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Der Klang der Stille

Auch diese biblische Ruhe macht den Reiz des Sultanats Oman aus. Während die Nachbarn am Persischen Golf mit Hotelpalästen protzen, herrscht hier noch die traditionelle Lebensweise eines gastfreundlichen Nomadenvolks. Der Vorteil: Es gibt reichlich Natur und Ursprünglichkeit zu erkunden.

Wenn die Wüste sprechen könnte, würde sie sagen: 'Ich hasse diesen Mann, er zerstört unsere Schönheit, unsere Ruhe'", meint Musallam Hassan Qahour al Mahri. Dabei liebt der Mann mit dem vollen Bart und den schwarzbraunen Augen sein Land doch so sehr. Er sitzt auf einer Bastmatte vor seinem Toyota Landcruiser und stopft fürs Abendessen Chilischoten, Zwiebel und Knoblauch in ein Grillhähnchen, für das er schon das offene Feuer bereitet hat.

Musallam hat für die Nacht unter freiem Himmel eine 300 Meter hohe Düne gewählt. Sie thront in der größten Sandwüste der Welt, die so groß ist wie Frankreich. Rub al-Khali, das leere Viertel, heißt sie und liegt nahezu menschenleer unweit der Grenzen zum Jemen und zu Saudi-Arabien. Die Sonne senkt sich langsam hinter den Dünen, der rötliche Sand ist schon kühl, und Musallam bittet, nicht auf die Anhöhe zu steigen. Von dort könnte man hinabsehen auf das Camp der Beduinen, die einen Kilometer entfernt im Tal ihre Kamele füttern. "Sie würden sich gestört fühlen", sagt Musallam, obwohl die Hirten ihn vorhin mit Kaffee und Datteln bewirtet haben und zur Begrüßung ein Kamel schlachten wollten. "Die Beduinen sind Menschen um sich herum nicht gewöhnt. Fremde schon gar nicht."

Es gibt Neuland zu erkunden

Das gilt noch für nahezu ganz Oman, auch wenn es an herzlicher Gastfreundschaft nicht mangelt. Bis vor gut zehn Jahren war das Sultanat am arabischen Golf fast vollständig von der Außenwelt abgeschlossen. Jetzt, im Sog des Booms beim Nachbarn Dubai, haben Reiseveranstalter das Land entdeckt. Aber im Gegensatz zu dem Emirat gibt es hier mehr als Luxushotels und Golfplätze.Es ist Neuland zu erkunden. Unverfälschte Kultur, monumentale Gebirge, fast unberührte Wüsten. Dazu 1700 Kilometer Küste. Von hier aus stachen die Omanis als herrschende Handelsmacht im westlichen Indischen Ozean in See und mehrten den Reichtum im Land. Heute bringt Öl das Geld ein, doch weil die Vorräte endlich sind, soll nun auch der Tourismus den Wohlstand sichern.

Durch ein Labyrinth aus Dünen

In Salalah, der Hauptstadt der südlichsten Provinz, wo Musallam seine Wüstentouren startet, säumen Stände mit Mangos, Bananen und Kokosnüssen die Straßen. Kamele schaukeln durch die Stadt. Vom Strand aus sind springende Delfine im Arabischen Meer zu sehen. Darüber kreisen Seevögel, Flamingos staksen durchs flache Wasser. Während des Monsuns, wenn der Sand feucht ist, kommen nachts Meeresschildkröten in der Eselskopf-Bucht an Land, wo sie ihre Eier tief im Sand vergraben. Ein schöner Ort, um das Licht der Welt zu erblicken. 30 Kilometer unverbauter Strand."Ich erkläre meinen Gästen: In der Wüste findet ihr keinen Fünf-Sterne-Luxus", sagte Musallam schon unterwegs, als er seinen Wagen zielsicher durch das Labyrinth der Dünen steuerte. Inzwischen hat er sein bodenlanges weißes Gewand, die Dishdasha, gegen einen dunkelgrünen Umhang aus wärmender Ziegenwolle getauscht. Der Nordwind treibt die Kühle der Nacht heran. Musallam wickelt das Hähnchen in Alufolie und legt es in die Glut, die angenehm würzigen Duft verbreitet. Der kommt vom Holz abgestorbener Weihrauchbäume, deren kostbares Harz die Beduinen schon vor 3000 Jahren auf ihren Kamelen zu den Zentren des südlichen Mittelmeeres transportierten.

Im Monsun grün wie im Bayrischen Wald

"Die Touristen sind sehr am Leben der Urbevölkerung interessiert", sagt Musallam, selbst Sohn von Nomaden. Ab und zu bringt er seine Gäste zu den Plätzen, wo er als Kind mit den Eltern unter freiem Himmel schlief. Im Sommer hüllt der Monsun die sonst kahlen Berge zwischen Meer und Wüste wochenlang in Sprühregen. Dann ist es hier so grün wie im Bayerischen Wald. In den Fels geritzte Tierzeichnungen zeugen davon, dass hier schon vor Tausenden von Jahren Nomaden ihre Lager aufgeschlagen haben. Musallams Familie tut dies noch heute. "Meine Mutter ist immer da, wo sie Gras und Wasser für ihre Ziegen findet", sagt der 44-jährige Sohn. Beduinen wissen sich mit einem halben Liter Wasser täglich zu begnügen. "Wenn wir Kinder Durst hatten", sagt Musallam, "haben unsere Eltern gesagt: Schlaf und mach den Mund auf. Die Engel werden euch zu trinken geben."Oft lag die nächste Wasserstelle einen Tagesmarsch entfernt. Oder in einer der riesigen Höhlen, die derzeit namhafte Forscher erkunden. Vergangenheit, die dem Mittelalter gleicht, liegt im Oman erst eine Generation zurück. Die Stammeskriege und der Aufstand gegen den Sultan ebenso. Der wurde vom eigenen Sohn ins Exil vertrieben. "Ein Segen für unser Land", sagt Musallam.

Letterman flog mit Privat-Klo ein

Die Kalaschnikow, die im Landcruiser zwischen Fahrersitz und Getriebetunnel klemmt, hat Musallam nur noch aus Gewohnheit dabei. Schließlich hat er 15 Jahre als Soldat die Grenzen kontrolliert. Bedenken wegen der Sicherheit brauche heute niemand mehr zu haben, sagt er. Selbst US-Showmaster David Letterman sei voriges Jahr im Privatjet eingeflogen, um sich mit seiner Familie von ihm in die Wüste führen zu lassen. Der Amerikaner brachte Toilette, Dusche und drei Diener mit. Ganz so, als ob er Sultan Qabus ibn Said al Said persönlich wäre.Die echte Hoheit reist einmal im Jahr mit großer Entourage mehrere Wochen durchs Reich, Minister im Schlepptau, viel Bargeld im Begleithubschrauber. So hat der Sultan Frieden unter die einst verfeindeten Stämme des Zweieinhalb-Millionen-Volkes gebracht. Jedes Dorf hat inzwischen eine Schule und eine Krankenstation. Straßen führen in die entlegensten Weiler. Und seit der Sultan auf Tourismus als Einnahmequelle setzt, werden auch die halb verfallenen Forts wie das von Bahla, das von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde, von marokkanischen Fachleuten wieder aufgebaut. In der ehemaligen Hauptstadt Nizwa, 25 Kilometer von Bahla entfernt, wurde der Markt gleich mit restauriert. Man fühlt sich als Besucher in ein anderes Zeitalter gebeamt.

Der Sultan hat Häuser aus Beton spendiert

Schon morgens um acht herrscht reges Treiben. Einheimische in weißen Gewändern durchstreifen die engen Gassen, in denen Bauern aus der Umgebung Gemüse, Früchte und Honig feilbieten. Wie in grauer Vorzeit treiben sie ihre Ziegen auf dem Viehmarkt im Kreis herum und rufen den Mindestpreis auf. Das Ritual hat Jahrhunderte überlebt, auch wenn heute kaum mehr einer dieser Bauern in den traditionellen Lehmhütten lebt. Der Sultan hat ihnen längst kleine Häuser aus Beton spendiert.Die verlassenen Lebensräume sind eine Fundgrube für Archäologen und Touristen. Im Dorf Misfah am Fuße des Al-Hadjar-Gebirges lebt noch rund die Hälfte der Bevölkerung wie einst. Alte Männer sitzen am Dorfeingang und halten einen Schwatz. Wege führen in ein Gewirr aus steilen Gassen und Treppen. Irgendwie enden alle in einem tropischen Garten mit Bananenstauden und Dattelpalmen.

Lehmhäuschen wie Schwalbennester am fels

Kinder baden in den alten Kanälen, die seit jeher dazu dienen, die Gärten zu bewässern. Ein alter Mann wäscht sich. Ein anderer treibt seinen Esel vor sich her. Frauen tragen auf ihren Köpfen Futter für die Ziegen in die Ställe. Es riecht nach Weihrauch. Auch im bis zu 3000 Meter hohen Al-Hadjar-Gebirge ist es heute noch so. Erst seit kurzem sind vom Militär Straßen und Wege auf dem Djebel Akhdar, dem "Grünen Berg", für Besucher freigegeben.

Exkursionen lohnen sich. Man stößt auf Siedlungen wie al Sugra. Die Lehmhäuschen der 50 Bewohner kleben wie Schwalbennester am Fels über der Schlucht, die nur zu Fuß erreichbar ist. Kommen Besucher, verschwinden die Frauen, die Männer bitten herein, und die Kinder waschen für die Begrüßung extra die Hände. Sie bringen Datteln und Orangen aus dem Garten. Mohammed Saif Nasser, der Religionslehrer, gibt freundlich Auskunft über den Alltag hier. Strom liefert ein Generator täglich von 18 bis 21 Uhr. Bevor es dunkel wird, steigt Mohammed Saif Nasser auf einen Felsvorsprung und ruft die Gläubigen zum Gebet. Das Echo seiner Rufe hallt von den Felswänden wider.

Die Extremsportler sind schon da

Doch auch diese Bewohner werden das beschwerliche Leben bald aufgeben und in neue Häuser ziehen, näher an der Zivilisation. Das Dorf wird mit ihrem Einverständnis in Zukunftskonzepte des neu gegründeten Tourismusministeriums eingebunden. Der Österreicher Reinhard Siegl hat im Auftrag der Regierung bereits rund 100 Kilometer Wanderwege markiert. Berghütten sollen entstehen und Übernachtungsmöglichkeiten, auch hier in al Sugra. Verlassene Dörfer wie Sab Bani Khan im Grand Canyon am Djebel Shems, dem Berg der Sonne, sind heute schon so etwas wie ein Freilichtmuseum. Extremsportler haben hier ein neues Terrain entdeckt. Kletterer legen ihre Routen in den Fels, Basejumper und Drachenflieger suchen Startplätze für spektakuläre Sprünge. So was spricht sich rum. Hotelzimmer werden knapp. Wer den ursprünglichen Oman erleben möchte, sollte sich beeilen. Megaprojekte wie Blue City bei Maskat mit Vergnügungsparks, Apartment- und Hotelanlagen sind in Planung. Auch eine künstliche Insel mit dem Namen "Wave" soll dort entstehen. Die Herrscherfamilie aus Dubai plant unweit der Hauptstadt ein eigenes Resort in einer abgelegenen Bucht. Bald wird auch mitten durch die Wüste Wahiba eine Straße führen.

Mit Weihrauch parfümierte Träume

Für Musallam ist die Wahiba ohnehin nur ein überschaubarer Sandkasten. Nicht zu vergleichen mit Musallams Lieblingswüste Rub al-Khali, mit dieser Abgeschiedenheit, den erhabenen Dünen - und diesem unvergesslich schmackhaften Hähnchen zum Abendessen. Musallam ist müde nach der Mahlzeit, wärmt sich die Hände am Feuer und erzählt von seinem Plan, auf dem Gebiet seines Stammes ein eigenes festes Camp für etwa 20 Touristen zu eröffnen. Dann legt er sich zum Schlafen unter den Sternenhimmel, die Füße Richtung Feuer gestreckt. So, dass der Nordwind ihm den Rauch um die Nase weht. Er liebt diesen Duft des Weihrauchs, der nun seine Träume parfümiert.

Joachim Rienhardt/print

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