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Insel-Hopping in Hongkong

Mehr als nur ein Moloch: Zur Millionenstadt Hongkong gehören auch rund 260 Inseln. Auf vielen von ihnen kann sich die Natur frei entfalten – zur Freude der Bewohner und der Besucher 

Von Janis Vougioukas

  Kontrastprogramm: Auf Hongkong Island drängen sich die Wolkenkratzer – und doch finden sich viele kaum besiedelte Buchten

Kontrastprogramm: Auf Hongkong Island drängen sich die Wolkenkratzer – und doch finden sich viele kaum besiedelte Buchten

Eines Tages werden wieder Hühner und Schafe über die Felder laufen. Dann werden auch die Kinder wieder in dem Bambuswäldchen spielen und die Alten am Nachmittag beim Tee auf der Terrasse sitzen, mit Blick auf die alte Saline, die der Insel einst ihren Namen gab: "kleines Salzfeld" – auf Chinesisch Yim Tin Tsai.

Colin Chan, 52, schließt die Augen, wenn er von der Zukunft seiner Heimat spricht. Zwischen den Sätzen lächelt er wie in einem glücklichen Traum. Seine Vision weckt Erinnerungen an die Kindheit, auf einmal scheint die Vergangenheit ganz nahe. Es ist Freitagmorgen, ein sonniger Tag mit blauem Himmel und runden Wolken, die langsam über den Hongkonger Himmel schweben.

Dschungel auf Yim Tin Tsai

Es ist ganz still auf Yim Tin Tsai, einer Insel ohne Autos und den ständigen Lärm der Großstadt. Die meisten Häuser verfallen. Mangroven wuchern über alte Felsmauern, dichtes Buschwerk ragt über die Wege. Mit den Jahrzehnten hatten die Menschen von Yim Tin Tsai ihre alte Heimat fast vergessen. Jetzt kehren die ersten Dorfbewohner zurück. Die Kirche haben sie bereits wiederaufgebaut, und in der ehemaligen Schule hat ein kleines Museum eröffnet.

"Ich wünsche mir, dass es eines Tages genauso aussieht wie früher", sagt Colin Chan. Er wohnt jetzt auf dem Festland, im Nordosten von Hongkong. Mit der kleinen Fähre dauert die Fahrt zur Insel wenige Minuten. Am Wochenende besuchen inzwischen ein paar Dutzend Stadtbewohner Yim Tin Tsai. Die Wochentage sind Chan lieber, da fährt er fast jeden Tag hinaus und hilft mit, Wege und Häuser herzurichten. Auch die Saline produziert wieder. Es ist eine Lebensaufgabe für Chan. Er arbeitet hart daran, die Abwanderungsbewegung, die sein Vater einst anführte, wieder umzukehren.

260 Inseln, von viele ohne Autos

Sieben Millionen Menschen wohnen in Hongkong; in manchen Stadtteilen sind es bis zu 130.000 pro Quadratkilometer – so viele wie sonst fast nirgendwo. Die glitzernde Skyline ist zum Markenzeichen der einstigen britischen Kronkolonie geworden, wo die Hochhäuser oft so eng beieinanderstehen, dass die Nachbarn sich von Fenster zu Fenster die Hand schütteln könnten. Angesichts der Wolkenkratzer übersehen viele Besucher, dass Hongkong zugleich eine der grünsten Städte der Welt ist. Mehr als 260 Inseln sind der Metropole zugeordnet; auf den meisten fahren keine Autos. Rund 40 Prozent des Stadtgebiets sind Wald- und Schutzgebiete, und die Strände gehören zu den schönsten in ganz China.

Es ist die unbekannte Seite Hongkongs: Beim Insel-Hopping mit der Fähre zeigt sich die Stadt so abwechslungsreich, so farbenfroh, so entspannt wie wohl kein anderer Ort in China. Die Bandbreite reicht vom verwunschenen Dorf auf Yim Tin Tsai über die riesigen Wälder in den New Territories im Norden, die Surferstrände in Shek O und Big Wave Bay bis hin zu den Hippie-Siedlungen auf Lamma Island, die vor allem an den Wochenenden besucht werden – wegen der Strände, der dörflichen Idylle und der Tofu-Eiscreme.

Das entvölkerte Yim Tin Tsai

Chan ist das sechste Kind einer Familie, deren Vorfahren vor 300 Jahren nach Süden gewandert waren, auf der Suche nach Abenteuer und Unabhängigkeit. Seine Ahnen fanden die Insel, in Sichtweite zum Festland. Nahe genug, um die Versorgung zu ermöglichen, und doch weit genug entfernt, um der Familie ihre Freiheit zu garantieren. Chan wohnte mit seiner Familie in einem kleinen Haus im Tal, ohne Strom und Leitungswasser. Die Kinder teilten sich das obere Zimmer, wo sie auf Bambusmatten schliefen. Für Decken und Matratzen war es im Sommer viel zu heiß. Chans Eltern waren streng, schon früh mussten die Kinder auf dem Hof arbeiten. Sie sammelten Feuerholz, pflügten die Felder, hüteten Schweine und Hühner.

  Einsame Strände gibt es nur eine Fährfahrt von der Millionenmetropole entfernt: eine von 260 Inseln im Gebiet von Hongkong.

Einsame Strände gibt es nur eine Fährfahrt von der Millionenmetropole entfernt: eine von 260 Inseln im Gebiet von Hongkong.


Rund 100 Familien lebten damals auf Yim Tin Tsai, ihre steinernen Häuser standen dicht beieinander, und die Menschen hatten das Gefühl, zusammenzugehören. Sie waren stolz auf ihre kleine Schule, ein Klassenzimmer mit zehn Tischen, die im Halbkreis um die Lehrerin standen. Der wichtigste Ort im Dorf war die kleine St. Joseph's Chapel, heute eine der ältesten Kirchen in Hongkong.

Doch Chans Vater reichte das einfache Leben nicht. Mitte der 50er Jahre reiste er auf einem Frachtschiff nach Leeds in England. Er arbeitete hart, bald hatte er genug Geld beisammen, um ein kleines Restaurant zu eröffnen: das Goldene Tor. Chans Vater konnte jeden Monat etwas mehr Geld nach Hause schicken, bis das Dorf anfing, über ihn zu sprechen, aus Bewunderung und vielleicht aus Neid. Auch Nachbarn und Verwandte zogen von Yim Tin Tsai nach Leeds. Zuerst arbeiteten sie im Goldenen Tor, später eröffneten sie ihre eigenen Restaurants. Mitte der 90er Jahre verließ die letzte Familie die Insel, um ihr Glück auf dem Festland zu versuchen.

Allein mit dem Surfbrett

Die Lust am Landleben ist in Hongkong noch ein junges Phänomen, doch immer mehr Menschen entdecken die Natur und die Inseln, deren ruhige Fischersiedlungen wie das Gegenteil des lauten Großstadtzentrums wirken. Samuel Pleitgen kam vor 49 Jahren zur Welt, als der britische Union Jack noch über der Stadt wehte. Sein Vater war ein Händler und Abenteurer aus Deutschland, die Mutter eine japanische Modedesignerin. Viele Jahre reiste Pleitgen um die Welt. Er lebte in Taiwan, Indien und England. Surfte, spielte Musik, lernte Chinesisch. 1993 kehrte er nach Hongkong zurück. "Die Stadt war damals immer noch die alte Kolonie", sagt Pleitgen. Ausländer und Einheimische hatten kaum Kontakt zueinander, "es war fast rassistisch", sagt er. Für Pleitgen stand fest, dass er so nicht leben wollte.

Pleitgen zog ins kleinste Dorf, das er finden konnte: Shek O im Süden von Hongkong Island, abgeschirmt durch eine Bergkette. Dort gab es zwei Strände und ideale Bedingungen zum Surfen. Meistens war Pleitgen der einzige Mensch am Strand. Die Fischer grüßten und belächelten ihn, wenn er barfuß mit dem Surfbrett unter dem Arm durchs Dorf ging. Er arbeitet nur so viel wie nötig: als Musiker, Fotograf, Fernsehsprecher.

Pleitgen geht noch oft an den Strand. Doch allein ist er dort nur selten. "Hongkong hat sich in den vergangenen Jahren sehr gewandelt", sagt er. Die Stadt sei cooler geworden, die Einwohner suchten nach einer neuen Art zu leben. Sie haben dabei ihre Geschichte und ihre Heimat wiederentdeckt.

In Shek O haben inzwischen die ersten Cafés aufgemacht. Hippies und junge Familien wohnen neben den Alteingesessenen. Und am Wochenende kommen Surfer und Badegäste aus der Stadt. Vielleicht wird es Pleitgen eines Tages zu viel werden. Dann wird er weiterziehen. Vielleicht nach Yim Tin Tsai, wenn Colin Chan es geschafft hat, sein altes Dorf wiederaufzubauen.  

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