Pierce Brosnan schlunzig am Nebentisch, Pam Anderson ungeschminkt im Supermarkt, Barbara Streisand im Gammellook - im kalifornischen Malibu lassen Promis uns an ihrem Alltag teilhaben. Von Christine Kruttschnitt

Bezeichnenderweise trägt der "Carbon Beach" in Malibu mittlerweile den Beinamen "Billionaires' Beach"© David McNew/Getty Images
Um es gleich ganz klar zu sagen: Vom Anblick hüpfender Delfine und des tiefblauen Pazifiks abgesehen, gibt es nicht viel, was die Einwohner von Malibu und Reisende dorthin gleichermaßen glücklich macht. "So schön warm hier, so viel Sonne!", rufen bleiche Familien aus Übersee beglückt, indes der Einheimische sorgenvolle Blicke weg vom Meer ins Bergige richtet. Die Santa Anas seien im Anmarsch, spricht er düster, jene Winde aus der Wüste, die durch die Canyons in Richtung Ozean fegen und mit spätsommerlicher Wärme Waldbrände und schlimmere Verwüstungen mit sich bringen.
"Kein Wölkchen am Himmel, endlich mal kein Nieselregen!", freuen sich die Bleichen aus Deutschland und legen eifrig Körperteile frei, während der gebräunte Mensch aus Malibu die große Trockenheit beklagt und dann gleich wieder mit Waldbränden anfängt, welche dadurch ja nur begünstigt würden - und in ihren Schrecken einzig übertroffen werden von Schlammlawinen, die der kleinste Regenguss von den abgefackelten Hügeln spült. "Aber der Strand, der wunderschöne Strand!", rufen trotzig die Bleichen und packen Frotteetücher aus. Da weist der Bewohner von Kaliforniens, wenn nicht Amerikas berühmtestem Badeort stumm auf einige Schilder im Sand, die weite Teile der lieblichen Gestade frech zum Privatgrundstück erklären. "Welcome to Malibu", lautet die übliche offizielle Begrüßung der 13.000-Seelen-Gemeinde nördlich von Los Angeles. Der inoffizielle Zusatz: "And now go home."
Um aber auch dies ganz klar zu sagen: Wer sich nach Südkalifornien begibt, ohne diesen 33 Kilometer langen und nur wenige Kilometer breiten Küstenort gesehen zu haben, verpasst das Paradies. So hat David Geffen, einer von Malibus bekanntesten und zickigsten Eingesessenen, seinen Wohnort einmal genannt. Der Musik- und Filmmogul kämpfte viele Jahre - und letztlich vergebens - dafür, dass Touristen und anderen Störenfrieden das Betreten des Strandes vor seiner Haustür verboten wird.
Sein Anwesen befindet sich am fast drei Kilometer langen "Carbon Beach", der den Beinamen "Billionaires' Beach" trägt und von ebensolchen bevölkert wird: Der Medien-Milliardär Haim Saban zum Beispiel besitzt hier ein Feriendomizil, der Software-Unternehmer Larry Ellison erstand gleich mehrere Häuser; dazwischen leben ein paar schlichte Millionäre wie die Schauspielerin Jennifer Aniston. Vom Pacific Coast Highway aus, jener Küstenstraße, die Malibu wie ein Baguette aufklappt in Sandseite und Bergseite, sehen deren Residenzen vollkommen schmucklos aus, Garagentor an Garagentor. Vom Strand aus aber - der nach kalifornischem Recht von Krethi und Plethi sehr wohl begehbar ist, wenngleich nur entlang der Wasserkante - bieten sich dem staunenden Auge architektonische Wunderwerke und Dollar-Paläste, wie sie nur Hollywoods berstende Ego-Kultur und ein wild gewordener Kapitalismus erschaffen können.
Geld und Glamour - jene beiden haben Malibu zu Malibu gemacht: zu Amerikas Riviera. Einst gehörte das Terrain einer einzigen Familie, die verbissen gegen die Erschließung ihrer Mega-Ranch durch die Eisenbahn protestierte. Den Bau jenes Highways, heute nur lässig PCH genannt, konnte sie nicht verhindern. Und weil die Rindge-Sippe durch ihre Prozesse verarmt war, wollte sie an der anrückenden Film- Schickeria aus Los Angeles verdienen: Sie vermietete und verkaufte Ende der 20er Jahre Ferienbungalows und Land an sie - dort, wo sich heute die "Colony" befindet, ein rund hundert Villen starkes, streng bewachtes Reichenviertel. Ihre Mieter haben Malibu nie wieder verlassen - die alte Geschichte: Hollywood entdeckt eine Schönheit vom Lande und macht einen Star aus ihr.
Und was für eine Schönheit: grandiose Buchten, weite Strände, wilde Berge voller Kojoten und roter Bussarde und Schlangen, Hänge voller Wein, bizarre Felsgebirge, die zum Kraxeln laden. Und was für ein Star: Jede Berühmtheit im Lande reißt sich darum, einen Zipfel jener Traumlandschaft zu ergattern, Teil zu werden dieser Hippie-, Surfer-, Künstler- und Snob-Kultur, die die Liebe zu See und Sonne eint. Hier bin ich Mensch - nicht Moviestar -, hier darf ich's sein: Malibu ist ein zauberhaftes Nest geblieben, trotz der Zäune, trotz der Wachmänner und "Betreten verboten"- Schilder, mit denen sich Hollywoods A-Liste Neugierige vom Leibe hält.
Ein Luxus-Nest und voller Widersprüche: Im Gebüsch parken - und zwar für immer - die nach Sand und Salzwasser miefenden Wohnmobile der Surf-Gurus, ein paar Meter weiter bauen zu Ehren und Millionen gekommene Schauspieler ihre Märchenschlösser. Malibu bietet mehr Betten in Entzugsanstalten als in Hotels, und die "Rehab-Center" selbst ähneln Luxus-Spas und sind prächtiger als alle Hotels, die sich Normalsterbliche leisten können.
Trotz all der Kulturschaffenden vor Ort hat die Gemeinde außer "Baywatch" keinen echten Exportschlager vorzuweisen; das braucht sie aber auch nicht, weil kaum ein Ort der Welt ihr in Sachen Körperkultur das Wasser reichen kann. Ein Mythos wurde hier schaumgeboren: Mit dem in Film, Buch und Fernsehen verewigten Surfer-Girl "Gidget" prägte Malibu in den 50er Jahren das Image der Kalifornier - immer junge Wesen von strotzender Gesundheit, Sonne im Herzen, Fun im Sinn, anzutreffen vorwiegend in Bademode.
"Humaliwo" nannten die indianischen Ureinwohner das idyllische Fleckchen - "wo die Brandung rauscht". Heute rauscht weit mehr: Täglich 53.000 Autos schlängeln sich durch Malibu, im Sommer noch mal 25.000 mehr. Es gibt nur wenige, simple Hotels, nur wenige, charmante Restaurants und Fischbuden. Superhippe Nachtklubs - Fehlanzeige. Glitzernde Geschäftszentren? Wozu denn? Der PCH führt vorbei an Läden voller Surfbedarf, Öko-Gemüse und Yoga-Matten, vor allem aber an flammenden Bougainvilleen, Palmen, Klippen, Villeneinfahrten.
Übernommen aus ...
Ausgabe 47/2008