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Leben wie im 19. Jahrhundert

Sie leben mitten in Mexiko, verdammen Technik und Krieg und begrüßen sich mit "Godden Tach": Ende des 19. Jahrhunderts wanderten die Mennoniten von Deutschland nach Amerika und führen dort ein frommes Landleben wie vor 100 Jahren. Doch allmählich gehen der mexikanischen Enklave die Traditionen verloren.

Von Roland Brockmann

Da, wo sich bei anderen das Autoradio befindet, lag bei ihm die Bibel. Dafür trug er eine "Ray-Ban"-Sonnenbrille, die er über seine blauen Augen schob, bevor er Gas gab. Technische Errungenschaften, die scheinbar erlaubt waren: Pick-Up und Sonnenbrille. Denn der Mann, den ich auf meiner Zugreise zufällig in Mexiko kennenlernte, war Mennonit.

Unterwegs im "Ferro Carril Mexicano", auf dem Weg von Chihuahua in Richtung Pazifik, war ich wirklich auf alles gefasst gewesen. Indianer etwa, die noch immer in Höhlen leben, aber nicht auf Johann Friesen, der mir nun seine Heimat zeigen wollte. Als er nach einigen Kilometern durch endlose Stoppelfelder in einer Staubwolke anhielt, sagte er in einer Art Plattdeutsch "komm rein, ich zeige dir die Stube".

Altdeutsch in Südamerika

Cuauhtémoc: allein der Klang des Namens, die atemberaubende Landschaft. Bereits im Zug hatte ich die Zeilen von William S. Burroughs im Sinn gehabt: "Jene besondere Tönung, die so gut passt zu kreisenden Geiern, Blut und Sand". Clint Eastwood hätte unter diesen Himmel gepasst. Und nun kam dieses altdeutsche Wort "Stube".

Drinnen im Farmhaus standen zwei pausbäckige Mädchen mit strengem Mittelscheitel, die Zöpfe unter Häubchen verborgen, Schürzen über die einfachen Kleider gebunden. "Godden Tach", sagten sie - und dann nichts mehr. Fremde waren sie nicht gewöhnt. Und ungewohnt war alles auch für mich. Meine Zugreise schien zur Zeitreise zu geraten. Was war hier los? Johanns Frau ließ sich nicht blicken, aber es roch nach frischem Brot.

Frommes Landleben

"Hier leben heute etwa 35.000 Mennoniten", erklärte Johann, als wir schon wieder im Pick-Up saßen und durch Gnadenfeld fuhren. So hieß die versprengte Gemeinde, Teil einer deutschsprachigen Enklave inmitten der mexikanischen Landschaft. Mit eigenen Schulen, Kirchen und einem gemeinsamen Haus für die Behinderten der Kolonie mit dem frohen Namen "Unser Hoffnungsheim".

Frommes Landleben, dachte ich, und fragte ihn, wieso er denn kein Radio habe, aber Auto fahre? Johann war offensichtlich ein moderner Mennonit, denn für seine konservativeren Glaubensbrüder sind selbst Traktoren reines Teufelswerk, mit einem Fremden zu sprechen gilt als unstattlich. Auch Johann interessierte sich kaum für das, was in der Welt vor sich ging. Mit Mitte dreißig jünger als ich, nutzte er weder E-Mail noch Internet. Fernsehen sowieso nicht.

Ein 400-jähriger Rückzug

Aber er wirkte froh und ausgeglichen, keineswegs verstockt, wie es die 400-jährige Geschichte der Mennoniten vermuten lassen könnte. Denn die ist eine ewige Flucht vor so ziemlich allem, was die Welt irgendwann veränderte. Ein einziger Rückwärtsgang sozusagen. Obwohl der friesische Priester Menno Simons seine Gemeinde seit Beginn ihrer Reise im 16. Jahrhundert immer weiter getrieben hatte. Mennos Gefolgsleute entrichteten keine Steuern, leisteten keinen Kriegdienst und schworen keinen Eid. Dafür wurden sie vertrieben, sogar verbrannt. 1870 landeten die ersten Trecks in Kanada, von aus wo diese frühe Friedensbewegung nach einer im Zuge des Ersten Weltkriegs drohenden allgemeinen Wehrpflicht schließlich 1922 nach Mexiko abwanderte. Hier sind sie heute für ihre Äpfelplantagen und ihren Käse berühmt - beides echte Bioprodukte.

Traditionslose Traditionalisten

Dass ich selbst einst den Dienst an der Waffe verweigert hatte, gefiel Johann: "Du siehst, wir sind gar nicht so weit auseinander". Er wusste nicht viel von mir und schon gar nicht von meinem Reisebegleiter J&B, der Whiskyflasche in meiner Tasche. Rauchen allerdings durfte ich am offenen Fenster des Pick-Ups. Ich dachte an Harrison Ford, der sich in "Der letzte Zeuge" in eine Frau der Amische verliebt. Die Amischen sind eine frühe Abspaltung der Mennoniten: noch Gottesfürchtiger, noch mehr der Vergangenheit verhaftet. Der Film hatte mich wirklich gerührt, dieses Gefühl von Solidarität ohne Sozialismus. Menschen, die vereint das Gerüst für ein Haus errichten.

Nichts davon hier. Grünthal, Hoffnungsfeld oder Friedensruh hießen die mexikanischen Orte der Mennoniten und bestanden doch alle aus öden Flachbauten ohne Herkunft oder Tradition. Die Namen selbst klangen ja noch wie die Orte meiner Jugend in Norddeutschland. Aber hier gab es nicht einmal Reetdächer. Der Geist der Mennoniten schien allein in ihrer Bibel zu liegen. Eine Welt ohne Kunst, ohne moderne Literatur. Wir besuchten eine Schule voller Kinder, die brav alles auswendig lernten, aber nicht, wie man sich richtig ausdrückt. Darwin stand natürlich auch nicht auf dem Lehrplan. Und dann hielt der Pick-Up wieder. Cuauhtémoc, die Bahnstation. Der "Ferro Carril Mexicano" wartete bereits. Johann gab mir die Hand zum Abschied.

Der Zug nahm mich mit Richtung Westen, zum Pazifik. Als ich im ratternden Waggon saß, die Landschaft langsam am Fenster vorbeizog, dachte ich darüber nach, was Johann mir über die Probleme in der Kolonie erzählt hatte: den heimlichen Alkoholismus, den unterdrückten Zwist in den Familien und die neuen Wanderungsbewegungen. Denn der Treck war wieder in Bewegung: Während es die konservativen Mennoniten nach Argentinien und Paraguay zog, wollten die Liberaleren zurück nach Kanada - ewige Wanderer im Namen des Herrn.

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