Wo die Straßen flüssig sind

8. November 2011, 12:00 Uhr

Noch lässt sich in Indochina ein Stück unbekanntes Asien entdecken: bei einer Bootstour auf dem Mekong. An seinen Wassern verschwimmen Mythos und Wirklichkeit des Landes. Von Dirk Lehmann

Seit zwei Tagen sind Fotograf Hauke Dressler und ich mit einem kleinen Passagierschiff im Mekong-Delta unterwegs. Hier verliert sich der fast 4500 Kilometer lange "Fluss der neun Drachen" in acht, mitunter mehr als 1000 Meter breite Ströme, verbunden durch unzählige Seitenarme und Kanäle. Dieses nasse Labyrinth ist Verkehrsnetz und Bewässerungssystem, Abwasserkanal und Trinkwasserreservoir, Biotop und Lebensraum für 15 bis 20 Millionen Menschen.

Flusskreuzfahrt intensiv

Zwischen dichtem Tropenwald mit Pandanus- und Bananenbäumen drängen sich am Ufer Holzhäuser aneinander, die teils auf Stelzen im Fluss stehen. Hoang erklärt, dass man in Vietnam für ein Haus nur dann Steuern zahlen müsse, wenn es an Land errichtet worden sei. Eine Kanalisation haben diese Häuser nicht, oft beobachten wir, wie die Bewohner Küchenabfälle und Müll in den Mekong kippen. In denselben Fluss, in dem wenig entfernt Kinder baden, in dem sich eine Frau die Haare wäscht, in den ein Junge in hohem Bogen pinkelt - und uns fröhlich winkt.

Longtail-Boote springen spritzend durch die braune Flut, auf dem Heck rumoren riesige, meist unverkleidete Dieselmotoren. Den Frachtschiffen hat man am Bug Augen gemalt: Der böse Blick soll die Flussgeister bannen. Fischfarmen schaukeln in den Wellen, Felder aus Wasserhyazinthen treiben vorbei - die schwimmenden Inseln des Mekongs.

Etwa zwölf Meter lang ist unser namenloses Boot, rund zwei Meter breit, es bietet Platz für bis zu vier Passagiere und die Crew. Der vordere Teil der Kabine ist offen, im hinteren steht das Bett in einer schmalen Koje. Zwischen Schlafabteil und Küche stampft laut der Motor, nachts muss das Boot ankern, man bekäme sonst kein Auge zu. Am winzigen Herd hantiert Dung, die stämmige Köchin, mit großen Töpfen und Pfannen. Jeden Tag bereitet sie Obst zum Frühstück, süßen Kaffee, Saft, Weißbrot. Jeden Tag ein mehrgängiges Mittagessen und ein mehrgängiges Abendmenü. Es gibt Salat, Fisch- oder Nudelsuppe, gedünstetes Gemüse wie grüne Bohnen mit Tomaten und Koriander, gebratenes Hühnerfleisch mit milden Chilis und Nüssen oder in Papier gegarten Fisch mit Limone und Thai-Basilikum.

Serviert wird das Essen von Chien, dem Helfer für alles, er macht das Boot fest, repariert, kauft ein. Abends sitzen wir oft auf dem Oberdeck. Der Tisch steht hinter der stets mit Blumen geschmückten Kapitänskajüte, in der hockt Hoc auf einem abgesägten Gartenstuhl. Der Kapitän ist mit der Köchin verheiratet und mit Helfer Chien verwandt. Nur Übersetzer Hoang lebt nicht am Fluss, er kommt aus Ho-Chi-Minh-Stadt. Deutsch hat er in einem Volkshochschulkurs gelernt, und obwohl er einige Reisegruppen in diese Welt begleitet hat, ist oft kaum zu verstehen, was er sagt. Beim Mittagessen kündigt er an, dass wir nach Xeo Quit fahren, in ein Camp der Vietkong. "Wir besichtigen Verstecke." Dann fügt er hinzu, dass wir im angeschlossenen Vergnügungspark einen Snack nehmen werden. Haben wir uns verhört?

Wasserwelt Mekong
Wasserwelt Mekong
Wasserwelt Mekong
Wasserwelt Mekong
Wasserwelt Mekong Durch Vietnam stromern
GEO Saison Vietnam

GEO Saison Vietnam Gefunden in Geo Saison, Heft 11/2011, für 5 Euro am Kiosk.

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