den Riffen kreuzen.

Und dann, nach einem Tag im Paradies, wissen wir - eine Hakenwinzigkeiten gibt's in der Tat. Jeden Abend gehen, wenn auch bloß für ein Weilchen, Stechmücken auf uns los, kein Problem allerdings, das Autan nicht beseitigen könnte. Alle anderen Haken sind eher ein Glück: Weil zum Inselchen kein Stromkabel vom Festland führt, kühlt im "Pansand Resort" am Oststrand von Ko Bulon Lae keine summende Klimaanlage die schwüle Luft, lediglich Ventilatoren rühren sie müde um. Stille macht sich breit. Das heißt, eigentlich spielt ein Dauerorchester, gespeist aus Palmblätterrauschen, Wellenschlag, Geckoschnalzen und Vogelgekrächz - Letzteres kommt aus dem Dschungel hinter dem Hotel.

Das nächtliche Defilee der Fischkutter, die Netze auswerfen und Krabbenfallen versenken, ist wie Naturfernsehen. Von unserer Bungalowterrasse aus sehen wir auf dem Meer Glühbirnenketten leuchten, lauschen dem fernen Tuckern der Motoren. Wir gehen früh zu Bett, stehen früh auf. Ein bisschen ist es wohl wie zu jenen Zeiten, da auch in Europa das Tageslicht den Lebensrhythmus bestimmte. Manager würden ein Vermögen für solche Tiefenentspannung zahlen.

Wie einst auf Ko Samui

Bulon Lae - das "Ko" steht auf Thai für "Insel" - liegt in der Andamanensee, südlich der Touristenzentren Phuket und Ko Lanta. Ein Archipel aus vier Hauptinseln, doch nur Bulon Lae darf Fremde beherbergen. Vor allem Backpacker schätzen die Ursprünglichkeit des wild bewucherten Eilands. Auf der Veranda der kleinen "Coconut Bar" sitzen Traveller aus Europa, Südostasien und Australien. Da duftet es nach sauerscharfen Tom-Yam-Suppen, süßlichem Frangipaniparfum, auch schon mal nach einem kapitalen Joint.

Wo roch es noch mal so ähnlich? Richtig, auf Ko Samui im Golf von Thailand, heute ein Aberwitz aus Kettenhotels, Dröhndiscos und Girliebars. Bulon Lae ist glücklicherweise zu klein, um großes Kapital anzulocken. Zudem gehört es zum Ko-Petra-Nationalpark und dürfte touristisch eigentlich gar nicht genutzt werden. Allein das "Pansand Resort" besitzt verbriefte Grundrechte. Das runde Dutzend anderer Unterkünfte wird lediglich geduldet. Was ihnen den Charme des Vorläufigen und Bezahlbaren gibt, der anderswo längst verschwunden ist.

Vorbild für Stevensons "Schatzinsel"

Auch wenn wir dafür in den südlichsten Zipfel Siams gereist und per Boot von Insel zu Insel gehüpft sind, bis wir fast an der Grenze zu Malaysia die letzten Perlen in der Inselkette der Andamanensee gefunden haben: Immerhin gibt sie es noch, die Plätze, an denen sich die Sehnsucht nach dem einfachen, romantischen Thailand früherer Tage bis heute stillen lässt.

Auf der Karte im Pansand-Restaurant ähnelt Bulon Lae einem stachellosen Rochen. Lauter kleine Buchten, Strände, hier und da eine Felsenhöhle mit Unterwasserzugang. Wir kämpfen uns im Nordosten der Insel durch regennasses Farnkraut, erklimmen heftig transpirierend Hügel, werden mit Ausblicken über undurchdringliche Mangrovendickichte und gischtumtoste Klippen belohnt. In zwei Stunden sind wir einmal herumgewandert. Wäre das Eiland nicht so winzig, wir würden schwören: Das und kein anderes war das Vorbild für Robert Louis Stevensons legendäres Piratenepos "Die Schatzinsel".

Heimat der Seenomaden

Ein paar Dutzend Menschen leben dauerhaft auf Bulon. Keine Piraten, bloß Fischer vom Stamm der Moken, die in Thailand Chao Leh genannt werden, Seenomaden. Woher genau ihre Vorfahren stammen, weiß niemand. Ein paar der Hüttendörfer gehören ihnen. Wenn nach Neujahr die Urlauberwelle anrollt, machen die Chao Leh dazu noch ein paar Bath mit Fisch, Eiern und Gemüse für die Touristen. Oder mit Bootsfahrten zum "White Rock", einem von Vogelkot überzogenen, aus dem Wasser ragenden Gestein, wo Schnorchler wie in einem tropenwarmen Aquarium über dicht unter der Wasseroberfläche liegende Korallenriffe schweben.

Auch wir lassen uns von Fischern umherschippern mit den knatternden Longtail-Booten, deren Langschwanz die meterlangen Schraubenwellen sind. Vor den Nachbarinseln Bulon Rang und Gai tun sich fischreiche Korallengärten auf. Bulon Maipai punktet mit einem gelbweißen Strand und einer Naturpark-Station mit Panoramablick auf die umliegende Inselwelt.

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