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Bei den Buddhas von Borobudur

Über Jahrhunderte lag auf der indonesischen Insel Java die kolossale Tempelanlage unter Vulkanasche verborgen. Bis heute ranken sich Geheimnisse um den Pyramidenbau.

Von Andreas Srenk

Borobudur

Buddhistische Mönche besuchen Borobudur

Aus der Ferne wirkt die mächtige Anlage wie ein Raumschiff aus einem Science-Fiction-Film. Ein hochhausgroßer Koloss aus dunkler Materie, pockennarbig übersäht mit Rissen, Kanten, Löchern. Ein Schiff, das viele Schlachten geschlagen und überstanden hat und jetzt in feindlicher Umgebung notgelandet ist, mitten im grünen Tropenherz von Indonesien.

Aus der Nähe betrachtet wird manches klarer, anderes rätselhafter. Die Risse und Kanten entpuppen sich als zahllose Treppenaufgänge und schmale Gänge, als steinerne Buddhas und Reliefs. Das vermeintliche Raumschiff trägt den Namen Borobudur, ist die größte buddhistische Tempelanlage der Erde und liegt 42 Kilometer nordwestlich von Yogjakarta, der Großstadt auf Java. Java ist eine von mehr als 17.000 Inseln in Indonesien, dem nach China, Indien und den USA bevölkerungsreichsten Land der Welt. Was aber noch schwerer wiegt: Der südostasiatische Archipel ist der größte muslimische Staat auf dem Globus.

Und das ist unüberhörbar. Gegen halb sechs taucht die untergehende Sonne das Unesco-Weltkulturerbe in ein Linienmuster aus Licht und Schatten. Eben noch war es ganz still, die letzten Besucher sind gegangen. Da singt der Tonband-Muezzin vom Ende des Tages. Es ist Ramadan, und die Wächter, allesamt Moslems, eilen nach Hause, um zu essen und zu trinken.

Das Geheimnis um Borobudur


Nun liegt er verlassen da auf seinem Hügel - wie früher, als das gigantische Bauwerk Jahrhunderte lang durch die Vulkanasche des in kurzen Abständen ausbrechenden Merapi bedeckt und vom schnell wachsenden Dschungel üppig zugewuchert wurde. Der Baubeginn ist geheimnisumwittert und datiert vermutlich um das Jahr 800. Damals schuf das buddhistische Volk der Sailendra in Zentraljava die gigantische Anlage. In mühsamer Arbeit wurden mehr als zwei Millionen Steinblöcke aus dem nahe gelegenen Fluss Progo mit Hilfe von Elefanten und Pferden zur Baustelle geschafft. Vermutlich haben sich Szenen wie beim Bau der Pyramiden im alten Ägypten abgespielt. Bis heute ranken sich viele Geheimnisse um Borobudur: Wie lange wurde an dem Monument gebaut? Wie viele tausend Arbeiter schufteten dort? Wer war der Architekt?

Der Dornröschenschlaf endete 1814. Dann kam Sir Thomas Stamford Raffles, der fünf Jahre später Singapur gründen sollte. Er war damals Gouverneur von Java und ging Hinweisen nach, dass in dieser Gegend ein großes religiöses Monument im Dschungel existierten sollte.

Für die Ewigkeit gebaut


Er fand die versunkene Anlage zwar, doch erst Jahrzehnte später wurde ein Schrein freigelegt und die beteiligten Männer, meist Niederländer, ahnten, auf welchen archäologischen Schatz sie da gestoßen waren. Zwischen 1973 und 1984 wurde Borobudur in großem Stil ausgegraben und restauriert, nachdem die gewaltige Tempelstruktur zwischenzeitlich abgesackt war. Die moslemische Regierung ließ sich das 25 Millionen US-Dollar kosten.
Doch selbst ein Bombenanschlag von Gegnern des Diktators Suharto 1985 konnte dem
gewaltigen Komplex nicht viel anhaben. Borobudur scheint für die Ewigkeit geschaffen zu sein, trotzt allen Widrigkeiten der Natur und der Zerstörungswut der Menschen.

Am nächsten Morgen, beim Sonnenaufgang um halb sechs, wandern die Augen der wenigen Dutzend Besucher gebannt hin und her. Die drei Japanerinnen Honjo, Eri und Rieko verfolgen die Szene ganz genau und lesen im Reiseführer nach, ob auch alles richtig beschrieben wurde. Vorne die Vulkankette von Merapi, Merbabu und Sumbing, hinter denen die Sonne aufgeht und wo der Himmel üppig mit dem großen Farbeimer kleckst: von Schwarz-grau über Dunkelblau, Hellblau, Gelb und Rosarot bis Weißlich-blau reicht die Palette. Dreht man sich um 90 Grad, entfaltet sich ein ganzes steinernes Universum - aufgeteilt in drei buddhistische Welten. Borobudur steht auf einem Hügel und ragt 123 Meter in den Himmel, mit einer mächtigen glockenförmigen Stupa als Krönung auf der Spitze.

Gemeißeltes Geschichtsbuch


Ersteigt man die einzelnen Stockwerke, gelangt man zunächst in die Sinnenwelt der Menschen, der die Übergangswelt folgt, in der die Menschen von ihrer körperlichen Form erlöst werden, um schließlich ganz oben die Welt der Perfektion, den körperlosen Zustand der Erleuchtung, zu erreichen. Hunderte figürlicher Darstellungen und Reliefs zeigen das Leben Buddhas, nehmen Bezug auf die einzelnen Daseinszustände, geben Einblicke in die bäuerliche und höfische Lebenswelt der javanischen Bevölkerung im 9. Jahrhundert. Ein einzigartiges in Stein gemeißeltes Geschichtsbuch.

Hanafi, der seit Jahren mit großem Sachverstand durch die Anlage führt, weist auf verschiedene ungewöhnliche Buddha-Figuren hin: Manchen fehlt der Kopf. "Geklaut," lautet sein trockener Kommentar. In einer steinernen Stupa-Ummantelung weit oben thront gravitätisch eine weitere Abbildung des "Erleuchteten". Besucher sollen hineingreifen, um sie mit den Händen zu berühren. Das soll Glück bringen. Er selbst hat die Figur noch nie berührt. "Erstens bin ich ein sehr kleiner Asiate und erreiche die Figur gar nicht mit meinen kurzen Armen. Und zweitens glaube ich nicht daran - ich bin Moslem."

Das große Stein-Puzzle


Und dann erzählt er. Von der liberalen Haltung der Einheimischen gegenüber anderen Religionen. Von der gewöhnungsbedürftigen Argumentation des früheren Diktators Suharto, der von seinen Untertanen verlangte, dass die Religion im Pass vermerkt war. Egal, welche. Wer keine eintragen ließ, galt als Kommunist. Und das war schlimmer als die "falsche" Religion.
Von der moslemischen Zentralregierung, die seit den 50er Jahren Ausgrabung und Restaurierung großzügig finanziell fördert und stolz auf die Auszeichnung als Unesco-Weltkulturerbe (1991) ist. Von der eigenen Existenzsicherung, die ihm, dem Anhänger des Propheten Mohammed, und seiner Familie das Auskommen sichert. Von den vielen Besuchern aus asiatischen Ländern, in denen der Buddhismus eine wichtige Rolle spielt. Und von der wachsenden Touristen-Scharen aus dem eigenen Land, die überwiegend islamischen Glaubens sind und doch ein Gefühl eines gemeinsamen kulturellen Erbes entwickeln. "Fahren Sie nach Prambanan, da erleben Sie Ähnliches", gibt er dem Besucher aus Deutschland noch mit auf den Weg.

Von Weitem sehen die spitz zulaufenden schwarzen Haupttempel wie die antike Skyline einer Stadt aus, in der es eine gewaltige Explosion gegeben haben muss. Große Felsquader liegen verstreut wie Trümmerteile um die intakten Gebäude, Mauern sind eingerüstet. Überall hocken emsige Gestalten auf dem Boden, fast alle islamischen Glaubens, und versuchen, das große Stein-Puzzle zu lösen. Die größte hinduistische Tempelanlage Indonesiens liegt etwa 12 Kilometer östlich von Yogjakarta, ist ebenso Unesco-Welterbe und hat eine doppelte Bürde zu tragen: Auf dem Gelände wird seit 1918 restauriert, was das Zeug hält. Denn die Tempelstadt, in der die Gottheiten Shiva, Vishnu und Brahma verehrt werden, wurde kurz nach der Fertigstellung 850 von den Bewohnern verlassen. Der Verfall begann.

Brahma gegen Schiwa


Im Mai 2006 richtete ein Erdbeben der Stärke 5,8 starke Schäden an und gab der Stadt den Rest. "In einigen Jahren soll alles restauriert sein", sagt Arbeiter Jusuf. Angesichts der 224 bis auf die Grundmauern zerstörten Neben-Schreine, die sich wie ein steinerner Gürtel um die acht Haupttempel ziehen, darf man skeptisch bleiben. Der Blick geht zum Tempel der Gottheit Schiwa. Schiwa ist im Hinduismus der Zerstörer. Er hatte - blickt man auf die Geschichte der Tempelanlage - in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder Oberwasser und scheint ganze Arbeit geleistet zu haben. Doch da ist ja noch Brahma, der Schöpfer. Und somit besteht die Hoffnung, dass irgendwann einmal die Schönheit dieses Ortes wieder in Makellosigkeit erstrahlt.

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