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Entdeckungsreise auf die anderen Malediven

Auf der Suche nach dem wahren Leben jenseits von Eden: Autor Wolfgang Röhl hat die Inseln der Einheimschen besucht und in einfachen Guesthouses  übernachtet - eine Reise auf eigene Faust im Indischen Ozean.

Malediven: In Nachbarschaft der Luxusresorts
Brandung am Palmenstrand

Das Schönste an diesem Strand im Westen der Insel Fulidhoo? Er gehört allen. Türkiswellen, Sand und Schattenplätze teilen sich Einheimische und Urlauber.


Etwas Ohropax kann im Paradies nicht schaden. Auch auf einer Trauminsel krakeelen manchmal freche Krähen, wummern Wellen mit biblischer Wucht ans Riff. Nachts hämmert ein Tropenguss gegen das Bungalowdach, als fordere er Einlass. Und gegen fünf Uhr morgens kann es passieren, dass der Reisende senkrecht im Bett steht. Wenn er Pech hat, ist auf sein Zimmerfenster ein Lautsprechertrichter gerichtet, aus dem Ruf des Muezzin scheppert. In Disco-Lautstärke.

Ein Muezzin? Seit wann beschallt ein islamischer Vorbeter maledivische Inselresorts, deren Gäste ein Heidengeld für himmlische Ruhe hinblättern? Es verhält sich so: Wir befinden uns eben nicht auf einer der 90 Touristeninseln, die in den Prospekten immer überirdisch schön wirken, fast menschenfrei. Sondern auf einer der "inhabited islands".

Dort leben die Malediver. Ihre Religion ist der Islam und nur der Islam. Das ist Gesetz. Seit ein paar Jahren erlaubt die Regierung Ausländern, was im Staat der 1190 Inseln und 26 Atolle lange tabu war: Urlaub in der Wirklichkeit.

Mit der Fähre nach Maafushi tuckern

Wir sind nach Malé geflogen, auf die bis an die Wasserkante mit Hochhäusern zugestellte Hauptinsel der Malediven. Vom Villingili-Pier aus tuckert die staatliche Fähre "Ranthari" eindreiviertel Stunden lang gen Süden, nach Maafushi im Kaafu- Atoll. Die Strecke kostet zwanzig Rufiyaa, gut einen Euro.

Wir hätten auch ein Speedboat nehmen können, wie die Urlauber, die eine Resort-Insel gebucht haben. Aber ein Speedboat ist viel teurer und höchstens der halbe Spaß. Während unsere Fähre gemächlich durch türkisfarbene und stahlblaue Fluten pflügt, ziehen vor den Augen Inseln mit kalkweißen Stränden vorbei. Palmen stehen von ihnen ab wie ungebärdige Haarbüschel. Es riecht und schmeckt nach Salz und Meer. Gelegentlich kriegen wir Gischtspritzer ab.

Gemischte Passagiere

Auf den hölzernen Bänken der Fähre hockt eine Handvoll Anzugträger, Geschäftsleute oder Beamte. Ferner ein übermütiger Haufen junger Männer in T-Shirts, auf der Nase verspiegelte Sonnenbrillen. Sie haben dieses elegante Kopfwackeln drauf, den Indian Headshake, der auch eine Bejahung ausdrücken kann. Der indische Einfluss ist nicht zu übersehen, die ersten Siedler der Inseln stammten wohl von dort und von Sri Lanka.

Die Schiffsmitte wird von Frauen aller Altersstufen okkupiert. Die Kopftücher und Hidschabs reichen von Rabenschwarz bis Regenbogenbunt. Fast alle Passagiere, mit Ausnahme der etwa dutzend Touristen, sind mit ihren koreanischen Smartphones beschäftigt. Kommt uns vor, als würden wir durch das Atoll Samsung kreuzen.

30 Guesthouses für Touristen

Am langen Kai von Maafushi warten Abholer mit Gepäckkarren, Schilder von Herbergen hochhaltend. Die Insel gilt unter Reisenden als die Khao San Road der Malediven, Anspielung auf Bangkoks Traveller-Kiez. Tatsächlich sind auf dem überschaubaren Flecken – in knapp einer Stunde hat man ihn umwandert – mittlerweile mehr als 30 Guesthouses versammelt.

Sogar ein paar richtige Hotels mit Restaurants, Klimaanlagen und Swimmingpools. Es gibt Tauchbasen und Surfshops, Andenkenläden und Agenturen, die Schnorcheltouren, Delfinsafaris, Angelfahrten oder Ausflüge zu unbewohnten Inselchen verkaufen. Dasselbe tropenfischbunte Maledivenprogramm, welches auch die Resorts auf den Touristeninseln anbieten – allerdings zu happigeren Tarifen.

Zackenbarsche und Benzinkanister

Nur baden? Das wäre im Reich der Atolle ein Frevel. Man muss ja nicht gleich eine Pressluftflasche schultern, um in die Unterwasserwelt einzutauchen. Aber schwimmen mit Maske, Schnorchel und Flossen ist das Mindeste auf den Malediven. Wir lassen uns zu einer schattenlosen, spärlich bewachsenen Sandbank bringen. Ein Archetyp wie aus den alten Inselwitzen, wo Gestrandete vor einer Fischgräte hocken. Wir schnorcheln rund um die Bank, lassen uns im Auftrieb gebenden Salzwasser von der leichten Strömung schwerelos über Korallengärten tragen. Grimmig dreinschauende Zackenbarsche, schnittige Barrakudas, Skorpionfische, deren Stacheln angeblich höllische Schmerzen bereiten, Picasso-Drückerfische, die ihrem Namensgeber alle Ehre machen. Ein Aquarium, das sich auch uns gemeinen Schnorchlern sofort erschließt. Die Riffhaie tun Menschen nichts. Sagt jedenfalls der Skipper.

Und das Abendprogramm? Um halb zehn, es ist längst dunkel, verglimmt das gesellschaftliche Leben auf Maafushi allmählich. Zwei Japaner büffeln noch in Maheds penibel aufgeräumtem Dive Center Theorie für den Open-Water-Tauchschein. In der luftigen Mehrzweckhalle am Hafen läuft auf dem Großbildfernseher eine Parlamentsdebatte. Ein paar dösende Männer genießen die Meeresbrise. Aus einem Tankwagenschlauch wird Benzin direkt in Kanister und Mopeds gefüllt.

Die Ereignislosigkeit einer Maafushi-Nacht

Am sogenannten Bikini Beach, wo Bastmatten einheimische Blicke auf blanke Ausländerhaut verstellen, genießt ein italienisches Paar unter zerzausten Palmen die Nachspeise seines Candlelight Dinners. "Unser romantisches Angebot", erklärt der Kellner des "Kaani Beach"-Hotels, der die beiden versorgt. Er hat jede Menge Teelichter aufgestellt, dazu einen Hai in den Sand modelliert. "Die sind ganz wild auf Haie."

Cover Geo Saison 12/2015

Übernommen aus: "Geo Saison", Heft Dezember 2015. Ab sofort für 6 Euro am Kiosk.

Dort finden Sie auch die ungekürzte Geschichte über die Malediven von Wolfgang Röhl und den ausführlichen Serviceteil.


Wir flanieren durch die feuchtwarme Ereignislosigkeit einer Maafushi-Nacht. Man kann diese Insel, wie manch andere der Malediven, grob in drei Zonen unterteilen. Parallel zur Hafenmole verläuft ihre Schokoladenseite: eine breite Sandpromenade, gesäumt von den besseren Unterkünften und einigen Lokalen. Das Wohnquartier der 2700 Insulaner bildet den breiten Mittelpart von Maafushi. Nette kleine, aufgeräumte Gassen, Bungalows, Bäume, grüne Gärtchen. Davor sitzen die Bewohner in Eisengestellen und tratschen. Die Gestelle sehen höllisch unbequem aus, sind aber sehr kommod dank eingehängter Netze. Wir grüßen und werden gegrüßt. Die Frauen sehen uns offen ins Gesicht. Saudi-Arabien ist das hier nicht, noch nicht. Ab und zu überholen wir eine Gestalt im schwarzen Tschador. Gemessenen Schritts ihres Weges wandelnd, Blick aufs Smartphone.

Wo der gewählte Präsident im Gefängnis sitzt

Der dritte Inselteil ist die Ekelzone. Hier liegt der Müll, der bei günstigem Wind abgefackelt wird. Hier dröhnt der Generator, hier müffelt die Kläranlage. Seltsamerweise steht hier auch die Moschee. In ihrer Nähe das Gefängnis, wo ein politischer Gefangener von Rang sitzt.

Mohamed Nasheed war von 2008 bis 2012 Präsident der Malediven. Weil sein Kurs für die religiösen Hardliner des Landes zu liberal war, ließ man ihn unter einem Vorwand anklagen, sagen Regimekritiker. Für Amnesty International war der Prozess eine Farce. Dass Nasheed ausgerechnet hier einsitzt, ist eine bittere Pointe. Denn er war es, der den Tourismus auf den "local islands" offiziell erlaubte. Maafushi war das Pilotprojekt.

Wolfgang Röhl
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