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Auf den Highways der Winde

4000 Kilometer weit flattern Schmetterlinge von Nordamerika bis nach Mexiko: In gewaltigen Schwärmen von mehr als 100 Millionen Tieren überwintern die federleichten Globetrotter im Hochland - ein einmaliges Naturschauspiel.

Von Helge Bendl

Die Seelen der Verstorbenen sind wieder zurück, pünktlich zu Allerheiligen. Wie in jedem Jahr pilgern die Einwohner des Städtchens Zitácuaro nach der Messe zum Friedhof unter dem mächtigen Steinturm der Kirche San Felipe. Am ersten November gedenken sie hier der Toten. Es vollzieht sich ein faszinierendes, aber auch unheimliches Schauspiel: Rotbraune Schleier schweben um die Gräber, sie verdichten sich zu schweren Wolken, die wie in einer apokalyptischen Vision die Sonne verdunkeln. Ein Rascheln, erzeugt durch Millionen Flügelschläge, übertönt das Gezwitscher der Vögel. Schmetterlinge, überall. Schließlich verziehen sich die Wolken in Richtung Berge.

"Drachen des Waldes" nennen die Indios die Monarchfalter. Für viele von ihnen verkörpern sie die Seelen der Verstorbenen, denn die Schmetterlinge treffen jedes Jahr zu Allerheiligen im Hochland von Zentralmexiko ein. Bis zum Frühling überwintern sie hier, etwa vier Autostunden von Mexiko-Stadt entfernt. In riesigen Schwärmen bedecken sie die Tannen und Fichten auf den 3000 Meter hohen Bergen, sodass die Nadeln kaum noch zu sehen sind. Äste brechen ab unter dem Gewicht der Falter, von denen einer gerade einmal ein halbes Gramm wiegt.

Die toten Falter werden gezählt, um die genaue Anzahl zu bestimmen

Wie viele es sind? José María Suárez, Biologe am "Biosphärenreservat Monarchfalter", will es herausfinden. Mit seinem roten VW-Käfer kommt er auf der Schotterpiste nicht mehr weiter, also wandert er in der Morgensonne drei Stunden stetig bergauf. An einem abgelegenen Platz, der den Schmetterlingen zum Überwintern dient, unterteilt er den Waldboden in Quadrate und zählt die toten Falter: Männchen, gestorben nach der Paarung, und Weibchen, die Opfer eines Beutezugs von Vögeln wurden. "Es sind so viele, dass wir nur Stichproben nehmen können und anhand dieser Daten die Population zu Beginn und am Ende des Winters grob schätzen. Je nach Saison sind es manchmal 100 Millionen, manchmal sogar mehr."

Zum Überwintern herrschen hier paradiesische Bedingungen für die Edelfalter: Temperaturen leicht oberhalb des Gefrierpunkts verlangsamen den Stoffwechsel bei den Insekten, Nebel sorgt für die nötige Feuchtigkeit. In der sogenannten Diapause schonen die Schmetterlinge so ihre Fettreserven für die Paarung und den weiten Rückflug. "Mit durchschnittlich sieben Grad bietet das mexikanische Hochland perfekte Temperaturen für diese monatelange Inaktivität", sagt Suárez.

Wenn es tagsüber etwas wärmer wird, erwachen die Falter aus ihrer Lethargie und gaukeln auf der Suche nach Nektar durch den Wald. Dabei sehen ihnen mittlerweile nicht nur Mexikaner, sondern auch staunende Urlaubern zu, die - meist aus verantwortungsvoll eingehaltener Entfernung - einige Überwinterungskolonien im Monarch-Reservat besichtigen dürfen. Dieser Tourismus, der Einnahmen für Hoteliers, Taxifahrer, Restaurants und Führer mit sich bringt, hat dazu geführt, dass die Bauern die Tiere nicht mehr vertreiben. Werktags morgens ist ein optimaler Zeitpunkt, um Falter zu beobachten - am Nachmittag und an Wochenenden, wenn zu viele unvorsichtige Besucher Staub aufwirbeln, verziehen sich die Schmetterlinge in die Baumwipfel.

Das Überwinterungsgebiet ist lebenswichtig für die Art

Das einmalige Naturphänomen ist jedoch bedroht: in Mexiko ist das Holz knapp - der Lebensraum der Falter schrumpft. "Wir müssen den Leuten Alternativen zum Bäumefällen bieten und ihnen zeigen, dass man den Wald auch nachhaltig bewirtschaften kann", erklärt der Direktor des Schutzgebiets, Marco Antonio Bernal. Vorschriften helfen dabei wenig - selbst in der eigentlich unzugänglichen Kernzone des Reservats werden immer wieder Bäume geschlagen. Und das hat verheerende Auswirkungen, auch wenn gerade kein Schwarm darauf überwintert: Vor einigen Jahr starben etliche Millionen Falter bei einem Kälteeinbruch, vor dem sie der ausgedünnte Wald nicht mehr schützen konnte. Die toten Schmetterlinge auf dem Boden reichten den Biologen teilweise bis zu den Knien. "Deshalb unterstützen wir ein Projekt, bei dem die Landbesitzer für den entgangenen Ertrag aus dem Holzverkauf entschädigt werden", sagt Jordi Honey-Rosés von der Umweltstiftung WWF in Mexiko. "Es gibt zwar viele Millionen Monarchfalter, doch diese Aart ist aufgrund ihrer außergewöhnlichen Lebensweise sehr schnell vom Aussterben bedroht, wenn das Überwinterungsgebiet weiter zerstört wird."

Lange Zeit wusste kaum ein Wissenschaftler von dem in der Insektenwelt einmaligen Naturphänomen. Jahrzehntelang markierten US-amerikanische Lepidopterologen Tausende von Faltern - doch im Herbst waren diese stets verschwunden. Die Spur gen Süden verlor sich in Texas. Ehrenamtliche Falterdetektive zogen aus, um nach dem Versteck zu suchen. Erst 1975 entdeckte ein Hobbyforscher die Kolonien in Mexiko. Zunächst wollte ihm niemand glauben, dass die Tiere tatsächlich 4000 Kilometer zurückgelegt hatten. Laboruntersuchungen jedoch bestätigten, dass die Falter, die in Mexiko ankamen, etwa im Osten der USA geschlüpft waren. Wohl auch wegen dieser Leistung hat sich der Monarchfalter zur vermutlich populärsten Schmetterlingsart der Vereinigten Staaten entwickelt: Rund 100.000 Schüler und Studenten beteiligen sich jedes Jahr an Feldforschungen, markieren Falter und beobachten den langen Zug der Tiere.

Mit neun Zentimetern Flügelspanne den Golf von Mexiko überqueren

Nahezu alle Monarchfalter, die östlich der Rocky Mountains in den USA und in Kanada leben, flattern im Herbst Richtung Mexiko. Bis zu 130 Kilometer legen die Tiere am Tag zurück - manche Schwärme queren sogar nonstop den Golf von Mexiko. Sie lassen sich dabei von passenden Winden treiben - sonst wäre die lange Reise mit einer Flügelspannweite von nur neun Zentimetern wohl kaum zu schaffen. Nach dem Aufenthalt im kühlen Winterquartier machen sich die Schmetterlinge im Frühling auf den Rückweg, um dort ihre Eier abzulegen.

Doch erst die vierte oder fünfte Generation zieht im nächsten Herbst wieder nach Mexiko. Diese Ur-Ur-Enkel können sich an die Reiseroute also nicht erinnern. Doch wie finden sie den Weg? Wahrscheinlich nutzen sie eine Kombination aus gleich mehreren Navigationssystemen: Sie könnten sich am Stand der Sonne orientieren oder das Magnetfeld der Erde als Kompass nutzen. Vermutlich ist in den gehirnähnlichen Nervenknoten der Tiere auch eine Art Landkarte programmiert. Auf diese Weise könnten die Monarchfalter würden Berge, Seen und Wälder des überflogenen Terrains mit der gespeicherten Version abgleichen.

Einen endgültigen Beweis dieser Hypothesen haben die Schmetterlingsforscher aber noch nicht erbringen können. Daher bleibt es ein noch ungelöstes Rätsel, warum mehr als 100 Millionen Falter aus einem riesigen Gebiet östlich der Rocky Mountains in die gleiche Richtung fliegen und die Strapazen einer bis zu 4000 Kilometer langen Reise auf sich nehmen. Und sich alljährlich im mexikanischen Hochland wiedertreffen - auf einer Fläche so groß wie nur zehn Fußballfelder.

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