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Der Aufstand der jungen Araber: Schlaflos in Akaba

Der Nahe Osten brodelt. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung ist nicht mehr zu stoppen. Besonders die Jugend steht im Konflikt zwischen Tradition und westlichem Lebensstil. Beim Ravefestival tanzt sich Jordanien frei von strengen Konventionen.

Um Jordaniens Jugend für einen Moment aus der Sicht der besorgten Alten, der Konservativen, der Religiösen zu sehen, muss man an einem bestimmten Tag nur an der Straße nach Saudi-Arabien stehen. Vierspurig führt sie aus Akaba hinaus und am Roten Meer entlang. Manchmal kommen Autos herangefahren, voll besetzt mit jungen Leuten, werden langsamer, biegen dann plötzlich ab, verschwinden zwischen den Hügeln, die im Lichte der Abendsonne so aussehen, als würden sie zu Staub zerbröseln, sobald man mit dem Finger in sie sticht. Kein Weg ist dort zu sehen und erst recht kein Wegweiser. Nur die Reifenspuren der Autos, die schon vorher dort entlanggesteuert wurden. Hier kommt Jordaniens Jugend vom rechten Weg ab.

Wer den Spuren folgt, erreicht ein Bergplateau. Hoch über der Hafenstadt Akaba, hoch über dem Roten Meer, werden an diesem Abend ein paar Hundert Partygänger Jordaniens größtes Technofestival feiern: das Distant Heat, ein Musikspektakel, den heißesten Rave im Nahen Osten. DJs und Besucher kommen aus allen Teilen der Welt; Jordanier und Libanesen, Ägypter und Saudis, Briten und Niederländer. Für die meisten ist es, vom Sonnenuntergang bis zum Morgengrauen, die aufregendste Nacht des Jahres. Für die Gegner des Festivals ist das Distant Heat der Beweis schlechthin für den moralischen Verfall des Landes. Und eine Zumutung obendrein.

Die Organisation läuft auf Hochtouren

Aber eine Stunde bevor es losgehen soll, ist die Party eigentlich nur eines: "It's still a mess", sagt eine Helferin, es ist immer noch ein Chaos. Die Bühne wirkt überdimensioniert in der Wüstenlandschaft, das Gelände trotzdem überraschend klein. Rundum Stacheldrahtzaun. Die Bar steht erst halb, überall Kisten, die Kühlschränke sind noch in Plastikfolie gehüllt. Eine halbe Stunde vor Beginn ist keine einzige der Videoleinwände montiert. Eine Viertelstunde später ist zumindest der Werbestand eines Handyherstellers komplett, stolz fotografieren sich davor die Mitarbeiter in Fußballmannschaftspose. 40 Minuten nach dem offiziellen Beginn hastet ein junger Mann mit silberfarbenem Koffer über den Platz. Es ist Zeid Husban, der erste DJ der Nacht.

Für das Distant Heat hat sich Husban Urlaub genommen von seinem Job als Außendienstmitarbeiter eines Internetanbieters. Zwei Wochen hatte er nach seinem Abitur gebraucht, um sich darüber klar zu werden, welchen Beruf er für den Rest seines Lebens wollte (und hat sich für Informationstechnologie entschieden). Ein Jahr hat er darüber nachgedacht, welches Auto er fortan fahren will (einen BMW). Aber seine ganze Jugend schon denkt er darüber nach, was nun falsch oder richtig ist (und kann sich nicht entscheiden). Nach Abenden hinter den Plattentellern, sagt Husban, liege er oft im Bett und könne vor schlechtem Gewissen nicht schlafen. Er glaubt an den Islam. Er glaubt an den Koran. Er glaubt an den Weltuntergang. Und er glaubt, dass die Partys, auf denen er auflegt, dessen Vorbote sind.

Brodelnde Stimmung in der Wüste

So wunderbar laut, so krachend, so beglückend sind die Weltuntergangszeichen kurze Zeit später geworden, dass sie einfach nicht überhört werden können. Die Shuttlebusse aus Amman sind endlich angekommen. Ein Niederländer springt sofort auf die Tanzfläche. Das Licht der Stroboskope verwandelt die Nacht in ein Daumenkino. Lichtblitzstakkato. Einer von Husbans Freunden tanzt auf dem neben der Bühne drapierten Tisch. Lichtblitz. Ordner müssen einen Touristen bergen, der zum Pinkeln über den Stacheldrahtzaun geklettert und nun dahinter gefangen ist. Lichtblitz. Rhythmisch wogende Körper. Lichtblitz. Ein wenig abseits vom Getümmel küsst ein Jordanier eine Engländerin, über die er am nächsten Tag nicht mehr wird reden wollen. Lichtblitz. Nackte Oberkörper leuchten im Licht. Arme schwingen. Im Staub vor der Bühne tanzt das junge Jordanien, gemischtgeschlechtlich und frei. Niemand hier trägt Kopftuch oder überhaupt besonders viel.

Und hinter der Bühne sitzt Julian Noursi, die Erfinderin und Organisatorin des Distant Heat, merklich erschöpft. Merklich entrückt. Nur eine Woche zuvor hat Noursi noch mit dem Gedanken gespielt, das Land zu verlassen. Grund dafür war ein Brief, in dem ihr das Verbot der Veranstaltung mitgeteilt wurde. Seit 2003 steigt das Festival im Wadi Rum, inmitten von Jordaniens schönster Wüste. Doch dieses Mal haben die dort lebenden Beduinen ein Nein erwirkt. Es ist nicht ganz klar, worum es ihnen hauptsächlich ging - um Ruhe, um Hoffnung auf Geld oder Angst vor Müll. Für Noursi hingegen geht es um alles oder nichts. Sie sagt: "Wenn das Distant Heat verboten wird, verlasse ich Jordanien."

Die Lastwagen mit den Bühnenbauteilen steckten an jenem Tag schon in der Wüste, und Julian Noursi wusste nicht so recht, wohin mit ihnen und mit ihrer Wut. Ein Bekannter schlug schließlich vor, auf die Hügel über Akaba auszuweichen, ein Privatgrundstück und immerhin am Meer. Nur vier Tage vor Beginn stand der neue Ort fest, verbreitete sich über Facebook, und die Arbeit, die normalerweise spielend leicht eine Woche verschlingt, konnte in Angriff genommen werden.

Deshalb also fühlt sich Noursi in der Nacht der Nächte ausgelaugt. Dabei ist es nicht so, dass sie keine Schwierigkeiten gewohnt wäre. Einmal konnte ein Videokünstler nicht anreisen, weil er wegen des Libanonkrieges den Flughafen nicht nutzen durfte. Und die Gegner des Festivals werden nicht müde, Gerüchte zu verbreiten, die sich in immer neuen Kombinationen um Satanismus und Drogen und Nacktheit drehen. "In Europa", sagt Noursi, "muss man schlimmstenfalls mit Regen rechnen." In Jordanien hingegen ist Regen wohl die einzige Widrigkeit, die man ausschließen kann.

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