HOME

So dramatisch verlief für einen Business-Jet die Begegnung mit einem A380

Der Vorfall erregte großes Aufsehen: Bei einer Begegnung wurde im Januar ein Business-Jet durch Wirbelschleppen eines A380 derart durchgeschüttelt, dass der fast abstürzte. Ein Bulletin nennt nun die beängstigenden Details.

Airbus A380 von Emirates

Ein Airbus A380 von Emirates: Die Wirbelschleppen des Airbus brachten im Januar nach einer Begegnung einen Privatjet fast zum Absturz.

Es geschah am 7. Januar. Über dem Arabischen Meer begegnen sich ein Airbus der Airline Emirates und eine aus München stammende Bombardier "Challenger 604"; ein Privatjet mit neun Insassen an Bord. Zwischen den beiden Maschinen liegt ein Höhenabstand von 300 Metern - das entspricht den Vorschriften. Nach dem Zusammentreffen geschieht dementsprechend nichts. Alles in Ordnung, scheint es. Doch das gilt für die neun Personen in dem Privatjet nur noch für genau 48 Sekunden. Danach bricht für sie die Hölle los.

Was sich in dem "Challenger 604" nach der Begegnung genau abspielte, ist in einem Bulletin der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig zu dem in der Luftfahrt sehr beachteten Vorfall nachzulesen. Plötzlich wird der Bombardier-Jet derart durchgeschüttelt und -gerüttelt, dass er sich mindestens dreimal linksherum um die eigene Längsachse dreht. Gleichzeitig fällt der Autopilot aus, im Cockpit werden die meisten Bildschirme schwarz. Das Headset des Kapitäns und das Handbuch der Maschine fliegen herum. Und bei all dem verliert der Jet rasant an Höhe: in nicht einmal 30 Sekunden sackt er mehr als 2600 Meter ab.

Blanke Panik in der Passagierkabine

Währenddessen herrscht im Passagierraum die blanke Panik. Vier der Fluggäste hatten sich nach Aussage der Flugbegleiterin abgeschnallt und waren aufgestanden. Auch die Flugbegleiterin selbst befand sich in der Mitte des Passagierraums und bereitet den Service vor, als die heftigen Turbulenzen begannen. Während sich der Jet um die eigene Achse drehte wurden die Passagiere gegen die Decke geschleudert und prallten gegen die Sitze. Es gab keine Chance, sich festzuhalten. Es wird geschrien. Wie sich später herausstellte, brach sich ein Passagier einen Wirbel, ein andere die Rippen, zudem gab es blutende Kopfwunden. Die Flugbegleiterin wurde nur leicht verletzt, sie konnte - nachdem sich die Situation beruhigt hatte - den Verletzten Erste Hilfe leisten. 

Zu diesem Zeitpunkt war es dem Kapitän gelungen, den Jet wieder in den Griff zu bekommen. Dabei blieb ihm nur, sich an den Wolken zu orientieren, um ein Gefühl für die Fluglage zu erhalten. Als er die Maschine im Griff hat, fällt eines von zwei Triebwerken wegen Überhitzung aus. Der Pilot stellt es zunächst ab. Einzige Zeit später nimmt er es nach Beratung mit seinem Co-Piloten wieder in Betrieb. Es funktioniert. Die Piloten erklären die Luftnotlage. Nach mehr als zwei furchtbaren Stunden kann die "Challenger" schließlich auf dem Flughafen von Muscat in Oman landen. Später wird sich herausstellen, dass Jet durch den Vorfall dermaßen überansprucht wurde, dass er - obgleich äußerlich scheinbar unbeschadet - nie wieder in die Luft gehen kann.


Wie sehen die Konsequenzen aus?

Die Gutachter des BFU bestätigen, was schon kurz nach dem Vorfall mehr als nur vermutet wurde: Die "Challenger 604" ist in die Wirbelschleppen des A380, dessen Besatzung und Passagiere von dem Drama nichts mitbekommen haben, geraten. Das Phänomen ist längst bekannt; die Wirbelschleppen entstehen durch den aerodynamischen Auftrieb. Große Maschinen ziehen größere Wirbelschleppen nach sich als kleine - weshalb bei Landungen des A380 längere Wartezeiten für nachfolgend landende Maschinen gelten als sonst üblich. Im Effekt handelt es sich bei den Schleppen um kompakte Turbulenzzonen. Laut Studien ist auch bekannt, dass Maschinen mit besonders großer Spannweite Wirbelschleppen erzeugen können, die bis in die Flugbahn der darunter fliegenden Maschine reichen können - genau das mussten die Insassen des "Challenger"-Jets erleben. 

Was aber folgt aus den Ereignissen? "Wir müssen jetzt klären, welche Maßnahmen verhindern könnten, dass so etwas wieder passiert", erklärte BFU-Sprecher Germout Freitag am Mittwoch. Experten würden unter anderem prüfen, ob Sicherheitsabstände vergrößert werden müssten. Eine Vergrößerung des vertikalen Abstandes zwischen den Flughöhen würde allerdings den Luftraum arg verkleinern. Oder müssen Luftstraßen in Bereiche für große und kleine Maschinen aufgeteilt werden? In den kommenden Monaten werden die Experten der Braunschweiger BFU in einem Abschlussbericht zu dem fatalen Rendezvous über dem Arabischen Meer Antworten auf diese Fragen erarbeiten. Das Papier wird in der Luftfahrt-Branche auf größtes Interesse stoßen.

Das "Bulletin Unfälle und Störungen beim Betrieb ziviler Luftfahrzeuge, Januar 2017" ist auf den Seiten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung abrufbar.


dho

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity

Partner-Tools