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18. Januar 2009, 10:00 Uhr

Der Klang der Farbe

Das Land liefert kaum Rohstoffe und keine Nachrichten, und doch birgt Mali große Schätze. Landschaften aus Licht gemalt und die prächtigste Kultur südlich der Sahara. Seine Vergangenheit weist einen neuen Weg in die Zukunft Afrikas. Von Marc Goergen

Mali, Kultur, Reise, Afrika, Landschaft

An Leuchttischen restaurieren Frauen alte Manuskripte. In den 21 Bibliotheken Timbuktus sind bereits 100.000 historische Schriften katalogisiert© Horst Friedrichs

Die Zukunft Afrikas ist ziemlich alt und brüchig und lagert in einem staubigen Zimmer am Ende der Welt. Muhammed Touré breitet das Erbe seiner Familie vor sich aus. Draußen treibt der Wind den Sand der Sahara durch die Straßen, scheppert der Ruf des Muezzins aus Lautsprechern; hier drinnen, im Manuskriptraum der Mamma-Haidara-Bibliothek, herrscht Stille. Nur der Deckenventilator rotiert leise. Vorsichtig öffnet Touré eine Kiste, nimmt den Koran aus dem 13. Jahrhundert heraus und legt ihn langsam auf den Tisch. Dann, aus einer anderen Schatulle, den Scharia-Kommentar von 1149. Immer wieder greift Touré in Regale, immer weitere theologische, medizinische, astronomische Schriften kommen zum Vorschein. Nach wenigen Minuten stapeln sich Seiten über Seiten jahrhundertealten Papiers auf dem Tisch, voll arabischer Schriften und Kalligrafien, umhüllt von Umschlägen aus altem Leder. Manuskripte für vielleicht 100.000 Euro. Mitten in Afrika, mitten in Mali, mitten in Timbuktu.

Mali belegt auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen den fünftletzten Platz, nur Staaten wie etwa Niger und Sierra Leone sind noch ärmer. Mali liefert weder Rohstoffe noch Nachrichten, und wer auf einer Karte beim Umriss Malis hängen bleibt, diesem Schmetterling mit den ungleichen Flügeln, sieht da viel Wüste im Norden, einen grünen Streifen im Süden und mittendrin den blauen Bogen des mächtigen Niger. Doch er ahnt nicht: Mali ist die Vergangenheit Afrikas, kaum eine Kultur ist älter, prächtiger. Und Mali ist vielleicht auch seine Zukunft. "Viele denken, dass wir weder lesen noch schreiben konnten, bis die Europäer kamen", sagt Touré, "aber ist das hier etwa nichts?" Gut 9000 Manuskripte umfasst die Familienbibliothek, 100.000 Bücher sind in Timbuktus Sammlungen insgesamt katalogisiert. Und vielleicht noch einmal 200.000 lagern in verschlossenen Kisten oder schlummern vergraben tief in der Erde - Erbe der glorreichen Vergangenheit der Wüstenstadt.

Ruhmreiche Geschichte

Zu seiner Blütezeit, im 16. Jahrhundert, war Timbuktu nicht nur Knotenpunkt für die Transsahara-Karawanen, sondern geistiges Zentrum eines mächtigen Reiches. 100.000 Einwohner bevölkerten die Stadt, darunter mehr als 20.000 Studenten und Gelehrte. Sie kommentierten islamische Texte, eine Universität vergab Diplome, Ärzte operierten sogar den grauen Star; ja, "der Glanz und die Wunder Timbuktus waren so groß" - so berichtet eine Chronik -, "dass man sie mit dem zuverlässigsten Erinnerungsvermögen nicht im Gedächtnis behalten konnte".

Dann aber überrollten die Marokkaner die Stadt, und als Ende des 19. Jahrhunderts die französische Kolonialarmee einrückte, war der Glanz der Wüstenperle schon verblasst. Doch die Manuskripte überlebten - versteckt von den mächtigen Familien der Stadt. Vor einigen Jahren nun begann man die Schriften wieder ans Licht zu holen.

21 Bibliotheken gibt es in Timbuktu, die größte private ist jene der Familie von Muhammed Touré. Seit dem Jahr 2000 sind die Schriften ausgestellt und werden systematisch restauriert: Mit Pinzette und Kleber arbeiten Frauen daran, Termitenlöcher zu stopfen. Muhammed Touré hat Maschinen zur Herstellung von Ersatzpapier in die Wüste schaffen lassen, und sogar der Farbton der alten Seiten wird exakt nachgemischt. Darauf werden die brüchigen Manuskripte vorsichtig geklebt.

"Keine gesichtslose Masse"

Der 21-jährige Touré leitet gemeinsam mit seinem Onkel die Bibliothek. Er redet schnell, geht schnell, als ob keine Zeit zu verlieren sei beim Retten des Erbes. Touré hat Informatik studiert und kümmert sich vor allem um die Digitalisierung der Bücher. Übers Internet ergründen so auch Historiker in Europa den rätselhaften Alltag der Karawanen oder auch - das Manuskript trägt die unscheinbare Nummer 5292 - die Sexualtricks der Wüste: "Das Blut eines geschlachteten schwarzen Huhns gemischt mit Honig aufgetragen auf die Penisspitze lässt Frauen beim anschließenden Geschlechtsverkehr einen Orgasmus erleben, der so intensiv ist, dass sie fast verrückt werden."

Mehrere Tausend Touristen bestaunen schon jährlich Timbuktus Manuskripte, vor allem im Winter, wenn die Temperaturen auf erträgliche 30 Grad sinken. 2009 soll die Stadt - "inschallah", sagt Touré, wenn Allah es will - eine neue Zentralbibliothek erhalten. "Hoffentlich werden die Menschen dann verstehen, dass unser Kontinent keine geschichtslose Masse ist."

Für kein Land Schwarzafrikas gilt das mehr als für Mali. Schon um das Jahr 1000 regierten Könige hier ein Großreich. Dank ertragreicher Goldminen leisteten sich die Herrscher Heere von 200.000 Kriegern, ließen allabendlich in der von Fackeln erleuchteten Hauptstadt 10.000 Speisen verteilen. Als der König Kankan Mussa 1324 mit 60.000 Mann Gefolge gen Mekka pilgerte, warf er so freimütig mit Gold um sich (er hatte zwei Tonnen dabei), dass in Kairo der Goldpreis einbrach und sich erst nach Jahren wieder erholte. Selbst zeitgenössische europäische Karten zeigen die schwarzen Herrscher in stolzer Pose mit einem Goldklumpen in der Rechten.

Die alles einnehmende Wüste

Erst die Ankunft der Portugiesen an der Küste Westafrikas ab dem 15. Jahrhundert ließ die Reiche zerbröckeln. Als der deutsche Afrikaforscher Heinrich Barth Mitte des 19. Jahrhunderts die Region erkundete, konnte er nach 15.000 Kilometern Marsch zwar von ungeheuren Strapazen, allerhand Krankheiten, Todesfällen, Gefangennahmen, Intrigen und Mordanschlägen berichten - das sagenhafte Timbuktu schien ihm aber schon reichlich vom Wüstenwind verweht: "Ihre dunklen, schmutzigen Tonmassen waren kaum von dem Sand und dem rund umher aufgehäuften Schutte zu unterscheiden."

Heute, in Zeiten wachsender Wüsten, frisst die Sahara mehr denn je an den gesichtslosen Rändern von Timbuktu. Jahr für Jahr schieben sich die Dünen ein paar Meter mehr in die Stadt hinein, bedecken halb vertrocknete Gärten, Bolzplätze, Häuser. Der Wind trägt den feinen Sand in die Zimmer, in Autos, Töpfe, Taschen und auch in die kleinen Gläser voll süßem Tee, den die Tuareg sich draußen in der Wüste kredenzen. Die meisten der Nomaden leben noch immer wie ihre Vorfahren in Zelten vor der Stadt. Und noch immer brechen von dort Karawanen auf zu den Salzminen von Taoudenni, 700 endlose Kilometer durch die Sahara, zur Orientierung nichts als die Sterne der Nacht. Sind sie dann nach drei, vier Wochen zurück in Timbuktu, werden die grauen Salzplatten auf Kähne geladen, die sie nochmals 350 Kilometer flussaufwärts bringen, nach Djenné.

Das Salz machte die Stadt reich, davon zeugen die Häuser noch heute. Es gibt ein solches Sammelsurium an Lehmbauten, dass heute nicht nur Architekten aus Europa anreisen, um die alten Häuser zu inspizieren - die Baumeister aus Djenné werden sogar eingeladen, ihr Können in der Ferne selbst zu demonstrieren.

So ist der Terminkalender von Boubacar Kouroumansé ziemlich voll. Der 47-Jährige ist Vorsteher der 300 Maurer von Djenné, Erbe einer jahrhundertealten Baumeisterdynastie, aber vor allem: ein gefragter Mann. Erst vergangenes Jahr hat er mehrere Wochen lang in der koreanischen Stadt Jinhae eine Lehm-Moschee errichtet, davor war er in Frankreich, jetzt liegt schon wieder eine Anfrage aus Korea vor, dieses Mal aus Seoul, dabei wollte er eigentlich in die Niederlande. Und auch Amerika, wo er schon 2003 ein Stadttor mitten auf der Mall in Washington nachgebaut hat, steht bald wieder an. "Der Westen begreift langsam, dass man aus unserer Bauweise ökologisch und ökonomisch einiges lernen kann", sagt Kouroumansé.

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Ausgabe 03/2009

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